08.09.2004 · Der Energiebedarf in der Welt wird bis 2020 um bis zu 50 Prozent wachsen. Ein Zusatzbedarf entsteht vor allem in den Entwicklungsländern. Er wird überwiegend mit fossilen Energieträgern gedeckt werden.
Zhou Dadi ist ein freundlicher, aber nüchterner Mann. Deshalb ist das Fazit, das er gegen Ende seines Vortrags zieht, nicht wirklich überraschend, wohl aber die Beiläufigkeit, mit der er es ausspricht: "Heute ist China der zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen in der Welt, 2020 wird es weltweit an erster Stelle liegen."
Natürlich wissen der Generaldirektor des Chinesischen Energieinstituts und die politische Führung in Peking um die klimaschädlichen Wirkungen der Kohleverfeuerung. "Aber", fragt der Mann aus dem Land, dessen schier unerschöpflicher Rohstoffhunger die Weltmarktpreise seit Monaten nach oben katapultiert, "welche Alternativen haben wir zur Kohle?"
Kein wirksamer Umweltschutz ohne billige Energie?
Die Frage, wie der unablässig wachsende Hunger nach Energie gestillt werden kann, ohne die Umwelt übermäßig zu belasten, beschäftigt in diesen Tagen rund 2000 Manager der Energiewirtschaft in Sydney. Eine Patentantwort auf die Frage nach den Quellen "nachhaltiger Entwicklung" weiß auch dort niemand. Doch werden die meisten der zum 19. Weltenergiekongreß angereisten Manager der Analyse zustimmen, die der Präsident des Deutschen Komitees des Weltenergierates, Gerhard Ott, zieht: Nur bei einer ausreichenden Versorgung mit bezahlbarer Energie könne die Wirtschaft wachsen.
Ohne Wachstum könne weder die Armut in der Welt bekämpft noch die Umwelt wirksam geschont werden. Australiens wahlkämpfender Ministerpräsident John Howard drückt das so aus: Australien bleibe ein verläßlicher (Kohle-)Lieferant und sei an stabilen Märkten und Wachstum interessiert. Weil aber wichtige Konkurrenten sich den Restriktionen des Kyoto-Klimaprotokolls nicht unterzögen, werde er es auch nicht unterzeichnen.
Vier Fünftel des Zuwachses entfallen auf die Entwicklungsländer
Eine zum Kongreß vorgelegte Untersuchung des Weltenergierates kommt zu dem Ergebnis, daß die Energienachfrage rund um den Erdball bis 2020 um 30 bis 50 Prozent steigen wird, vor allem in Asien und Lateinamerika. Der Exxon-Konzern rechnet nach einer neuen Untersuchung mit einem Zuwachs von 40 Prozent, wobei vier Fünftel des Zuwachses auf die Entwicklungsländer entfallen sollen.
Ein großer Teil davon wiederum wird durch Öl gestillt: Die Mobilität der Menschen wächst, die Industrie verlangt mehr Transportleistungen, die Mechanisierung der Landwirtschaft schreitet fort. Allerdings verfügen auch heute noch zwei Milliarden Menschen, also etwa ein Drittel der Weltbevölkerung, über keinen Zugang zum Stromnetz. Im Jahr 2030 werden immer noch 1,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zum Stromnetz haben, prognostiziert der Weltenergierat.
Energiesparen
Energiesparen kann angesichts dieser Dimension nur einer von vielen Bausteinen sein, vor allem in den wohlhabenden Nationen. Kohle, Öl und Gas werden den Studien zufolge auch in den nächsten Jahrzehnten die mit Abstand wichtigsten Energieträger bleiben. Heute decken sie zusammen 80 Prozent der Weltversorgung. 90 Prozent der zusätzlichen Nachfrage dürfte mit Hilfe fossiler Energieträger gedeckt werden, schätzt der Weltenergierat.
Selbst in Europa, wo die Erfüllung des Kyoto-Protokolls mit dem Handel von Emissionsrechten möglichst kostengünstig erreicht werden soll, könnte der Ausstoß leicht ansteigen. Auch in Amerika wird der Ausstoß der Klimagase zunehmen. Der Ausreißer aber ist China: Dort soll der Ausstoß im Jahr 2030 um mehr als 50 Prozent über dem heutigen Wert liegen.
Stromabschaltungen trotz Kohleboom
Zhuo Dadis Präsentation zeigt schnell, woran das liegt: Im vergangenen Jahr haben die 60 000 Zechen in China 1,67 Milliarden Tonnen Steinkohle gefördert. In keinem Land der Erde wurde mehr aus den Gruben geholt. Das waren 20 Prozent mehr als im Vorjahr. 2004 werden die sechs Millionen Kohle-Kumpel bereits 1,9 Millionen Tonnen fördern. 880 Millionen Tonnen davon werden allein zur Stromerzeugung verbrannt.
Das hat ein Viertel der Bevölkerung im Sommer nicht vor Stromabschaltungen bewahrt. Der Anteil der zur Verstromung eingesetzten Kohle soll auch deshalb in den kommenden Jahren um jährlich 60 bis 80 Millionen Tonnen steigen. Dieser Zuwachs ist größer als die absolute Steinkohlemenge, die in Deutschland jährlich zur Stromerzeugung verbrannt wird. Binnen 15 Jahren sollen in China neue Kohlekraftwerke mit 700 000 Megawatt Leistung entstehen. Das entspricht etwa dem Siebenfachen der heutigen Stromerzeugung in Deutschland.
„Wir sollten die Option der Kernenergietechnologie nicht weltweit aufgeben."
Umweltpolitikern, denen das Schweißperlen auf die Stirn treibt, werden auch an den weitgehend kohlendioxydfreien Zusatzplanungen der chinesischen Regierung wenig Gefallen finden: Bis 2020 soll, neben Wasserkraft und anderen regenerativen Energien, vor allem in die Atomenergie investiert werden. China steht mit seinen massiven Ausbauplänen nicht allein in der Welt (F.A.Z. vom 2. September.).
Die Chefs deutscher Energiekonzerne verfolgen das mit Interesse, sehen sie dort und in vielen anderen Ländern der Erde doch eher Konzept eines "ausgewogenen Energiemix" verwirklicht, das sie in Deutschland ihrer Meinung nach nicht durchsetzen konnten. RWE-Chef Harry Roels sagt, er halte den in Deutschland verfolgten Ausstieg aus der Atomenergie "persönlich" für falsch. Angesichts des wachsenden Energiebedarfs müßten alle Optionen genutzt werden. "Ich glaube, wir sollten die Option der Kernenergietechnologie nicht weltweit aufgeben."
Auch sein Kollege Klaus Rauscher vom Stromkonzern Vattenfall lobt nicht nur die heimische Braunkohle, die preiswert und noch über Jahrzehnte verfügbarsei. Ihm geht der deutsche Atomausstieg im Grunde zu weit, auch wenn er wie Roels versichert, daß sich die Energiebranche an die mit der Regierung getroffene Vereinbarung halten werde.
Die Spitzenvertreter der deutschen Industrie, die an niedrigen Strompreisen interessiert seien, sollten Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke verlangen, regt Rauscher an. Während die in Deutschland nach durchschnittlich 32 Jahren abgeschaltet werden sollten, würden die Laufzeiten in Amerika gerade auf 60 Jahre erhöht.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.723,55 | +0,46% |
| FAZ-INDEX | 1.500,91 | +0,39% |
| TecDAX | 773,99 | +0,53% |
| MDAX | 10.279,90 | +0,30% |
| SDAX | 5.003,61 | +0,37% |
| REX | 421,76 | +0,17% |
| Eurostoxx 50 | 2.485,83 | +0,20% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,31 | +0,37% |
| Dow Jones | 12.846,70 | +0,36% |
| Nasdaq 100 | 2.559,13 | +0,46% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.999,18 | +0,58% |
| EUR/USD | 1,3217 | −0,16% |
| Rohöl Brent Crude | 118,12 $ | +0,19% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,23 € | −0,28% |