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Umzug nach Berlin : Eine Rosskur für den Duden

„Der Duden wird Berliner“ Bild: dapd

Der angeschlagene Duden-Verlag zieht von Mannheim nach Berlin. Der Betriebsrat kämpft zwar noch um den Verbleib, eine Einstweilige Verfügung gegen den Umzug hat ein Gericht aber bereits verweigert.

          Alexander Bob hat Klaus Wowereit eine Freude gemacht. Für einen kurzen Moment wenigstens musste der Regierende Bürgermeister nicht über die Schwierigkeiten am Hauptstadtflughafen reden, sondern konnte eine gute Nachricht für die Wirtschaft Berlins verkünden. Die Neuigkeit ist zwar finanziell nicht so bedeutend, aber ihre Symbolkraft hoch - so hoch sogar, dass Wowereit gleich eine Anleihe bei John F. Kennedy nahm. „Der Duden“, sagt er, „wird Berliner.“

          Bernd  Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Den Umzug des Klassikers hat Alexander Bob zu verantworten. Der 53 Jahre alte Mediziner leitet die Duden-Muttergesellschaft Franz Cornelsen Bildungsholding - mit 3000 Mitarbeitern und 430 Millionen Euro Jahresumsatz der größte Schulbuchverlag Deutschlands. 2007 war der gelernte Arzt ausgerechnet vom angeschlagenen Duden-Verlag, der Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, in Mannheim nach Berlin gewechselt. Damals habe er noch nicht ahnen können, dass Cornelsen zwei Jahre später Teile des Verlages übernehmen werde, sagte er.

          30 Mitarbeiter will Cornelsen in Mannheim lassen

          Jetzt hat Bob dem Duden eine Radikalkur verordnet, die viele seiner ehemaligen Mitarbeiter hart trifft. Wie viele der 190 Stellen wegfallen, ist nicht klar, zumal nicht alle für den Duden arbeiten und Cornelsen die in Mannheim ansässige Kinder- und Sachbuchsparte ganz verkauft. Der Betriebsrat kämpft zwar noch um den Verbleib, eine Einstweilige Verfügung gegen den Umzug hat ein Gericht aber bereits verweigert. 30 Mitarbeiter will Cornelsen in Mannheim lassen, die sollen sich von der Kurpfalz aus weiter um „das Herz“ des Duden kümmern, um das digitale Archiv und den „Wortbestand der Deutschen Sprache“. Damit hätte Cornelsen das Versprechen gehalten, den Standort nicht zu schließen. De facto kommt der Umzug einer Aufgabe gleich.

          Dass der ehrwürdige Verlag ins Straucheln kam, lag am wenigsten am Duden selbst. Der Rechtschreibduden, „Der Duden 1“, wie er intern heißt, erreicht zwar nicht mehr die Auflagenhöhen früherer Tage, aber mit 500000 verkauften Exemplaren im Jahr noch immer vordere Plätze in den Bestenlisten, und als unangefochtener Marktführer sei er nach wie vor eine Erfolgsgeschichte, sagt Verlagssprecher Klaus Holoch. Im zwölfbändigen Dudensortiment hätten sich zwar schon Bremsspuren bemerkbar gemacht, diese allein hätten die Schwierigkeiten des Verlags aber nicht verursacht. Das Verlagsgerüst sei angesichts der Brockhaus-Verluste einfach zu groß gewesen.

          2008 stellte Langenscheidt die gedruckte Brockhaus-Ausgabe ein und verkaufte die Rechte an Bertelsmann, den Rest des Verlages übernahm ein Jahr später Cornelsen. Noch Ende der neunziger Jahre, in den Nachwehen der Wiedervereinigung, habe man die erfolgreichsten Jahre von Brockhaus überhaupt gefeiert, sagt Bob. „Damals konnten Sie den Brockhaus auf Tapeziertischen vorm Aldi verkaufen.“ Bald danach aber begann der Niedergang der gedruckten Ausgaben, der Aufstieg von Wikipedia hat das Geschäftsmodell der 2500 Euro teuren gedruckten Enzyklopädie zunichtegemacht. Eine seiner ersten Aufgaben sei es gewesen, ein Viertel der Stellen zu streichen. Cornelsen hat Bob die Verluste nicht angelastet.

          Seit Mitte dieses Jahres verantwortet Bob einen der größten Umbauten der Verlagsgeschichte: Der Cornelsen-Verlag will das Geschäftsfeld Nachhilfe mit immerhin 1000 Studienkreis-Filialen verkaufen und sich von seinem Wissenschaftsverlag und dem Kinderbuch-Programm trennen. Stattdessen sollen beträchtliche Mittel in die Entwicklung digitaler Bildungsangebote und in die Erwachsenenbildung fließen. Ein gewaltiger Umbau für das mittelständische Unternehmen.

          Alexander Bob
          Alexander Bob : Bild: Cornelsen

          Wie kommt man vom Arzt zum Unternehmer? Seine Erfahrungen als Assistent bei Landärzten hätten ihm diese Entscheidung erleichtert, sagt Bob und lacht. Tatsächlich hat er schon als Medizinstudent und Assistent in der Anatomie erste kleine Büchlein für andere Anatomiestudenten verfasst. Daraus sei bald eine ganze Reihe für angehende Mediziner geworden, zunächst veröffentlicht in einem kleinen Verlag seiner Heimatstadt Weinheim. Noch während seiner Arbeit als Arzt am Mannheimer Klinikum entwickelte er gemeinsam mit seinem Bruder für den Stuttgarter Thieme-Verlag eine weitere Lehrbuchreihe für Mediziner. „Wir hatten MLP als Sponsor und außerdem ein ausgeklügeltes didaktisches Konzept. Mit diesem Preis-Leistungs-Verhältnis wurden wir aus dem Stand Markführer.“ Auch heute noch, 23 Jahre nach ihrer Entwicklung, sei die Reihe erfolgreich. 1991 wechselte Bob als Leiter Programmplanung ganz zu Thieme. 1998 schließlich kam der Ruf nach Mannheim.

          Der Duden soll in Berlin weitergeführt und ausgebaut werden. Der Klassiker trotzt der digitalen Revolution: Selbst die seit Anfang 2011 kostenlose Duden-Hilfe im Internet habe der Druckauflage nicht geschadet, sagt Holoch. Der Duden bleibe Standardwerk, und er werde sicher nicht den Weg von Brockhaus gehen. Wann die nächste Auflage kommt, sei noch nicht sicher. Eigentlich alle drei bis fünf Jahre; je nachdem wie schnell sich die Sprache verändere, werde der Duden neu aufgelegt. 2009 kamen 5000 neue Wörter hinzu.

          Quelle: F.A.Z.

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