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Veröffentlicht: 22.10.2016, 20:16 Uhr

Überleben als Buchautor Zur Not einen Porno schreiben

Jedes Jahr werden Autoren auf der Buchmesse wie Popstars gefeiert. Doch selbst wer Bestseller schreibt, hat es finanziell schwer. Wie bestreiten da erst die anderen ihr Leben?

von
© AP Viel Ruhm, wenig Geld: Der Preis, den Autoren für ihr Schaffen zahlen, ist oft hoch.

Die Buchmesse läuft auf Hochtouren. Hunderttausende Besucher strömen in diesen Tagen auf das Messegelände in Frankfurt, um sich über die Branche zu informieren und ihre Stars einmal live zu sehen. Die Schlange hinter dem Tisch des Liedermachers Wolf Biermann zum Beispiel, der seine Autobiographie signierte, war dreißig Meter lang. Fernsehjournalisten interviewen einen Schriftsteller nach dem anderen, gemeinsam schwitzt man im Scheinwerferlicht.

Doch die fünfzehn Minuten Ruhm auf der Buchmesse sind für viele der Autoren nur ein schöner Schein. Denn: „Vom Schreiben und Veröffentlichen können die meisten Autoren nicht oder nur sehr schwer leben. Selbst Bestsellerautoren nicht, die im Rampenlicht stehen“, sagt Nina George, Schriftstellerin und Bestsellerautorin. Gut 1,5 Millionen Bücher hat sie nach eigenen Angaben verkauft. Am Abend zuvor habe sie in Reinheim-Georgenhausen aus ihrem aktuellen Buch gelesen – das Lokal hieß „Afrodite“ (sic!), berichtet sie amüsiert. „So viel zum Glamourleben einer internationalen New-York-Times-Bestseller-Autorin.“

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George witzelt, aber natürlich weiß sie, dass es ihr im Vergleich zu ihren Kollegen blendend geht. In finanzieller Hinsicht, sagte die Frankfurter Schriftstellerin Eva Demski einmal, sei das Schreiben ein „ unbeschreiblich demütigender Beruf“. Laut Nina George, PEN-Beirat und engagiert im Netzwerk Autorenrechte, verkaufen Autoren mit einem neuen Werk innerhalb von drei Jahren durchschnittlich 3000 Bücher.

Nur wenige können von ihrer Arbeit leben

Nur ein paar Prozent von ihnen können also von ihrer Arbeit einigermaßen leben, noch weniger gut, extrem wenige sehr gut. Eine einfache Rechnung veranschaulicht dies: In Deutschland gilt ein Buch auf jeden Fall als Bestseller, wenn es 100.000 Mal verkauft wurde. Ein neuer Autor bekommt je nach Verlag und Verhandlungsgeschick etwa 6 und 12 Prozent je Buch als Honorar. Bei einem üblichen Einstiegsverkaufspreis für ein gebundenes Buch von 19,99 Euro erhält der Autor auf den Nettopreis von 18,68 Euro eine Beteiligung von sagen wir 10 Prozent. Sein Bestseller-Honorar beträgt also 186.800 Euro. Nach Abzug von Steuern und Abgaben bleiben etwa 93.400 Euro übrig. Hört sich viel an, ist es aber nicht, weil ein Autor in der Regel davon mehrere Jahre leben muss. Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er gleich wieder einen Bestseller schreibt und damit für die nächsten Jahre „ausgesorgt“ hat?

„Die Chancen, einen Bestseller zu schreiben, sind sehr gering“, sagt Nina George. Seit dem Jahr 1992 schreibt sie Romane, Essays, Kurzgeschichten und Kolumnen. Ihr Buch „Lavendelzimmer“, erschienen bei Knaur, stand weit über ein Jahr auf der „Spiegel“-Bestsellerliste und wurde in 32 Sprachen übersetzt. Dies sei wie ein Lottogewinn mit sechs Richtigen und korrekter Zusatzzahl gewesen, sagt George. Das ist statistisch übertrieben, aber die Grundaussage stimmt, denn die Konkurrenz ist knüppelhart. Jedes Jahr erscheinen in Deutschland etwa 90.000 neue Bücher. 15.000 davon gehören in die Kategorie Belletristik. Die meisten Bücher davon werden nicht in den Kulturressorts rezensiert, und ohne Öffentlichkeit sinkt die Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg drastisch. Denn durchschnittlich lesen die Deutschen nur sieben bis acht Bücher im Jahr. Bestsellerlisten und Empfehlungen von Redakteuren und Bloggern spielen daher eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, zu welchem Buch der Leser greift. Für einen angehenden Autor mit seinem Debütroman erfolgreich zu sein ist in Deutschland ohnehin nicht leicht. Nur 30 Prozent der Bestseller kommen aus der Feder von deutschen Autoren, hat Hektor Haarkötter, Professor an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln, für eine Studie ausgerechnet. „Bei diesem Phänomen handelt es um eine Besonderheit des deutschen Buchmarktes“, sagt er. Andere Länder, Skandinavien oder Frankreich etwa, kämen auf einen nationalen Anteil von 60 bis 80 Prozent, in den Vereinigten Staaten seien es fast gar 100 Prozent. „Für deutsche Schriftsteller ergibt sich eine paradoxe Situation: Sie können fast nur zu Hause Bestseller generieren und dort nur einen geringen Marktanteil ergattern.“ Zudem betont der Forscher: „Ein Buch verkauft sich gut, wenn der Preis besonders günstig ist.“ Seien Buchkäufer doch besonders preissensibel. Der Durchschnittspreis der Top-100-Bücher liege bei 13,40 Euro und habe sich in denen vergangenen 15 Jahre nur um 1,22 Euro erhöht.

Der Verdienst eines Autors

Sollte man sich als Schriftsteller also ganz an den Vorlieben potentieller Käufer ausrichten? Nicht nur, was den Preis angeht, sondern auch inhaltlich? 68 Prozent der Bücher werden beispielsweise von Frauen gelesen. „Eine Bestsellerformel gibt es nicht“, sagt Anvar Cukoski, Lektor beim Münchner Piper Verlag, beim Gespräch auf der Buchmesse. „Aber den Helden muss ich mindestens interessant genug finden, um ihm über 200 Seiten folgen zu wollen.“ Auch andere Lektoren nennen als Kriterien, dass sich der Leser mit dem Helden identifizieren müssen kann und er in Grundzügen sympathisch sein soll. Ja, man könne schon versuchen, sein Buch an den Gepflogenheiten des Buchmarkts auszurichten, sagt Cukoski. „Eine gute Ausgangsfrage ist ja immer: Wer soll mein Leser sein? Zum Beispiel Leser, die mein Buch lesen sollen, haben auch Autor XY gelesen.“ Auch die meisten der Piper-Autoren, schätzt Cukoski, könnten von ihrem Verdienst nicht ausschließlich leben.

42971068 © dpa Vergrößern Nicht einfach eine Familie zu ernähren: Schriftsteller Jürgen Seidel schreibt hauptsächlich Kinder -und Jugendbücher.

Wenn es also selbst mit einem Bestseller anstrengend ist, über die Runden zu kommen, wie finanzieren normale Schriftsteller dann ihre Miete, das Essen und Urlaubsreisen? „Vom Romane- und Texteschreiben hätte ich alleine leben können – eine Familie zu ernähren, das wäre sehr schwierig“, sagt Jürgen Seidel. Der Schriftsteller schreibt hauptsächlich Kinder- und Jugendbücher, die sich insgesamt 70.000 Mal verkauft haben, schätzt er. Seidel hat unter anderem bei Kiepenheuer & Witsch und Beltz & Gelberg veröffentlicht. Wie fast alle Autoren betreibt er eine Mischkalkulation. Alle zwei bis drei Jahre bekommt er einen Vorschuss. Zu Beginn seiner Karriere erhielt er 5000 Mark, später 3500 Euro, dann machte er einen Sprung auf 12.000 Euro, mittlerweile ist er bei 25.000 Euro. „Damit finanziere ich das Romaneschreiben“, sagt er. „Und ich habe eine Ehefrau, die auch verdient.“ In Zeiten, in denen es finanziell nicht so gut lief, schrieb er Texte für Unternehmensberatungen und hielt Schreibseminare bei Volkshochschulen. Seit 2003 ist er Juror beim „Treffen Junger Autoren“ der Berliner Festspiele, das nicht nur Spaß mit der Arbeit von jungen Menschen bringt, sondern auch Geld.

Anpassung an den Markt

Seidel passt sich durchaus am Markt an. „Meistens habe ich mit meinem Lektor selbst Themen vorgeschlagen, die in der nahen Zukunft eine Rolle spielen könnten“, sagt er. So geschah es bei seinem Roman „Der Krieg und das Mädchen“ zum 100-jährigen Gedenken an den Ersten Weltkrieg im Jahr 2014 und auch zu seinem neuen Buch „Das Mädchen mit dem Löwenherz“, das nächstes Jahr erscheint. Der Roman besteht aus Briefen, die eine junge Frau an Martin Luther schreibt, dessen Thesenanschläge sich im Jahr 2017 zum fünfhundertsten Mal jähren. „Der Autor muss unternehmerisch tätig sein“, findet Seidel, der Germanistik und Anglistik studierte.

Preise und Stipendien sind ein anderes Mittel, finanziell zu überleben. Tatsächlich gebe es sogar einige Kollegen, so reden einige Schriftsteller hinter vorgehaltener Hand, die alle paar Jahre in ein anderes Bundesland umzögen, um die dort vergebenen Auszeichnungen zu ergattern. Das kann sich lohnen, in Deutschland gibt es hierzulande ein paar hundert Preise. In seltenen Fällen sind die Summen jedoch fünfstellig. Begehrt ist unter anderem der Büchner-Preis mit 40.000 Euro. Auch Seidel hat mehrere Preise und Stipendien in Höhe von jeweils ein paar tausend Euros gewonnen.

Weitere finanzielle Standbeine sind nötig

Da aber die wenigsten Schriftsteller Preise gewinnen, wie Nina George weiß, brauchen sie weitere finanzielle Standbeine. Zum Beispiel Lesungen. Seidel verlangt im Durchschnitt 350 Euro dafür. Einmal hatte er 30 Lesungen für ein Buch, sonst nur eine Handvoll sagt er. Manche Schriftsteller verfassen Sendungen für das Radio. Von 500 Euro bis 3000 Euro als Honorar ist dabei drin. Andere übernehmen die Leitung von Literatur- und Künstlerhäusern wie Suhrkamp-Autor Lutz Seiler die Peter-Huchel-Gedenkstätte. Eine Schriftstellerin verdient mit ihren hochgelobten Büchern so wenig Geld, dass sie unter einem anderem Namen erfolgreiche Pornos schreibt.

42971030 © Helmut Fricke Vergrößern Offen für Alternativen: Auch Autor Bodo Kirchoff musste bei Geldknappheit erfinderisch sein und hat u.a. Drehbücher für das Fernsehen geschrieben.

Seit einigen Jahren hat auch das sogenannte Self-Publishing zugenommen, also das Selbstverlegen von Büchern. Musste man früher ordentlich Geld in die Hand nehmen, um eine größere Auflage zu drucken, und viel Arbeit, um es in den Buchhandel zu bringen, ist dies heute einfacher. In Zeiten des Internets ist ein selbstgeschriebenes Buch innerhalb kürzester Zeit in sehr guter Qualität „on demand“ druckbar, das heißt pro Exemplar. Der Autor kann durchaus 30 Prozent je Buch verdienen, hat aber kaum Unterstützung bei Marketing und Vertrieb. Candy Bukowski, gelernte Buchhändlerin, hat trotzdem diesen Weg gewählt und versucht über Blogger und soziale Netzwerke ihren Namen bekannt zu machen. Um dann bei einem Verlag oder einen Agenten zu landen. Ihr Buch „Wir waren keine Helden“ hat sie bei Books on Demand produziert, das E-Book ist bei „edel & electric“ erschienen. „In finanzieller Sicht lohnt sich das überhaupt nicht“, sagt sie. Das Schreiben finanziert sie über eine normale 40-Stunden-Woche im Verkauf.

Erfolgsgeschichten konzipieren

Ein Schriftsteller, der nichts davon hält, beim Schreiben vor allem an das Geld zu denken, ist Bodo Kirchhoff, frisch gekürter Gewinner des Deutschen Buchpreises 2016, dotiert mit 25.000 Euro. „Schriftsteller zu sein bedeutet, dass es dazu keine Alternative gibt“, sagt Kirchhoff im Gespräch auf der Buchmesse, nachdem er vom Podium der ARD geklettert ist. „Ich konnte von Anfang an vom Schreiben leben, weil es ein fließender Übergang von meinem Studentenleben war. Das heißt, ohne höhere Ansprüche. In dem Augenblick, als mein Sohn sich ankündigte, sah die Situation anders aus.“

Auch Kirchhoff musste erfinderisch sein, wenn das Geld knapp war. „Ich habe mir alles mögliche einfallen lassen. Ich hatte in Italien gebaut und natürlich Schulden. Dann habe ich angefangen, fürs Fernsehen zu arbeiten und Drehbücher zu schreiben.“ Ein Thema und den Inhalt eines Buches so auszuwählen, dass ein Erfolg wahrscheinlicher wird, das ist seine Sache nicht. „Ich habe nie darauf gesetzt, Bücher zu schreiben, um damit Geld zu verdienen“, sagt er. Auch Kirchhoff hat eine Mischkalkulation. „Die Schreibseminare am Gardasee geben mir eine gewisse finanzielle Grundlage, dann kommen noch Lesungen und Bücher dazu. Das zusammen reicht“, sagt er. Und ergänzt: „Schreiben ist kein Beruf, bei dem man den Anspruch haben kann, Geld zu verdienen. Schreiben ist eine Leidenschaft.“

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Von Dietrich Creutzburg

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