Ich halte die Kritik an der Zwei-Säulen-Strategie der EZB für überzogen und plädiere dafür, die Strategie beizubehalten. Bis heute gibt es in der Wirtschaftswissenschaft keine allgemein anerkannte Erklärung des Inflationsprozesses. Im wesentlichen konkurrieren zwei Inflationstheorien miteinander: monetäre und nichtmonetäre. Da es das oberste Ziel der EZB ist, Inflation zu verhindern, tut sie gut daran, sowohl die monetären als auch die nicht-monetären Risiken für die Preisstabilität genau zu analysieren und zu bewerten.
Was liegt da näher als eine analytische Trennung der beiden Bereiche in zwei verschiedene Säulen? Natürlich kommt es häufig vor, daß die beiden Säulen unterschiedliche Signale aussenden. Der EZB-Rat muß diese dann bewerten und gewichten, um zu einer Zinsentscheidung zu kommen. Dieses Urteil wird monatlich gefällt und zeitnah detailliert kommuniziert. Die Finanzmärkte verstehen diesen Prozeß offenbar besser als die Kritiker des Konzepts. Jedenfalls haben die Märkte das Ergebnis - die Zinsentscheidung - zumeist korrekt antizipiert.
Eine Aufgabe der ersten, monetären Säule wäre ein Fehler. Die Bank von Japan hätte die Deflation vermeiden können, wenn sie der Kontraktion des Kreditvolumens Mitte der neunziger Jahre mehr Gewicht beigemessen hätte. Hätte die Fed die Geldmengen- und Kreditexpansion der späten neunziger Jahre nicht aus dem Ruder laufen lassen, wäre uns einiges von der Achterbahnfahrt an den Finanzmärkten erspart geblieben. Die EZB sollte sich nicht beirren lassen.