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Türkei Die Türkei führt die „Neue Lira" ein

30.12.2004 ·  Dank Konsolidierungserfolgen der türkischen Regierung scheint die hohe Inflation der Vergangenheit anzugehören. Als - möglicherweise verfrühter - Ausdruck des Erreichten bekommt das lokale Geld ein neues Gesicht.

Von Rainer Hermann, Istanbul
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Nach 77 Jahren nimmt die Türkei Abschied von ihrer Währung. Am 1. Januar 2005 tritt die „Neue Türkische Lira“ an die Stelle der „Türkischen Lira“. Drei Jahrzehnte Inflation hatten die Türken zu nominalen Millionären gemacht. Reichtum blieb ihnen aber versagt. Lediglich konnte sich die Türkei rühmen, den Geldschein mit den meisten Nullen zu führen.

Wert sind die 20 Millionen Lira indes gerade 11 Euro. Nun streicht die Türkei sechs Nullen. Aus den 20 Millionen „Türk Lirasi“ (TL) werden 20 „Yeni Türk Lirasi“ (YTL). Auch der Staatsetat 2005 beläuft sich auf nur noch 156 Milliarden neue Lira. Im ablaufenden Jahr war er mit 150 Quadrillionen alten Lira rechnerisch kaum mehr zu bewältigen. Die Währungsumstellung erleichtert wieder das Rechnen. Für einen Euro müssen die Türken nicht mehr 1,83 Millionen TL bezahlen, sondern 1,83 YTL.

Zeiten der hohen Inflation sollen vorbei sein

Drei Nullen zu streichen hatte bereits Mitte der neunziger Jahre die damalige Ministerpräsidentin Çiller vorgeschlagen. Durchgesetzt hatten sich aber die Ökonomen, die vor einer Währungsumstellung dauerhafte Erfolge in der Inflationsbekämpfung forderten. Mit der Umstellung wollen Regierung und Zentralbank nun unterstreichen, daß die Türkei zu wirtschaftlicher Stabilität zurückgekehrt ist.

Für Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ist die YTL das Symbol für die Stärke der Wirtschaft, und Zentralbankgouverneur Süreyya Serdengecti sprach davon, daß man „die Schiffe hinter sich verbrannt“ habe und es kein Zurück mehr gebe. Die hohe Inflation gehört also der Vergangenheit an.

Lob von der OECD

An einem Wendepunkt sieht auch die OECD die Türkei in ihrem jüngsten Länderbericht. Mit Hilfe der vom Internationalen Währungsfonds induzierten Reformen und der Perspektive einer EU-Mitgliedschaft habe das Land Strukturreformen umgesetzt.

Diese hätten die drei Schwachpunkte - fehlendes Vertrauen, schlechte Verwaltung und eine große nichtregistrierte Wirtschaft - beseitigt, heißt es in dem Bericht. Die Strukturreformen haben die Einflußnahme der Politik auf die Wirtschaft drastisch beschnitten und der Zentralbank Autonomie verschafft.

Neues Geld trägt das Antlitz Atatürks

Mit der Umstellung zu diesem Zeitpunkt verstehe jeder die Entschlossenheit, die Inflation dauerhaft unter 10 Prozent zu halten, argumentieren die Währungshüter. Sie setzen darauf, daß die Bürger eine neue Wertschätzung für ihre Währung entwickeln, sobald sie nicht mehr mit Geldscheinen in Millionenhöhe bezahlen müssen.

Vom 1. Januar 2005 an werden die Türken mit sechs neuen Geldscheinen bezahlen im Wert von 1, 5, 10, 20, 50 und 100 YTL, auch werden sie sich mit fünf neuen Münzen - 1, 5, 10, 25, 50 Yeni Kurus - wieder an Kleingeld gewöhnen müssen. Alle Scheine und Münzen tragen das Antlitz des Republikgründers Atatürk.

Strukturreformen leiteten die Wende ein

Der Abschied fällt den Türken nicht schwer. Nur jeder vierte gab in Umfragen an, er wolle an der alten Währung festhalten. Die war bis 1970 relativ stabil gewesen. Erst 1971 setzte die Epoche zweistelliger Inflationsraten ein, seit 1988 pendelte die Geldentwertung um 70 Prozent. Erst die Strukturreformen von 2001 und die Entflechtung von Politik und Wirtschaft leiteten die Wende ein.

1938 mußten die Türken für einen Dollar 1,3 Lira bezahlen, 1970 waren es 13,5 Lira. Dann nahm die Entwertung sprunghaft zu. 1980 waren 135 Lira zu zahlen, und der Zyklus, in dem eine Null angehängt wurde, beschleunigte sich. Seit Juli 2003 verharrt der Preis für einen Dollar indes bei 1,35 Millionen Lira.

Stabilitätspolitik

Psychologisch genauso wichtig ist, daß der Anstieg der Verbraucherpreise seit Mai 2004 unter 10 Prozent liegt. Im Jahr 2005 erwartet die Regierung eine Zunahme von 8 Prozent, und für 2007 prognostiziert Wirtschaftsminister Ali Babacan eine Inflationsrate von 4 Prozent.

Bis dahin will die Regierung die Staatsverschuldung von 78 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf 68 Prozent senken. Erstmals solle in jenem Jahr das Defizit des Staatshaushalts auf weniger als 3 Prozent des BIP fallen, kündigte Babacan an, der als Architekt des Konsolidierungskurses gilt und in der Wirtschaft eine hohe Wertschätzung genießt.

Überbordende Kreditaufnahme

Damit hebt er sich von früheren Generationen von Politikern ab. Die hatten hemmungslos Gelder aus dem Staatssäckel an ihnen nahestehende Kreise gepumpt - sei es in Form von gezielten Subventionen, von überteuerten Staatsaufträgen oder von Krediten der Staatsbanken, die nie zurückbezahlt wurden.

Finanziert haben sie diese Selbstbedienung durch die Druckerpresse und durch eine Kreditaufnahme, die sich von Jahr zu Jahr verteuerte. Banken taten nichts anderes, als dem Staat Gelder zu hohen Realzinsen zur Verfügung zu stellen. Auch die Unternehmen erzielten mehr Gewinne durch den Kauf von Staatsanleihen als durch den Verkauf ihrer Produkte.

Psychologischer Effekt erhofft

Dieser Teufelskreis von hohem Defizit und hohen Zinsen stürzte die Türkei in die schwere Krise des Jahres 2001. Nun scheint der Teufelskreis durchbrochen. 2001 hatte die realen Zinsen noch ein Niveau von 50 Prozent erreicht, zum Jahresende 2004 ist es erstmals unter 10 Prozent gefallen. Im Staatshaushalt 2005 sinkt der Anteil der Zinszahlungen von 46 Prozent auf 36 Prozent. Auch ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt nimmt von 13,8 auf 11,7 Prozent ab.

Die Zentralbank setzt auf den psychologischen Effekt der Währungsumstellung. Der für die Emission zuständige stellvertretende Generaldirektor Selahettin Akkas erwartet, daß sich das Streichen der sechs Nullen positiv auf die Entwicklung des Wechselkurses und des Zinsniveaus auswirkt.

Ungewisse Zukunft

Zentralbankgouverneur Serdengecti gesteht indessen zu, es habe keinen Grund gegeben, die Umstellung zwei oder drei Jahre vorzuziehen. Auch der Chefökonom der Yapi Kredi Bank, Ahmet Cimenoglu, hätte lieber noch ein Jahr gewartet, um die Gewißheit zu erlangen, daß Erfolge in der Konsolidierung des Staatshaushalts und in der Inflationsbekämpfung von Dauer sind.

Denn die meisten Länder, die in ihren Währungen Nullen gestrichen hatten, mußten das Prozedere wiederholen. Brasilien hat in sechs Anläufen 18 Nullen gestrichen und Argentinien in vier Anläufen 13 Nullen.

Beide Währungen benutzbar

Ein Jahr lang sollen beide Währungen akzeptierte Zahlungsmittel sein. Die Preise sollen sowohl in TL als auch in YTL ausgezeichnet werden. Der Gesetzgeber will damit verhindern, daß die Umstellung zu Preiserhöhungen mißbraucht wird. Einen „Teuro“-Effekt erwartet die Zentralbank aber nicht, lediglich Aufrundungen, die sich aber aufgrund des scharfen Wettbewerbs in Grenzen halten sollen.

Keine Schwierigkeiten sehen die Softwareanbieter bei der Umstellung der Buchhaltung in den Unternehmen. Die türkischen Unternehmen hätten ja bereits das „Syndrom 2000“ gut gemeistert, sagt Caglayan Arkan, der Chef von Microsoft Türkei. Nur hat Zentralbankgouverneur Serdengecti seine Landsleute aufgefordert, in der Silvesternacht genug Bargeld mitzunehmen und nicht völlig auf die Geldautomaten zu vertrauen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2004, Nr. 306 / Seite 14
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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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