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Veröffentlicht: 17.11.2016, 14:52 Uhr

FAZ.NET-Schwerpunkt Trumps Handelspolitik ist ein Desaster

Wenn Donald Trump Zölle einführt, macht das vor allem die Armen ärmer. Das schadet nicht nur Amerika, sondern der gesamten Weltbevölkerung.

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© AP Donald Trump hat triumphiert. Kommt jetzt der Protektionismus?

David Ricardo war eine Ausnahmebegabung. Der Sohn eines Börsenmaklers, 1772 als drittes von siebzehn Kindern in London geboren, hatte nicht nur Erfolg als Begründer der neuen Ökonomie, sondern auch als Finanzbroker, der in kürzester Zeit ein Millionenvermögen erwarb.

Rainer Hank Folgen:

Zur Ökonomie war Ricardo gekommen, nachdem er per Zufall Adam Smith’ „Wohlstand der Nationen“ in einer Leihbücherei gefunden hatte. Sein eigenes Buch über die „Prinzipien der Politischen Ökonomie und Besteuerung“ revolutionierte die gesamte damalige Wirtschaftswissenschaft durch die Einsicht, dass das segensreiche Prinzip der Arbeitsteilung auch zwischen Nationen gilt und Freihandel alle beteiligten Völker reicher macht.

Ricardos berühmt gewordenes Beispiel: Für England ist es sinnvoll, sich auf die Produktion von Tuch zu konzentrieren und Tuch gegen Wein aus Portugal zu exportieren, während Portugal sich auf die Weinproduktion konzentrieren und britisches Tuch gegen Wein importieren soll. David Ricardo im O-Ton: „Die Vermehrung unserer Annehmlichkeiten durch eine bessere Verteilung der Arbeit, indem jedes Land jene Waren produziert, für die es durch seine Lage, sein Klima sowie durch seine anderen natürlichen oder künstlichen Vorteile geeignet ist, und sie gegen Waren andere Länder eintauscht, ist für das Wohl der Menschheit genauso wichtig wie ihre Verwendung.“

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Donald Trump, der in der vergangenen Woche zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde und am 20. Januar 2017 sein Amt antritt, bricht so radikal mit Ricardos Lehre wie es noch kein anderer amerikanischer Präsident vor ihm getan hat. Gewiss, lupenreine Freihändler sind die Amerikaner noch nie gewesen, auch wenn sie sich gerne so geben. Aber jetzt erleben wir eine Zäsur.

Ein lausiger Ökonom

Wie Ricardo ist auch Trump ein steinreicher Unternehmer; aber anders als Ricardo ist Trump ein lausiger Ökonom. Nichts spricht dafür, auch nicht seine versöhnlichen Auftritte als Sieger, dass der Präsident Trump ein anderer sein wird als der Kandidat Trump: Die Welt bekommt mit ihm einen isolationistischen Protektionisten, keinen liberalen Freihändler. Das ist ein Bruch mit der Tradition der Vereinigten Staaten, erst recht mit jener der Republikaner.

Zwar jubeln jetzt die Börsen, weil sie auf kurzfristige Profite hoffen, ausgelöst durch ein Milliarden schweres Investitionsprogramm Trumps. Doch auf mittlere Sicht wird sein Protektionismus die Amerikaner Wohlstand kosten, aber nicht nur sie, sondern - mutmaßlich in noch größerem Umfang - viele andere Völker, nicht zuletzt die Deutschen.

 
Warum Donald Trumps Handelspolitik ein Desaster ist und vor allem den Armen schadet

Wie konnte es soweit kommen? Tatsächlich kennt der Freihandel am Ende nur Gewinner. Das heißt aber nicht, dass er keine Verlierer produziert. Wenn eine Tonne Stahl nicht mehr in Pittsburgh, sondern in China hergestellt wird, verlieren in Pittsburgh Arbeiter ihren Job. Aus diesem Faktum bezieht Trump schon seit den achtziger Jahren seine ostinate Propaganda: „China stiehlt uns unsere Arbeit und unser Geld.“ Schuld sind in seinen Augen inkompetente und korrupte Eliten seines Landes, die er abschätzig „Globalists“ nennt, die fahrlässig Jobs exportieren und sich selbst daran bereichern. Hauptprofiteure sind in seinen Augen China und Mexiko.

Künftig regiert die Occupy-Bewegung im Weißen Haus

So ähnlich wie Trump reden Globalisierungsfeinde allüberall schon lange. Aber noch keiner von ihnen hat auf demokratischem Wege die Macht über das mächtigste Land der Welt erhalten. Es macht eben einen Unterschied, ob jemand Vereinvorsitzender von Attac oder amerikanischer Präsident wird. Künftig regiert die Occupy-Bewegung im Weißen Haus, um gegen Neoliberalismus und globalen Kapitalismus Front zu machen, dessen Zentrum paradoxerweise das postmaoistische China sein soll.

Besonders unfair findet der neue Präsident, dass China seine Währung abwerte, um Amerika mit billigen Gütern zu überschwemmen. Daran will er sich rächen. Abwertungswettläufe sollen zukünftig an Zollschranken enden; Strafe muss sein. Bei der Höhe der neu einzuführenden Tarife bleibt der künftige Präsident noch vage: von fünf, zehn, 35, sogar 45 Prozent Strafzöllen auf Importgüter ist die Rede. Und die vielen halb legalen oder illegalen Mexikaner sollen nachhause geschickt werden.

Kein Wunder, dass die Großindustrie kein Freund von Trump ist. Fast die Hälfte der Umsätze der größten amerikanischen Unternehmen (S&P500) werden heute im Ausland erwirtschaftet. Jetzt befiehlt Trump den Konzernen Ford, Apple oder Boeing, sie müssten künftig viel mehr Komponenten ihrer Produkte im Lande herstellen lassen. Sollten sie sich diesem Renationalisierungsprogramm der industriellen Fertigung anschließen, winken ihnen kräftige Steuersubventionen.

Für Trump versteht es sich von selbst, die Freihandelsabkommen Nafta mit Mexiko und Kanada neu zu verhandeln und TTP (Asien) und TTIP (Europa) gleich ganz im Reißwolf zu schreddern. „Freihandel ist als akademische Veranstaltung eine noble Sache“, pflegt Trump zu scherzen: „Aber unsere Regierung hat sich in einem Handelskrieg von China besiegen lassen.“ Trumps (einziger) Wirtschaftsberater ist mit dem Fernsehfilm „Tod in China“ berühmt geworden, der in die Aufforderung mündet, keine Waren aus China und Mexiko zu kaufen.

Warum findet Trumps protektionistische Propaganda so viel Zuspruch?

Gerade in Deutschland argumentieren viele TTIP-Gegner von rechts, links und aus der Mitte nicht minder protektionistisch wie Trump, was sie gleichwohl nicht daran hindert, Trump für einen Abgesandten aus dem Reich des Bösen zu halten. Dass der Strukturwandel Jobs vernichtet, hätte auch Altmeister David Ricardo nicht bestritten. Der Fortschritt nimmt Zerstörung in Kauf. Doch wer nur Destruktion sieht, ist blind: „Unsere kreative Kurzsichtigkeit ließ uns immer wieder annehmen, es könne gar nicht besser kommen“, sagt der Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr, der viel über die Fortschrittsgeschichte des Kapitalismus geforscht hat.

© Reuters, afp Ein Populist im Weißen Haus

Das macht das pessimistische Spiel mit der Globalisierungsangst für Politiker so attraktiv. Zwischen 1999 und 2011 seien eineinhalb Millionen Arbeitsplätze in jenen Regionen Amerikas verlorengegangen, die der chinesischen Importkonkurrenz ausgesetzt waren, heißt es in ökonomisch seriösen Berechnungen –, die sich indessen prächtig für protektionistische Propaganda eignen.

Was Trump und seine Freunde verschweigen oder mangels Einsicht nicht erkennen: Weniger wettbewerbsfähige Import-Tätigkeiten werden durch wettbewerbsfähigere Export-Jobs ersetzt. Erst der Saldo aus beiden Zahlen ergibt eine redliche Globalisierungbilanz. Dieser Saldo kann aber so negativ nicht sein, herrscht doch in den Vereinigten Staaten derzeit mit einer Arbeitslosenrate von 4,9 Prozent annähernd Vollbeschäftigung. Umso mehr verwundert, warum Trumps protektionistische Propaganda so viel Zuspruch findet.

Das mag daran liegen, dass nicht alle Jobs auch „gute“ Jobs sind, dass viele Einkommen der weißen unteren Mittelschicht seit Jahren stagnieren und dass schließlich der Übergang von Import- zu Exportberufen vielen Leuten nicht gelingt: Es ist weniger wahrscheinlich, dass ein 50-jähriger Mann, der in der Automobilindustrie in Detroit seine Arbeit verliert, ein Job-Angebot aus dem Silicon Valley erhält - und selbst dann scheut er womöglich den Umzug. Es ist schon eher wahrscheinlich, dass der Sohn dieses Arbeitslosen aus Detroit im Silicon Valley anheuert und dort ein besseres Einkommen erzielt als es der Vater je hatte. Kein Wunder, dass die jüngeren Wähler sich weniger stark für Trump begeistern konnten als die Älteren.

Trumps Handelsprogramm ist ein Desaster

Doch gerade den älteren Globalisierungsverlierern wird der neue Präsident Trump mit seinem Neomerkantilismus einen Bärendienst erweisen, sollte er jetzt liefern, was er versprochen hat: Zölle erheben und Mauern bauen. Wenn günstige Produkte aus dem Ausland eingeführt werden, dann profitieren davon gerade auch die ärmeren Bürger. Müssen darauf künftig 35 Prozent Zoll gezahlt werden, geben die Importeure diesen Aufschlag an ihre Kunden weiter: T-Shirts oder Jeans aus Asien werden schlagartig um 35 Prozent teurer. Weil Ärmere relativ mehr Anteile ihres Einkommens auf den Konsum verwenden, ist Trumps Programm ein Schlag gegen die einkommensschwache Bevölkerung in Amerika.

Die werden sich noch wundern. Die Greenfee für die Golfplätze hingegen wird nicht teurer; beruhigend für die Reichen. Aber auch die amerikanischen Autos werden teurer, sollten die aus Mexiko importieren Vorprodukte mit Strafzöllen belegt werden - das dürfte dem amerikanischen Autofahrer nicht gefallen. Sollte Trump die Herstellung von Vorprodukten im eigenen Land subventionieren, bezahlten die Leute diese Geschenke mit ihren Steuern – oder deren Kinder, die irgendwann den heute schon überdimensionierten Schuldenberg abtragen müssen.

Trumps Handelsprogramm ist ein Desaster. Es betrifft nicht nur die Amerikaner, sondern die gesamte Weltbevölkerung. Vor allem die Armen haben zu leiden. Würde der grenzüberschreitende Handel auf der Welt ganz eingestellt, so hätten die reichsten Bewohner eines durchschnittlichen Landes schlagartig Kaufkrafteinbußen von 28 Prozent, ließ der britische „Economist“ kürzlich ausrechnen. Aber die ärmsten zehn Prozent würden 63 Prozent ihrer Kaufkraft verlieren. Umso erstaunlicher ist es, dass die linken und rechten Populisten auf der ganzen Welt sich zu einem Feldzug gegen zusammengerottet haben gegen Neoliberalismus, Freihandel, die sie eigentlich lieben müssten.

Ein Programm, um den Wohlstand aller Nationen zu schrumpfen

Das Münchner Ifo-Institut lässt derzeit durchrechnen, welche Wohlfahrtsverluste die Welt haben würde, wenn Trump Ernst macht: Die Deutschen kostet Trump ersten groben Schätzungen zufolge 0,5-Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts. Die Amerikaner selbst müssten auf 1,5-Prozentpunkte verzichten. Besonders dramatisch wäre es, wenn Trump willkürlich einigen Ländern Importzölle auferlegen würde, anderen nicht. „Das legt die Axt an die Fundamente des Welthandelssystems“, sagt Ifo-Handelsexperte Gabriel Felbermayr.

Denn es bricht mit dem Nichtdiskriminierungsverbot, der sogenannten „Meistbegünstigungsklausel“. Die von Zöllen betroffenen Nationen werden darauf reagieren und ihrerseits Zölle einführen; das wäre dann ein weltweiter Handelskrieg. Nach Schätzungen der Welthandelsorganisation WTO wird schon in diesem Jahr der Welthandel langsamer wachsen als das globale Bruttosozialprodukt – zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren.

Wer Verlierer der Globalisierung entschädigen möchte, sollte lieber den Sozialstaat ausbauen, aber nicht den Protektionismus einführen, der alles andere als sozial ist. Doch der Sozialstaat kostet das Geld der reicheren Steuerzahler; der Protektionismus ist scheinbar umsonst. Die Rechnung kommt erst später. Deshalb ist der Republikaner Trump für Isolationismus, aber nicht für Sozialreformen, die in Amerika immer schon unbeliebt waren. Es ist ein Programm, um den Wohlstand aller Nationen zu schrumpfen.

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