13.08.2008 · Der kleine Sportwagenhersteller Porsche übernimmt Volkswagen, der Familienbetrieb Schaeffler will den Autozulieferer Continental schlucken. Wird auch Daimler zum Objekt der Begierde? In den Zentralen deutscher Konzerne grassiert die Angst vor ungebetenen Aktionären.
Von Holger SteltznerDer kleine Sportwagenhersteller Porsche übernimmt Volkswagen, der Familienbetrieb Schaeffler schickt sich an, den Autozulieferer Continental zu schlucken. Und an der Börse werden die Aktien von Daimler zum Einstieg feilgeboten. Wer vier bis fünf Milliarden Euro investiere, könne leicht zum größten Aktionär von Daimler werden, rechnen Analysten vor. Der Stern kostet an der Börse nur rund 41 Milliarden Euro, abzüglich neun Milliarden Euro, die in der Kasse von Daimler liegen. Die Edelmarke Mercedes, zugleich weltgrößter Lastwagenhersteller, ein Konzern mit knapp 100 Milliarden Euro Umsatz, wird vom Markt nur mit dem siebenfachen Gewinn bewertet.
Solche Kalkulationen sind mehr als Sandkastenspiele von Analysten oder Investmentbanken. Sie werden täglich in den Zentralen deutscher Konzerne angestellt, weil dort die Angst vor ungebetenen Aktionären grassiert. Vorsorglich wird die Verteidigung durchgespielt, werden Investmentbanken beauftragt, den Markt auf mögliche Angreifer hin zu röntgen. Gewollter Nebeneffekt: Die zur Abwehr verpflichteten Banken und Berater sind für Angreifer tabu. Die Finanzkrise erschwert zwar die Finanzierung von Unternehmenskäufen. Doch sind nach dem Kursrutsch an den Börsen manche attraktiven Gesellschaften günstig zu haben. Strategische Investoren verfügen ohnehin über genügend Geld, und für lohnende Ziele haben auch Finanzinvestoren Kredit.
Neu: das langsame Einverleiben
In den Unternehmen ist die Angst vor einem Angriff fast so alt wie die Börse. Neu ist, dass ungebetene Übernahmen heute nicht mehr überfallartig und mehrheitlich auf einen Schlag erfolgen müssen, sondern Angreifer ihre Opfer packen, in einem zähen Ringen festhalten und sie sich langsam einverleiben. So hat sich das profitable Familienunternehmen Porsche bei Volkswagen, Europas größtem Autokonzern, zum beherrschenden Aktionär aufgeschwungen, obwohl es lange Zeit nicht einmal über ein Drittel der Aktien verfügte. Vollendet wurde das Manöver durch eine brillante Finanzierung über Optionsgeschäfte mit VW-Aktien, mit der Porsche heute wesentlich mehr verdient als mit dem Verkauf von Sportwagen.
Auf ähnliche Art und Weise versucht Schaeffler nun, den viel größeren Autozulieferer Conti zu übernehmen. Der Familienbetrieb aus Franken hat sich über ungewöhnliche Tauschgeschäfte mit Banken (Swaps) an Conti herangeschlichen, so Meldegrenzen für Aufkäufer umgangen und den früheren Börsenliebling in einer selbstverschuldeten Schwächephase auf dem falschen Fuß erwischt. Auch Schaeffler will zunächst kaum mehr als ein Drittel an Conti erwerben, auf lange Sicht natürlich einen größeren Anteil. Es ist wenig wahrscheinlich, dass der Dax-Konzern der Umklammerung der Familie Schaeffler entkommen wird.
Das Daimler-Management rüstet sich gegen Angreifer
Wie diese Beispiele zeigen, könnte auch Daimler übernommen werden. Derzeit ist Kuweit mit etwas mehr als sieben Prozent der größte Aktionär des deutschen Vorzeigekonzerns. Die Deutsche Bank hat ihre langjährige Beteiligung auf weniger als drei Prozent abgeschmolzen, andere Großanleger wie Pensionsfonds oder Hedge-Fonds halten nur wenige Aktienprozente, der Großteil der Anteile ist frei handelbar. Die Trennung von Chrysler ist von der Börse zunächst mit steigenden Aktienkursen honoriert worden. Doch die labile Weltkonjunktur, der schwache Automarkt und die Debatte über den Ausstoß von Kohlendioxid zusammen mit dem starken Euro haben die Daimler-Aktien talwärts geschickt.
In der Konzernzentrale ist man sich der heiklen Lage bewusst. Die Deutsche Bank wurde beauftragt, den Markt zu beobachten. Parallel dazu sucht der Vorstandsvorsitzende Ankeraktionäre, die sich langfristig an Daimler beteiligen und nicht auf den schnellen Gewinn oder Sonderausschüttungen aus sind. Das ist verständlich, solange nicht wie im Fall Conti der Vorstandsvorsitzende mit Verweis auf eine ihm genehme Übernahmeprämie Eigentümer auswählen und deren Beteiligungshöhe vorgeben möchte. Für das Unternehmen und den Standort Deutschland darf man Daimler eine erfolgreiche Suche nach strategischen Investoren wie Kuweit wünschen, die sich vom geplanten und schädlichen Schutzwall der Bundesregierung gegen ausländische Financiers nicht abschrecken lassen.
Verbleibende Beteiligung an Chrysler wirkt wie eine Giftpille
Neben Staatsfonds aus Asien oder Arabien könnten auch für Daimler Familien zu Ankeraktionären werden. Gemeinsam mit BMW, der anderen deutschen Edelmarke, lotet Daimler Kooperationsmöglichkeiten aus, um die hohen Entwicklungskosten von Premiumfahrzeugen mit geringen Stückzahlen zu teilen. Der gemeinsamen Entwicklung von Motoren oder Getrieben könnte später eine Beteiligung des dominanten BMW-Aktionärs, der Quandt-Familie, folgen.
Daimler darf gelassen bleiben. Ein Übernahmeversuch hätte gegen den Willen des Managements kaum Aussicht auf Erfolg. Die verbliebene Beteiligung von 20 Prozent an Chrysler wirkt wie eine Giftpille. Zudem wird ein feindlicher Angriff auf den Widerstand der Bundesregierung stoßen. Ausgerechnet die ungeliebte Restbeteiligung am Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS verschafft Daimler in einer für die Autobranche kritischen Zeit die Ruhe, nach Ankeraktionären suchen zu können.
Conti und Scheffler
Peter Preßmar (pp-bb)
- 12.08.2008, 21:32 Uhr
Übernahmen
Werner Eickhoff (WernerEickhoff)
- 13.08.2008, 11:40 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,68 | −1,18% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2443 | −0,36% |
| Rohöl Brent Crude | 104,77 $ | −1,95% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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