04.10.2009 · Nach seinen umstrittenen Interview-Äußerungen über das Zuwanderermilieu Berlins nimmt die Kritik an Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin zu. Von einem „Reputationsschaden“ spricht Bundesbank-Präsident Axel Weber. Sarrazin müsse „in sich gehen und sich selbst prüfen.“
Nach seinen umstrittenen Äußerungen in einem Interview mit der Berliner Kulturzeitschrift „Lettre International“ nimmt die Kritik an Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin (SPD) zu. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast, sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Sarrazins Menschenverachtung ist untragbar.“ Seine Entschuldigungen nehme man ihm nicht mehr ab, weil er „immer wieder hetzt“. Bundesbankpräsident Axel Weber müsse umgehend handeln. „Jede Ortssparkasse müsste umgehend Konsequenzen ziehen. Wenn die Bundesbank nicht sofort handelt, gefährdet sie ihre Substanz.“
Sarrazin hatte in dem Interview unter anderem eine mangelnde Integration vor allem von Türken und Arabern in Berlin kritisiert. Von denen erfülle in Berlin „eine große Zahl keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel“. Besondere Empörung riefen zwei Sätze hervor: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate“. Sowie: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“
Weber: „Reputationsschaden so schnell wie möglich zu beheben“
Gegenüber der F.A.Z. sagte Bundesbankpräsident Weber, Sarrazin müsse „in sich gehen und sich selbst prüfen“ in der Frage, ob sein Auftritt dem Ruf der Institution zuträglich gewesen sei. Die Bundesbank sehe in dem Interview einen „gewissen Reputationsschaden“, den es „so schnell wie möglich zu beheben“ gelte. Schon am Samstag hatte Weber das Verhalten Sarrazins scharf kritisiert. Beobachter sahen darin eine indirekte Rücktrittsforderung an Sarrazin.
Am Sonntag schloss sich die Gewerkschaft der Bundesbank, VdB, der Kritik Webers an. Da der ehemalige Berliner Finanzsenator dem Ansehen der Notenbank „erheblichen Schaden zugefügt“ habe, sei er als Vorstandsmitglied nicht mehr tragbar. Sarrazin hatte sich am Donnerstag öffentlich entschuldigt und gesagt, es sei ihm nicht darum gegangen, einzelne Volksgruppen zu diskreditieren. Weber nannte die Entschuldigung „notwendig und angemessen“.
Nach Angaben eines Sprechers der Berliner Staatsanwaltschaft prüft das dortige Landeskriminalamt, ob das Interview den Anfangsverdacht eines strafbaren Verhaltens rechtfertigt. Auch in der SPD geriet Sarrazin unter Druck. Der Berliner SPD-Ortsverband Alt-Pankow stellte einen Antrag auf ein Parteiordnungsverfahren mit dem Ziel des Parteiausschlusses. Zuvor hatte schon die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Högl ein Parteiausschlussverfahren gefordert, weil Sarrazin für die Sozialdemokratie „untragbar“ sei. Die türkische Zeitung „Hürriyet“ schrieb am Freitag von „schockierenden Worten“ Sarrazins. Er habe die Türken und andere Ausländer damit beleidigt und „wie ein NPD-Mitglied“ gesprochen.
Der Schlampfaktor
Zugleich hatte Sarrazin zum Rundumschlag gegen seine frühere Wirkungsstätte ausgeholt: Berlin sei insgesamt belastet durch zwei Faktoren: „der 68er-Tradition und dem Westberliner Schlampfaktor. Es gibt auch das Problem, dass vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden“, sagte Sarrazin in dem Interview.
Der 64 Jahre alte Sarrazin ist seit dem 1. Mai im Bundesbank-Vorstand und dort zuständig für Bargeld, Informationstechnologie und Risiko-Controlling. Zuvor war er sieben Jahre Finanzsenator in Berlin und verpasste der hoch verschuldeten Hauptstadt einen rigiden Sparkurs. Schon in dieser Zeit war er mit provokanten Äußerungen aufgefallen.
| Name | Kurs | Prozent |
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