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Türkei Der Bundeskanzler kommt in einer Boomzeit

03.05.2005 ·  Das Treffen von Schröder mit seinem Amtskollegen Erdogan in Ankara nutzt die deutsche Wirtschaft, um Milliardenverträge zu unterschreiben. Die Türkei ist für deutsche Unternehmen längst ein interessanter Markt.

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An diesem Mittwoch trifft Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Istanbul mit führenden Vertretern der türkischen und der deutschen Wirtschaft zusammen.

Gemeinsam mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan eröffnet er im Anschluß daran einen deutsch-türkischen Wirtschaftskongreß. Neben der Unterstützung für die Reformpolitik der Türkei und ihre EU-Perspektive ist die Wirtschaft damit einer der beiden Schwerpunkte des eintägigen Besuchs Schröders in Ankara und Istanbul.

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern sind eng, und traditionell ist Deutschland der größte Handelspartner der Türkei. In den vergangenen Jahren haben sich die Beziehungen weiter intensiviert.

Zahl der Unternehmensbeteiligungen wächst

Allein in den vergangenen achtzehn Monaten sind nach Angaben der türkischen Regierung 600 Unternehmen mit deutscher Beteiligung gegründet worden. Damit hat sich die Zahl der Unternehmen mit deutschem Kapital in der Türkei auf 1700 erhöht.

Zunächst hatten nach dem Zweiten Weltkrieg die großen deutschen Unternehmen Tochterfirmen gegründet, sie zogen später ihre Zulieferer nach. In den neunziger Jahren folgten die Mittelständler, und nun entdecken deutsche Existenzgründer mit wenig Kapital die Türkei.

In jüngster Zeit seien deutlich mehr Anfragen zu Niederlassungsgründungen bei der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul eingegangen, sagt deren Geschäftsführer Marc Landau. Seit zwei Jahren beobachtet er einen weiteren Anstieg. Damit lasse sich zwar ein zeitlicher Zusammenhang dieses Interesses mit der EU-Perspektive der Türkei herstellen, sagt Landau. Diese Perspektive wertet er aber lediglich als einen zusätzlichen Impuls. Denn für die Unternehmen sei der große Markt mit mehr als 70 Millionen Verbrauchern bereits attraktiv.

Bilaterales Handelsvolumen wird weiter steigen

So ist das türkische Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr um 8,9 Prozent gestiegen, in diesem Jahr wird ein Wachstum um 5 Prozent erwartet. Die deutschen Lieferungen seien seit 2001 mit zweistelligen Zuwachsraten gestiegen und 2004 sogar um 32 Prozent auf 12 Milliarden Dollar, sagt Landau. Die wichtigsten Produktgruppen sind Kraftfahrzeuge, Maschinen, chemische Produkte und Elektroartikel.

Kemal Sahin, der Präsident der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelkammer in Köln, erwartet in den kommenden vier bis fünf Jahren eine Zunahme des bilateralen Handelsvolumens von 20 Milliarden auf 50 Milliarden Dollar im Jahr.

Grundlage des Booms sind die Dynamik der von den Fesseln staatlicher Beschränkungen befreiten Privatwirtschaft sowie die neue politische und wirtschaftliche Stabilität der Türkei.

Unternehmen profitieren von Schröders Reise

Mehrere deutsche Unternehmen werden die Anwesenheit von Bundeskanzler Schröder nutzen, um Verträge zu unterzeichnen oder Geschäftsabschlüsse voranzutreiben. Der TÜV Süd steht vor dem Abschluß eines Vertrags im Wert von 600 Millionen bis zu einer Milliarde Euro, um Prüfeinrichtungen für Kraftfahrzeuge in der ganzen Türkei auszustatten. Lokale Partner sind die Unternehmen Dogus und Akfen.

Gemeinsam mit dem türkischen Unternehmen Vestel verhandelt die Thyssen-Krupp Marine Systems AG über Lieferungen an die türkische Küstenwache von 400 Millionen Euro. Daneben bereiten deutsche Unternehmen größere Investitionen vor, die Körber AG will etwa 300 Millionen Euro in der Türkei investieren.

Beschwerden vor allem über die Bürokratie

Begleitet wird Bundeskanzler Schröder von einer ranghohen Wirtschaftsdelegation, der auch Vorstandsvorsitzende der Dax-30-Unternehmen angehören. Im historischen Dolmabahce-Palast werden er und Erdogan Einzelgespräche mit Spitzenvertretern der türkischen und deutschen Wirtschaft führen.

Die konkreten Probleme und Klagen der deutschen Unternehmen in der Türkei sind weniger geworden. Klagen gibt es indes weiter über die türkische Bürokratie. Die Ausstellung von Arbeitsgenehmigungen dauert noch länger als bisher schon, und an der Praxis des staatlichen Normeninstituts TSE, das über nichttarifäre Handelshemmnisse den Import weiter gängelt, hat sich nichts geändert.

Die internationale Pharmabranche wirft zudem der Türkei vor, den gewerblichen Rechtsschutz weiter zu verletzen und über ihr öffentliches Ausschreibungswesen ausländische Anbieter zu diskriminieren.

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Von Heike Göbel

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