http://www.faz.net/-gqe-7bgbx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 23.07.2013, 11:31 Uhr

Überkapazitäten Stahl-Zombies müssen verschwinden

Europas Stahlunternehmen machen seit zwei Jahren meist Verlust. Zu viel Angebot drückt den Preis. Unrentable Stahlwerke sollten endlich geschlossen und nicht künstlich erhalten werden.

von

Die Stahlindustrie leidet, in Deutschland ebenso wie in der Europäischen Union. Seit zwei Jahren fallen in den meisten Unternehmen Verluste an. Die Stahlpreise sind so niedrig wie seit drei Jahren nicht mehr. Ein Ende der Misere ist nicht absehbar.

Die Gründe sind leicht auszumachen: Den beiden wichtigsten Kundenbranchen, die gut die Hälfte des Stahls verbrauchen, geht es schlecht. Die europäische Schuldenkrise hält sowohl die Bauindustrie als auch die Automobilindustrie in ihren Fängen. Folglich klaffen Angebot und Nachfrage in der Stahlbranche weit auseinander. Anders als früher finden die Stahlkocher der EU auch kein Ventil mehr in Übersee. Ukrainische und weit stärker russische Produzenten haben mit Discountpreisen die Märkte erobert, in denen traditionell Vormaterial für die dortigen Walzwerke eingeführt wird.

Fünf Jahre nachdem die Finanzmarktkrise abrupt eine gewaltige Hausse beendete, steckt die europäische Stahlindustrie in einer Strukturkrise. Auch in diesem Jahr wird ein Drittel weniger Stahl verbraucht als vor Ausbruch der Finanzmarktkrise. Die Aussichten auf eine durchgreifende Erholung gehen gegen null. In der EU wird es einen Bauboom und einen Run auf neue Autos wie vor sechs oder sieben Jahren nicht mehr geben. Das Gespenst der Überkapazitäten aus den Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende ist zurückgekehrt.

Die Politik versperrt die Lösung

Die Stahlindustrie ist uneins über das Ausmaß der Überkapazitäten. Die Schätzungen reichen von 10 bis mehr als 25 Prozent Überhang. Nach den hartnäckigen Verlusten der zurückliegenden Jahre ist in den Unternehmen zwar grundsätzlich Bereitschaft zur Kapazitätsbereinigung erkennbar. Aber die Politik verstellt der Branche den Weg zu einer nachhaltigen Restrukturierung, indem sie in den Unternehmen eine zuverlässige Planung unmöglich macht. Denn schon mehrfach nahmen Staaten Einfluss, als unrentable Stahlwerke aus dem Markt genommen werden sollten. So haben die Regierungen in Paris und Brüssel mit Verstaatlichung gedroht. In Italien wurde das größte Stahlwerk, das gerichtlich wegen andauernder, schwerwiegender Umweltbelastungen aus dem Verkehr gezogen war, reaktiviert und in öffentliche Verwaltung übernommen.

Solche staatlichen Eingriffe zugunsten nicht mehr lebensfähiger Betriebe darf es nicht wieder geben. Man erinnere sich an die fatalen Sünden vor der Jahrtausendwende, als Angebot und Nachfrage ebenfalls weit auseinandergedriftet waren. Von 1980 bis 1995 flossen mehr als 100 Milliarden Euro Subventionen vorwiegend an kranke italienische, französische und britische Staatsbetriebe - dadurch wurden die besser aufgestellten Unternehmen infiziert und der Kapazitätsabbau behindert. In einem quälenden, sich über zwei Jahrzehnte hinschleppenden Bereinigungsprozess sind dann Dutzende Unternehmen und mehr als 200.000 Arbeitsplätze untergegangen. Das darf sich nicht wiederholen.

Diesmal hat die Krise der Stahlindustrie noch einen zweiten Brandherd. Es fehlt eine verlässliche Linie in der Energie- und Klimapolitik. In den Stahlwerken wird sehr viel Strom verbraucht, und der in den Hochöfen benötigte Koks verursacht sehr hohe Kohlendioxidemissionen. Der von Brüssel verfolgte Emissionsrechtehandel und die den Strompreis treibende Berliner Energiewende passen nicht zusammen. Dieses Gemenge setzt deutschem Stahl im internationalen Wettbewerb besonders zu.

Europa braucht die Industrie

Die Emissionszertifikate sind zwar im Augenblick ungemein billig. Aber das Brüsseler Hin und Her um eine Angebotsverknappung zur Verteuerung der Zertifikate ist Gift für jede langfristige Planung. Ebenso schädlich ist die Ungewissheit über den Bestand der Ausnahmeregelungen, die deutsche Unternehmen von der Umlage für erneuerbare Energien entlasten. Wie sollen unter solchen Umständen langfristige Investitions- oder Stilllegungsentscheidungen getroffen werden?

Anlässlich der Bayer-Jubiläumsveranstaltung haben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) jetzt in ungewöhnlicher Eintracht versprochen, die Zukunft der Industrie im Lande zu sichern. Eine ähnliche Erkenntnis unter politischen Gegnern wäre auch in Brüssel wünschenswert. Dort hat Industriekommissar Antonio Tajani unlängst einen Aktionsplan vorgelegt, mit dem die notleidende Stahlindustrie unterstützt werden soll. Das Gute daran ist, dass der Kommissar die Bedeutung einer leistungsfähigen Werkstoffindustrie für die darauf aufbauenden Branchen anerkennt. Bei den meisten anderen Kommissionvertretern hat man hingegen den Eindruck, Klimaschutz, Beschäftigung und Wohlstand seien in der EU auch ohne Industrie möglich.

Aber Tajanis Aktionsplan besteht aus einer Vielzahl langfristiger Maßnahmen zur Wiedererstarkung der Industrie in der EU. So viel Zeit hat die kriselnde Stahlindustrie jedoch nicht. Die mit Verlusten ringenden Unternehmen müssen und können die Krise selbst bewältigen. Aber sie benötigen dafür unbedingt verlässliche energie- und klimapolitische Rahmenbedingungen als Kompass. Sonst droht noch einmal ein langer, ungeordneter Bereinigungsprozess.

Mehr zum Thema

Wie Amerikas Sanktionen gegen Russland Deutschland treffen

Von Winand von Petersdorff, Washington

Hinter Amerikas neuen Russland-Sanktionen stecken knallharte Wirtschaftsinteressen. Es sieht nicht gut aus für die Freundschaft zwischen Amerika und Europa. Ein Kommentar. Mehr 88 134

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden
Zur Homepage