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Kommentar : Wie ein offenes Land offen bleibt

Handelsknotenpunkt Hamburg - Schiffe bringen deutsche Waren von dort aus in die ganze Welt. Und von der Welt nach Deutschland. Bild: obs

Der Welthandel ist wieder ins Gerede gekommen. Er macht nicht automatisch jeden Einzelnen reicher. Aber es gibt eine Lösung.

          Echter Freihandel geht ganz einfach: Ein Land, dessen Bürger ihn wollten, müsste bloß beschließen, dass ausländische Unternehmen ohne Einschränkung einführen könnten, was sie wollen und wie viel sie wollen. Angebot und Nachfrage würden dann schon regeln, was sich durchsetzt und was nicht. Und wenn eine ausländische Regierung nachhelfen würde und den Anbietern ihres Staates durch Subventionen ermöglichte, niedrigere Preise zu verlangen – bitteschön, Geschenke sind willkommen, wieso denn nicht?

          Für einen Freihandelsvertrag in diesem Sinne reicht eine DIN-A4-Seite – einige Sätze Vertragstext, eine formelle Anrede und ein paar Unterschriften, fertig. Fakt ist: Kein Land auf der Welt verhält sich so.

          Tatsächlich bestehen die beschlossenen wie die in Vorbereitung befindlichen Handelsvereinbarungen, ob Ceta, TTIP, TPP oder Nafta, teils aus Hunderten mit Paragraphen durchsetzten Seiten. Über Jahre hinweg treffen sich vielköpfige Delegationen, um in stundenlangen Verhandlungsrunden verschiedene Themenblöcke akribisch abzuarbeiten, stimmen Parlamente ab, verlangen Änderungen, mischen sich Interessenvertreter mit allerlei Anliegen ein, gehen Menschen auf die Straße.

          Handel schafft Wohlstand für alle - theoretisch

          Dafür gibt es mehrere Gründe, auch ökonomisch plausible, die längst etabliert sind: Zum Beispiel wollen viele Länder in Bereichen wie der Nahrungsmittelversorgung nicht existentiell abhängig vom Ausland sein und zahlen ihren Landwirten dafür staatliche Hilfen. In anderen Fällen schützen aufstrebende Volkswirtschaften manche noch junge Branche vorübergehend, weil sie sich für die Zukunft international gute Geschäfte und damit viele gutbezahlte Arbeitsplätze versprechen. Im Lehrbuch findet sich solcher Schutz von Nachwuchsbranchen unter dem Stichwort „infant industries“.

          Zu Recht wenig Verständnis haben Ökonomen hingegen, wenn eine Regierung eine alte, international nicht mehr wettbewerbsfähige Branche schützt, und zumal eine, die für das Land strategisch nicht wichtig ist. Sie verstehen zwar, dass Politiker darauf reagieren, gerade weil solche Handelsverlierer ihre Interessen häufig schneller, lautstärker und zielstrebiger äußern und für Wahlen stärker mobilisieren als die anonyme Mehrheit der Handels-Gewinner. Doch Ökonomen finden meist, dass hier Standhaftigkeit im Sinne der Majorität gefragt ist.

          Momentan ist die Unzufriedenheit mit dem Welthandel und der wirtschaftlichen Globalisierung besonders groß. An erster Stelle schimpft der amerikanische Präsident Donald Trump, der sein Land für benachteiligt hält, ausgebeutet von „unfairem“ Handel. Millionen Amerikaner in eher darniederliegenden Regionen („Rust Belt“) haben ihn auch deshalb ins Weiße Haus gewählt. In Frankreich erreichte Marine Le Pen vom Front National die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen und darin sogar ein Drittel der Wählerstimmen. Die Finanzminister und Notenbankchefs der wichtigsten Industrieländer lehnen in ihren Abschlusserklärungen – auf Drängen der Amerikaner – Protektionismus nicht mehr rundweg ab. Im neuen Wahlprogramm der britischen Premierministerin Theresa May und ihrer traditionell eigentlich marktfreundlichen Konservativen steht der Satz: „Wir glauben nicht an ungehinderte freie Märkte.“ Schlussendlich gehört mittlerweile auch zur offiziellen Haltung des Internationalen Währungsfonds das Zugeständnis, dass Handel nicht mehr automatisch für jeden einzelnen Bürger eines Landes vorteilhaft ist.

          Wie kommt es zu dieser Skepsis? Ein wichtiger Grund ist, dass manche Entwicklung des Welthandels Verteilungskonflikte anheizt. Noch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Jahrtausendwende prägte ganz wesentlich der Warenaustausch zwischen den einander eher ähnlichen Industrieländern Europas, Japan und den Vereinigten Staaten den Welthandel. Dahinter, das ist etablierte ökonomische Theorie, stehen zwei den Wohlstand steigernde Effekte: Unternehmen können Größenvorteile verwirklichen und dadurch profitabler werden. Und Verbraucher bekommen mehr Auswahl, was sie besser finden. Ein grundlegendes Verteilungsproblem entsteht durch diese Art Handel nicht. Vor allem mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas, aber auch anderer Schwellenländer, gewinnt seit Mitte der neunziger Jahre eine Handelskonstellation an Gewicht, die inhärent auch „Verlierer“ hervorbringt – der Handel zwischen sehr verschiedenen Ländern. Auch um diese Folge wissen Ökonomen schon lange.

          Prinzipiell gibt es in demokratischen Gesellschaften zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Erstens können sie entscheiden, die Handels-Verlierer mindestens während einer Anpassungsphase zu „entschädigen“. Oder aber sie schotten ihre Wirtschaft ab. Ökonomen sind ziemlich einhellig für Ersteres, denn sie wissen: Handel vergrößert den Wohlstand so stark, dass die Notlagen der Verlierer ausgeglichen werden können und die Gewinner zugleich reicher werden. Diese Variante bleibt den Verantwortlichen in Amerika und Europa auch künftig. In Washington klingt es derzeit leider nicht danach.

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