11.03.2005 · Zündeln, Autocrashs und Stradivaris gehören zur täglichen Arbeit. In Kinderköpfen ist Unfallforschung bei der Allianz wahrscheinlich ein Traumberuf. Die Unfall-Detektive haben jedenfalls einen abwechslungsreichen Job.
Von Marcus Theurer, MünchenLutz Cleemann macht den Eindruck eines nüchternen Mannes. Im Büro des studierten Physikers hängt eines der streng geometrischen abstrakten Bilder des Ungarn Victor Vasarely an der Wand. Und der Globus, in der Ecke am Fenster, den er von der Münchener Rück geschenkt bekommen hat, taugt für das Träumen von der nächsten Fernreise nur bedingt. Feinsäuberlich hat der Rückversicherer auf dem Erdenrund Hurrikan-Verläufe, Erdbeben- und Vulkanrisikogebiete eingezeichnet.
„Geschäftsführer Allianz Zentrum für Technik AZT“, steht auf Cleemanns Visitenkarte. Auch das klingt nicht wirklich aufregend. Doch der Eindruck täuscht. Im Grunde leitet der freundliche Herr im gesetzten Alter mit dem schütteren Haupthaar einen Abenteuerspielplatz für Ingenieure und Naturwissenschaftler. So würde Cleemann das selbst natürlich niemals ausdrücken: „Das spannende hier ist die Breite der Themen“, sagt er. Da hat er wohl recht. Handfester als bei den Unfallforschern im AZT ist das trockene und zahlenlastige Versicherungsgeschäft nirgends.
Autocrashs im Dienste der Wissenschaft
Cleemanns rund 100 Mitarbeiter dürfen Autos an der Wand zerschellen lassen, in der Brennkammer wilde Brände entfachen und im Klangkörper einer Stradivari nach Beweisen für deren Echtheit fahnden. Alles zum Wohl der Assekuranz. Die Allianz-Sachsparte versichert vom Parkrempler mit dem Auto bis zur Explosion in der Turbinenhalle fast alles, was schiefgehen kann. Doch Ursache und damit Haftungspflicht sind oft genug zunächst unklar. Viel zu tun für die Allianz-Detektive.
Ein kurzer Rundgang durch die von außen unscheinbare Betonburg des AZT im Münchner Vorort Ismaning genügt und auch Frohnaturen wird klar: Das Leben ist ein einziger Schadensfall. In der picobello aufgeräumten Autowerkstatt drängen sich die zerknautschten Kleinwagen. Draußen im Garten ruht malerisch eingeschneit eine wüst verbogene Turbine, deren Einzelteile an einem kalten Wintermorgen vor 18 Jahren kilometerweit über die oberbayerischen Äcker geflogen sind. In der Vitrine auf dem Gang hat in Plexiglas eingegossen ein winziges, schwarzverkohltes Mäuslein die letzte Ruhe gefunden. Der Nager hat, wie die Allianz auf der daneben hängenden Tafel erläutert, einst einen kapitalen Kabelbrand verursacht.
Vorreiter seit 30 Jahren
Es kann nicht mehr lange dauern und auch der letzte Flur des Forschungszentrums ist mit den Mahnmalen kleinerer und größerer Technikpannen zugestellt. Selbst die gläserne Platte des Stehtischs vor Cleemanns Zimmer ruht bereits auf einer deformierten Kurbelwelle. Rund 40 000 Schäden haben die Techniker untersucht, seit die damalige Materialprüfstelle der Allianz 1932 in Berlin gegründet wurde. Da kommen ziemlich viele Schaustücke zusammen.
„Sie können das Versicherungsgeschäft entweder vom Schreibtisch aus betreiben, oder sie gehen fachlich in die Tiefe“, sagt Cleemann. Die meisten Versicherer ziehen Anzug und Krawatte den weißen Kitteln der Allianz-Forscher vor. Kaum eine Assekuranz auf der Welt unterhalte eine Forschungsabteilung wie das AZT, sagt Cleemann. Die Konkurrenz holt Gutachten in der Regel von externen Sachverständigen ein. „Wir haben die Kompetenz lieber im eigenen Haus“, sagt der Chefdetektiv der Allianz. Beim AZT will man es seit jeher genau wissen. Schon Ende der sechziger Jahre stand das erste Rasterelektronenmikroskop im Lande nicht in einer deutschen Universität, sondern in Ismaning.
Hotels und ICE-Züge werden abgefackelt
Im Dienste des versicherungstechnischen Fortschritts wird sich demnächst auch ein nagelneuer schwarzglänzender VW-Passat mit seinen schönen grauen Lederpolstern zu Blechschrott verwandeln. Schon haben die Techniker das Auto zum Aufpralltest hinunter auf die Testbahn im Keller gehieft. Volkswagen will hier Importeuren und Versicherern live vorführen lassen, wie reparaturfreundlich die neue Modellgeneration sei. Der Allianz geht es bei den Versuchen vor allem darum, die Reperaturkosten nach Unfällen zu senken. Es sei auch das Verdienst des AZT, daß sich zum Beispiel der Reparaturaufwand für einen typischen Auffahrunfall in der Innenstadt mit einem VW-Golf seit den achtziger Jahren mehr als halbiert habe, sagt Heike Stretz von der Autoabteilung des Forschungsinstituts.
Am meisten Spaß macht die Schadensforschung aber noch immer da, wo es zischt, brennt und qualmt: Bei den Berufspyromanen in der Brandschutzabteilung. In der geräumigen klinkerverkleideten Brennkammer haben sie schon ganze Hotelzimmereinirchtungen und Innenausstattungen von ICE-Zügen abgefackelt. Die Forscher glauben nichts, was sie nicht selbst ausprobiert haben: Kann eine Kiste mit Einwegfeuerzeugen Feuer fangen, wenn sie auf den Boden fällt? Nein? Die Allianz-Ingenieure stiegen ein ums andere mal auf die Leiter und ließen Kiste um Kiste nach unten sausen. Und siehe da: Irgendwann wurde der Feuerlöscher tatsächlich gebraucht.
„Keine Goldgrube“
Spätestens hier in der Feuerabteilung drängt sich dem Besucher der Eindruck auf, daß dieses kleine Tüftler-Biotop jenseits der kaufmännischer Vernunft eines Milliardenkonzerns angesiedelt sein muß. Nun ja, eine Goldgrube sei das „Profit Center“ AZT nicht, sagt Geschäftsführer Cleemann. Aber Verluste mache das Institut auch nicht. Bei einem Umsatz von rund 13 Millionen Euro erwirtschaftete das AZT zuletzt aber ein ausgeglichenes Ergebnis. Dafür sorgen nicht zuletzt lukrative Fremdaufträge von großen Industrieunternehmen oder Versicherern für die Materialforscher von der Allianz.
Zeit zum Reiten der Steckenpferde bleibt aber allemal. Als der Abenteurer Reinhold Messner den Schlitten ausprobierte, mit dem er zum Südpol wandern wollte, stellte er schon beim ersten Test fest, daß der vor Ort nicht recht rutschen wollte. In Ismaning schaute man sich die Sache einmal an. Die Ursache war dann schnell gefunden: Die Spezialbeschichtung der Kufen vertrug sich nicht mit dem Antarktiseis.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.378,31 | −1,14% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2435 | −0,43% |
| Rohöl Brent Crude | 104,78 $ | −1,94% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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