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Veröffentlicht: 29.01.2017, 20:31 Uhr

Welternährungsprogramm der UN Kampf gegen Hunger – vom Sofa aus mit 40 Cent

Die Vereinten Nationen setzen in ihrem Welternährnungsprogramm zunehmend auf digitale Apps – und experimentieren sogar mit der Blockchain.

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© dpa Gespräch über den Hunger: Außenminister Steinmeier und die Direktorin des Welternährungsprogramms, Ertharin Cousin

Deutschland ist in Geberlaune: Hinter den Vereinigten Staaten ist die Bundesregierung im vergangenen Jahr der größte staatliche Geldgeber für das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen gewesen. Der Großteil der 791,5 Millionen Euro floss nach Syrien und in die Nachbarländer, nach Angaben der WFP half das Geld dabei, die Ernährungshilfe für fast sechs Millionen Menschen wiederherzustellen.

Jonas Jansen Folgen:

Doch allein mit Hilfen aus Staatstöpfen können die Vereinten Nationen ihr ambitioniertes Ziel, bis zum Jahr 2030 den Hunger auf der Welt zu beenden, niemals erreichen. Auch wenn die Zahl stetig zurückgeht, haben immer noch 795 Millionen Menschen auf der Welt zu wenig zu essen. Um ein Kind in einem armen Land für einen Tag satt zu machen, kalkulieren die Entwicklungshelfer mit 40 Cent – auf diese Zahl kommen sie, wenn sie Kosten für Anbau, Produktion, Transport und Lagerung durchgerechnet haben. Die größten Spender sind die Älteren: Mehr als die Hälfte des Spendenaufkommens kommt von über Sechzigjährigen.

Damit es nicht nur bei denen bleibt, sondern auch Jüngere dazukommen, digitalisieren sich die Vereinten Nationen selbst: „Wir wissen, dass Innovation und Technologie uns die Werkzeuge dafür geben, aus unserer Vision einer Welt ohne Hunger die Realität zu machen“, sagt Ertharin Cousin, Exekutivdirektorin des WFP, der F.A.Z. Die Amerikanerin steht dem Welternährungsprogramm seit mehr als vier Jahren vor und hat nicht nur einen „Innovation Accelerator“, also eine Forschungsgruppe für Innovationen in München installiert, sondern bietet seit Sommer 2015 auch eine App für Smartphones an.

Mehr als 10 Millionen Mahlzeiten wurden bereits über die App geteilt

Das kleine Programm namens „Share the Meal“ – Teile das Essen – hat vor allem hierzulande viele Unterstützer gefunden, nirgendwo sonst haben sich so viele Menschen für die App registriert wie in Deutschland. Gut anderthalb Jahre nach dem Start haben mehr als 700.000 Menschen rund um die Welt das Programm heruntergeladen und mehr als 10 Millionen Mahlzeiten „geteilt“. Der Aufbau des Programms folgt der 40-Cent-Idee, mit zwei Klicks sind die Centbeträge überwiesen.

Das zielt voll auf die junge Zielgruppe: Weltretten vom heimischen Sofa oder aus dem Café heraus, wer sich gerade ein Stück Torte gönnt, gibt auch etwas ab – und wenn es nur 40 Cent sind. Gerade sammelt das WFP für Kinder in Kamerun, die unter dem Konflikt um die Terrorgruppe Boko Haram leiden, das Ziel der Kampagnen ist immer die Finanzierung von einer Million Mittagessen für Kinder.

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Ein Drittel der Spender sind jünger als 30 Jahre, die fühlen sich nicht nur angesprochen vom Aufbau des Smartphone-Programms, sondern teilen und verbreiten es auch über soziale Netzwerke wie Facebook, nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber. „Hinter der Philanthropie der sogenannten Millennials steckt ein Markt, den wir noch stark ausbauen können“, sagt Cousin. Junge Menschen seien ebenso großzügig wie ältere, forderten aber mehr Transparenz und Teilhabe. Deshalb arbeitet das WFP nicht nur an der App, sondern auch daran, etwa mit der Technik der „Virtuellen Realität“ Spender und Empfänger stärker zu vernetzen, also zum Beispiel in Filmen stärker zu zeigen, bei welchen Schulkindern oder Bauern das Geld ankommt.

„Wir investieren kleine Beiträge in viele Projekte“

Gleichzeitig versichert die Exekutivdirektorin, dass die Vereinten Nationen nicht zu viel Geld in Experimente stecken. „Wir investieren kleine Beträge in viele Projekte, damit wir schnell sehen, wenn etwas scheitert und dort stärker fördern können, wo es sich lohnt“, sagt Cousin. So ist das WFP eine der wenigen Organisationen, die mit der Blockchain-Technologie experimentiert, erst in der vergangenen Woche seien in der Sindh-Region in Pakistan erste Transfers komplett über die Datenbank abgewickelt worden.

Einige Entwicklungshelfer und Finanzanalysten versprechen sich von der neuartigen Technologie eine Chance gerade für die Ärmsten auf der Welt: Denn durch die Blockchain können Geldgeschäfte ohne Intermediäre wie Banken abgewickelt werden und somit auch Transferkosten deutlich sinken. Gerade Mikrotransaktionen sind heute noch oft durch hohe Kosten nicht rentabel. Schon jetzt sind Bankgeschäfte über Mobiltelefone in armen Regionen weit verbreitet, durch die Blockchain könnten Farmer ohne Zugang zu Banken am Handel teilhaben.

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Von Holger Steltzner

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