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Börse Istanbul : Türkischer Finanzplatz zwischen Putsch und Scharia

Die Investoren bleiben skeptisch: Die Börse in Istanbul Bild: Christian Geinitz

Die Börse Istanbul steht für das Dilemma des Finanzplatzes Türkei: Seit dem Putschversuch hat der Leitindex gut 8 Prozent verloren, die Wirtschaft schrumpft. Und dann gibt es noch diesen Vorwurf: Hat die Börse „Staatsfeinde“ in ihren Reihen?

          Normalerweise kämpfen an der Börse von Istanbul nur Bulle und Bär miteinander. In Granit geschlagen, stehen sich die beiden Tiere, die steigende und fallende Kurse symbolisieren, auf einem Denkmal angriffslustig gegenüber. Doch kürzlich kam es hier zu einem wirklichen Gewaltausbruch. Während des Umsturzversuches vom 15. Juli besetzte das Militär die Börse. Der futuristisch verwinkelte Betonbau war eine der wenigen öffentlichen Einrichtungen, die die Putschisten unter ihre Kontrolle brachten. Allerdings nur kurz, denn Polizei und beherzte Bürger, so berichtet das Management, hätten sich ihnen mutig entgegengestellt.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Zwei der Verteidiger ließen dabei ihr Leben, vierzig wurden verletzt. Ein Gedenkstein vor dem Eingang erinnert an die blutige Nacht, ein aufgeklapptes Marmorbuch, so groß wie eine Tischtennisplatte, überragt von drei Fahnenmasten. In ovalen Medaillons zeigt das Monument farbige Fotografien der beiden Todesopfer, die den Ehrentitel „Şehit“ tragen: Märtyrer. Darüber steht eingraviert, dass die jungen Männer ihr Leben für das Vaterland gelassen haben und dass der Stein ihrem würdigen Andenken dient.

          Investoren bleiben skeptisch

          Die Ereignisse aus dem Sommer prägen den Finanzplatz bis heute. Einerseits dadurch, dass der Leitindex ISE 100 der wichtigsten türkischen Aktientitel seitdem gut 8 Prozent an Wert verloren hat. Die Landeswährung Lira ist sogar noch stärker gefallen, um 13 Prozent gegenüber dem Euro und um 17 Prozent gegenüber dem Dollar. Das hat mit einer weitverbreiteten Unsicherheit der Anleger über die Entwicklung von Wirtschaft, Politik und Rechtsprechung zu tun.

          Die Investoren fragen sich: Bedrohen Machtkämpfe und Attentate die Geschäfte? Untergraben die Gegenschläge des Regimes die Verlässlichkeit von Verwaltung, Justiz, Geschäftspartnern? Gemeint sind Massenverhaftungen, Entlassungen und Enteignungen von echten und vermeintlichen Drahtziehern des Aufstands. Wie schnell kann die Wirtschaft die schweren Dämpfer verdauen? Den Rückgang im Tourismus um ein Drittel zum Beispiel. Was wird aus den Beziehungen zu Russland, was mit jenen zur EU? Die Kennziffern sind nicht gut: Im dritten Quartal 2016 ist die türkische Wirtschaft zum ersten Mal seit dem Krisenjahr 2009 geschrumpft. Auch hat das Land am Bosporus deutlich weniger Direktinvestitionen angezogen als 2015. Kein Wunder, denn solange Zweifel über einen verlässlichen Weg bestehen, sind Geldgeber vorsichtig. Egal ob sie in Aktien, Devisen oder in die Realwirtschaft investieren.

          Es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb die Börse unter dem 15. Juli leidet. Sie geht durch einen Prozess der „Säuberungen“, um in ihren Reihen mögliche Anhänger der Putschbewegung ausfindig zu machen. Denn die Finanzwirtschaft, so erläutert der Vorstandsvorsitzende der Börse, Himmet Karadag, sei von den „Fetö-Terroristen“ besonders stark unterwandert gewesen. So werden in der Türkei die Anhänger des Predigers Fethullah Gülen bezeichnet, welche die Regierung für den Putsch verantwortlich macht.

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