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Umschuldung Griechenlands : In Watte gepackt

  • -Aktualisiert am

Die Preise der neuen Griechenlandanleihen zeigen, was der Markt denkt: Es kommt eine weitere Umschuldung. Bild: dapd

Die Europäische Währungsunion hat einen ungeordneten Zahlungsausfall Griechenlands verhindert. Der jetzige Schuldenschnitt ist allerdings nur so reibungslos möglich, weil das Finanzsystem zuvor in Watte gepackt wurde, und dies zu einem hohen Preis.

          Griechenland ist „pleite“. Der Staat zahlt seine Schulden nicht jedem Gläubiger zurück. Aber dies ist mittlerweile nur noch Formsache. Der befürchtete Weltuntergang, der vor allem am Londoner Finanzplatz an die Wand gemalt wurde, ist ausgeblieben. Stattdessen zeichnet sich ab, dass die größte Umschuldung seit dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich abgewickelt wird, und dies in all ihrer Komplexität innerhalb eines Währungsverbundes.

          Ein hoher Preis

          Dies ist für sich gesehen ein Erfolg der beteiligten Regierungen, Institutionen, Notenbanken und Marktteilnehmer und ein Erfolg für die Europäische Währungsunion. Sie hat einen ungeordneten, chaotischen Zahlungsausfall Griechenlands verhindert und damit das Vertrauen der Marktteilnehmer nicht noch mehr erschüttert, als dies ohnehin schon der Fall war. Die griechische Umschuldung - nichts anderes ist der erzwungene Anleihetausch - wird von Athen, der europäischen Politik und den Banken gefeiert. Griechenland erhält nun sein komplettes zweites Rettungspaket. Portugal, Italien und Spanien stehen nicht am Abgrund. Warum also nicht gleich so, könnte man fragen.

          Der jetzige Schuldenschnitt ist allerdings nur so reibungslos möglich, weil das Finanzsystem in Watte gepackt wurde, und dies zu einem hohen Preis. Zur Erinnerung: Eine Umschuldung war so lange nicht kalkulierbar, solange die Risiken maroder Banken und hochverschuldeter Staaten verknüpft waren. Solange Banken zu viele Anleihen notleidender Staaten in den Büchern hatten, erhielten sie von der Konkurrenz kein Geld mehr. Und solange sie kein Geld mehr erhielten, stieg das Risiko der Staaten, ihre Banksysteme mit noch höherem Kapitaleinsatz retten zu müssen.

          Refinanzierung der Banken auf drei Jahre hinaus gesichert

          Zwei Dinge haben dieses Szenario seit Beginn des vergangenen Jahres verändert: Den Banken wurde gestattet, die maroden Staatsanleihen entweder bei der Europäischen Zentralbank (EZB) abzuladen oder sie - gemächlich - weitgehend abzuschreiben. Mit einem ernsten „Banken-Stresstest“ wurde daher lange gewartet. Die EZB wurde letztlich genötigt, ein indirektes Programm der quantitativen Lockerung von 1 Billion Euro zu lancieren. Mit diesem Programm hat die EZB eine billige, von der Konkurrenz unabhängige Refinanzierung der Banken auf drei Jahre hinaus gesichert und indirekt die Nachfrage nach Anleihen selbst hochverschuldeter Staaten angekurbelt.

          Wer die Griechenlandumschuldung heute als Erfolg sieht, darf nicht aus dem Auge verlieren, dass weder der Geld- noch der Kapitalmarkt in der Währungsunion „normal“ funktionieren - und zwar auf Jahre hinaus nicht. Auch ist nicht ersichtlich, wie und ob die EZB es schaffen wird, den Bankensektor in drei Jahren von der bequemen Refinanzierungsquelle wieder zu entwöhnen.

          Keine Unruhe am Markt

          Die Ansteckungsgefahr für Portugal und andere Peripherie-Staaten wurde mit umfangreichen Rettungsfonds gelindert. Gleichzeitig wurden für Griechenland zwei Hilfspakete geschnürt, deren Kapital zum erheblichen Teil an den Bankensektor in Form von Kapitalaufstockung und Rückzahlungen im Rahmen der Umschuldung zurückfließt. Die Koppelung von Bank- und Staatsrisiko wurde durch diese Hilfsmaßnahmen gebrochen. Das erklärt, warum eine Umschuldung jetzt keine Unruhe am Markt mehr auslöst.

          Aber der Preis ist hoch, vielleicht zu hoch: Griechenland wird - selbst mit dieser Umschuldung - nur dann in der Lage sein, seine Schulden auf ein erträgliches Maß zu drücken, wenn sich die Konjunktur in dem Land in völlig unrealistischer Weise erholt und eine neue Koalitionsregierung die bisher auferlegten drakonischen Reformen konsequent durchzieht - beides ist sehr unwahrscheinlich.

          Das Ende der Fahnenstange

          Die Preise der neuen Griechenlandanleihen zeigen schon, was der Markt denkt: Es kommt eine weitere Umschuldung und dann womöglich doch der Austritt des Landes aus der Währungsunion. Ob dies für die Griechen wirklich so grauenhaft wäre wie von der Londoner City dargestellt? Bisher jedenfalls haben Umschuldungen immer nur dann einen nachhaltigen Erfolg gehabt, wenn sie gleichzeitig mit drastischen Währungsabwertungen von 60 bis 80 Prozent begleitet waren - auch im Falle Argentiniens. Diese Abwertung allein im Innenverhältnis eines Landes zu erreichen drückt der Wirtschaft eine Last auf, die sie kaum schultern kann.

          Alle Beteiligten müssen jetzt die kommenden drei Jahre nutzen: Die in Watte gepackten Banken müssen sich so zurechtschrumpfen und sanieren, dass sie ohne den Tropf der EZB auskommen und wieder von der Konkurrenz Geld erhalten. Die Schuldnerstaaten müssen die Kapitalmärkte von ihren Strukturreformen überzeugen, damit sie auch ohne künstlich befeuerte Anleihekäufe Kapitalgeber finden. Und die Geberländer müssen akzeptieren, dass bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent irgendwann das Ende der Fahnenstange drakonischer Sparmaßnahmen erreicht ist. Im besten Fall ist das brutale Anpassungsprogramm für Athen eine Warnung an Länder wie Portugal, dem schlechten Beispiel Griechenlands nicht nachzueifern. Insgesamt ist die Umschuldung Athens wieder nur ein Zwischenschritt in dieser langwierigen Finanz- und Schuldenkrise.

          Quelle: F.A.Z.

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