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Transition Towns : Schrumpfen von unten

Bild: Fabian Fiechter

Lange wurde über die Grenzen des Wachstums diskutiert. Die Transition-Bewegung will dem Wachstum mit eigenen Ideen Grenzen setzen. Jeder auf seine Art, jeder im Kleinen. Ohne Genügsamkeit geht das nicht. Aber auch nicht ohne Spaß.

          Michael Schem sieht nicht nach Verzicht aus. Der Körperumfang eines Genießers, das zufriedene Grinsen eines radfahrenden Frischluftliebhabers, Kresse und Körner sucht man auf dem Abendbrottisch vergeblich. Stattdessen Käse, Gurkensalat, Brot, Schinken und Wurst. „Ich kann nicht ohne Fleisch leben“, sagt sein siebenjähriger Sohn Alexander voller Überzeugung. In der vierköpfigen Familie lebt nur Miriam vegetarisch. Schems zehnjährige Tochter hat sich von Eltern einer Freundin überzeugen lassen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sieht so die Wohnung eines Erzökologen aus? Der gerade darüber erzählt hat, dass es so nicht weitergehen wird mit der Welt? Dass der Ressourcenverbrauch der Menschen längst nicht mehr mit der Tragfähigkeit der Erde zusammenpasse? Dass man sich schon jetzt Techniken aneignen müsse, die man für eine Zeit brauche, in der das Öl nicht mehr fließe? „Bekannte von uns finden uns inkonsequent“, sagt Schem mit einer Wurststulle in der Hand. „Aber warum wird eigentlich immer von uns verlangt, konsequent zu sein? Hauptsache wir machen erstmal den Anfang.“

          Michael Schem und seine Familie sehen sich als Teil der weltweiten Transition-Bewegung. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, lokale Räume krisenfest zu machen. „Resilienz“ ist ihr Schlagwort. Und dabei meint Krise alles, was ihrer Meinung nach nicht im Einklang mit nachhaltigen Lebensformen steht: eine Krise der Energieversorgung, der Geldwirtschaft, einer Ernährungsform, die auf globale Warenströme angewiesen ist, statt sich aus der Nähe zu bedienen.

          Ein loses Netzwerk mit Tausenden von Gruppen

          In mehr als 40 Ländern haben sich Transition-Initiativen gegründet, von den brasilianischen Favelas über energieautarke Orte in Japan bis zum Schweizer Bergdorf. 3000 bis 4000 Gruppen soll es geben, so genau weiß das keiner, denn es handelt sich um ein loses Netzwerk mit einem Hauptbüro im südenglischen Totnes und viel Eigenantrieb vor Ort. Im deutschsprachigen Raum haben sich mehr als 100 Gruppen zusammengeschlossen.

          Die Bielefelder Gruppe, in der sich Michael Schem und seine Frau Edith Wichmann engagieren, ist eine der aktivsten in Deutschland. Es gibt hier eine Energiegruppe, die mit Hilfe einer Photovoltaikanlage Hühnern den Stall erwärmt, woraufhin diese vier Monate länger, in den Winter hinein, Eier legen. In Repair-Cafés nehmen Schems Freunde kaputte Gegenstände an, reparieren sie oder widmen das Material um. Eine Kochgruppe trifft sich regelmäßig, um alte Rezepte mit saisonalen Zutaten einzustudieren. In zwei Gärten üben Aktivisten das Prinzip der Permakultur: ein Verfahren, wie man Nahrung gewinnen kann mit Hilfe der Eigenwärme des Baumschnitts und Kompostierung.

          Schem steigt von seinem Fahrrad ab, das vor drei Jahren sein Auto ersetzt hat. Der Nieselregen macht dem hochgewachsenen Ostwestfalen wenig aus. Er öffnet die Gartenpforte. Wie in einem unaufgeräumten Schrebergarten sieht die Permakultur aus. Gleich links hinter dem Eingang hält ein ausrangierter Sonnenschirm einen Bohnenstrauch. Permakultur macht sich Gegenstände zunutze, die man vorfindet, und gibt ihnen eine neue Funktion. Das sieht vielleicht provisorisch aus, ist aber eine Philosophie. Ein Schild mit der Aufschrift „Pipitipi“ weist auf das stille Örtchen des Gartens. An einem umgestürzten Apfelbaum vorbei (der aber weiter Früchte trägt) geht es zu einem Lehmofen. „Den haben wir mit alten Materialien an drei Wochenenden mit Leuten aus mehreren Kontinenten gebaut“, sagt Schem.

          Die Regentropfen werden schwerer. Zum Glück wird am hinteren Ende des Gartens eine kleine Überdachung sichtbar. „Lebendlaube“ nennen die Bielefelder ihren Regenschutz aus zusammengeflochtenen Weidenstämmen, die nach und nach zusammenwachsen. Für Außenstehende kann das Projekt wie Selbstgeißelung wirken: Fahrrad statt Auto, egal bei welchem Wetter, Marmelade aus dem eigenen Anbau statt aus dem Supermarkt, eingeweckte Pflaumen statt Südfrüchte. „Aber uns macht das hier ziemlich viel Spaß“, sagt Michael Schem und es fällt im Regen stehend schwer, ihm das abzunehmen.

          Auf der Suche danach, was man selbst tun kann

          Die Zeit ist gekommen für eine Bewegung, die nach all den wissenschaftlichen und politischen Debatten über Klimawandel und Wachstumsgrenzen, über Nachhaltigkeit und Ölknappheit meint: genug geredet! „Seit etwa fünf Jahren gibt es eine stark praxisorientierte Bewegung, die nicht diskursiv zu Änderungen kommen will, sondern danach sucht, wo der eigene Handlungsrahmen ist“, sagt der Sozialpsychologe Harald Welzer, der als Direktor der Berliner Stiftung Futurzwei nach Möglichkeiten einer zukunftsfähigeren Lebens- und Wirtschaftskultur sucht.

          In den Transition Towns sieht Welzer eine Ausprägung dieses Bedürfnisses, auch in parallelen Entwicklungen wie dem Urban Gardening oder Ökodörfern. „Die Menschen empfinden es als ermüdend, dass sich global der wachstumswirtschaftliche Prozess unverändert fortsetzt.“ Es sei eine Autosuggestion, dass die Gesellschaft etwa mit ein wenig Mülltrennung ausreichend auf ökologische Herausforderungen reagiert habe – irgendwann glaubt man, was ständig gesagt wird. Der Gesellschaft gelinge es von oben nicht, tiefgreifende Änderungen durchzusetzen. „Psychologisch erleben sich Transition-Aktivisten als wirksam und eben nicht mehr nur als Konsument oder Wähler, der nicht viel ausrichten kann“, sagt Welzer.

          Äpfel zum Selberpflücken

          Im hessischen Witzenhausen merkt man recht schnell, dass die Uhren hier anders ticken. Besuchern kommen junge Leute entgegen, die man gern in die Schublade „Alternative“ steckt. Die Parker-, Cordjacken- und Rastalockenquote dürfte ähnlich hoch sein wie in Berlin-Kreuzberg. Die einzige ökologische Agraruniversität Deutschlands in der Stadt, auf halbem Weg von Kassel nach Göttingen, hat viele solcher Menschen angelockt.

          Wer vom Bahnhof aus zehn Minuten läuft und die Werra-Brücke passiert, kommt in die pittoreske Innenstadt. Vor vielen Geschäften stehen Blumenkübel. An einem Strauch hingen mal Tomaten, in einem Kübel ist ein Apfelbaum eingepflanzt. „Pflücken erlaubt!“ steht auf einem einladenden Schild. Die Transition-Gruppe in Witzenhausen hat diese Aktion in Absprache mit der Stadt gestartet. Viele Bewohner finden die Idee gut und haben beherzt zugegriffen. Ähnliche Aktionen wird es demnächst im rheinischen Andernach und als erster Großstadt auch in Mainz geben. Und in Witzenhausen soll alles im kommenden Jahr noch größer und schöner werden.

          Hat man die Fußgängerzone im Zentrum erreicht, steht gleich links das Haus der örtlichen Transition-Initiative. Neben einem Fenster im ersten Stock hängt eine Regenbogenfahne an der Fassade. Auf dem Kopfsteinpflaster stehen Kübel mit wilden Kräutern. Durch ein großes Ladenfenster erblickt man eine Gruppe von 15 Leuten – ähnlich bunt wie das Volk zuvor auf der Straße: Rastatypen, Langhaarige und Pulliträgerinnen. Sie reichen einen Holzstab weiter. Wer ihn in der Hand hält, darf sprechen.

          Es ist die „Rückmeldungsrunde“ eines Seminars. „Ach, ich sag es jetzt mal auf Deutsch“, sagt eine Teilnehmerin. „Ich bekomme gerade ganz viel Juice für meine Arbeit.“ Auch die Gaststudenten, die nur englisch sprechen, nicken. Dann ist Jens Hollmann dran. Der Unternehmensberater hat mit der Gruppe einen Tag lang über Hemmnisse und Herausforderungen gesprochen. Sonst arbeitet er für Autohersteller wie Daimler oder Versicherer wie die Allianz, die nach neuen Anreizsystemen für ihre Mitarbeiter suchen. „Sie geben Millionen aus, um ein bisschen Energie zu generieren und bauen professionelle Strukturen auf. Hier ist es umgekehrt: So viel Energie, aber kaum Struktur“, sagt der Coach nun wieder auf englisch.

          Einfach ausprobieren, lautet das Motto

          Wo er auch hinkomme, überall bereite man sich auf ein Nachkrisenzeitalter vor, beschreibt Hollmann seine Erfahrung. Immer wieder frage er Manager aus der Mineralöl- oder der Zulieferindustrie, wie sie sich darauf vorbereiteten, dass die bestehenden Systeme eines Tages nicht mehr hielten. Einer habe sich ein Haus in Schweden gekauft, der andere Vorräte für vier Wochen eingelagert.

          „Streuobstwiesen kann man schon gar nicht mehr kaufen. Die Leute tun alles, um Werte loszuwerden, die nur heiße Luft sind“, sagt er. Viele Menschen dächten also insgeheim wie Transition. Sie aber gingen voran. „Sie gehen weg von ,man sollte‘. Sie brauchen nicht mehr das tausendste Buch oder die hundertste Studie, sondern probieren aus.“

          Und die Gruppe um Silvia Hable probiert viel aus: Kurse über Kübelbepflanzung, Experimente wie man ölfrei Obst und Kartoffeln erntet, die essbare Stadt. Mit einer privaten Kinderbetreuung will sie Dienstleistungen aus den Händen von Institutionen in die menschlicher Netzwerke bringen. Sie nimmt überschüssiges Obst aus privaten Gärten an und presst es zu Saft. „Wir profitieren davon, dass es hier die höchste Pro-Kopf-Beteiligung an Bürgerbewegungen in Deutschland gibt“, sagt Hable. Sie ist 30, hat zwei Töchter von fünf und zwei Jahren, experimentiert seit einem Jahrzehnt mit anderen Lebensentwürfen und hat dazu ein Buch geschrieben: „Augen zu gilt nicht: Auf der Suche nach einer gerechteren Welt“.

          Man kann leicht den Anschluss verlieren, wenn Silvia Hable spricht. Die Nordhessin sprudelt vor Ideen und Tatendrang. So verwundert es kaum, dass sie zwar eigentlich wegen der Uni nach Witzenhausen gekommen ist, nun aber den größten Teil ihrer schöpferischen Kraft in das Transition-Projekt im Haus an der Brückenstraße steckt. „Unsere Region muss resilient werden, falls der Euro zusammenbricht oder es kein Öl mehr gibt“, sagt sie. „Auf diese Verwerfungen müssen wir uns vorbereiten.“

          Von der Postwachstumsökonomie

          Es ist ein immer wiederkehrender Grundgedanke der Transition-Aktivisten: Jetzt, da wir noch können, müssen wir uns auf eine Zeit vorbereiten, in der es nicht mehr so leicht geht. Diese apokalyptische Grundhaltung war auch den ersten Büchern zu eigen, die über Wachstumsgrenzen und Nachhaltigkeit erschienen sind. Am einflussreichsten war Dennis Meadows’ Bericht an den Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“, der in technokratischer und zahlenlastiger Manier Szenarien für ein Ende wichtiger Rohstoffe entworfen hat.

          Weil der Bericht so dominant in dem Diskurs war, hat die Öffentlichkeit nur wenig davon mitbekommen, dass sich im Zuge der Diskussion einige Wissenschaftler in die Disziplin der Ökologischen Ökonomen abgespalten haben. Ihre Leitfiguren wie Nicholas Georgescu-Roegen und Herman Daly haben ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass Umweltverbrauch und Wachstum nur schwer zu entkoppeln sind, weil Wertzuwachs fast immer mit Energie- und Materialzuwachs einhergeht.

          Erst in den vergangenen Jahren sind diese Gedanken für den allgemeinen Wachstumsdiskurs wieder eingefangen worden. Der Oldenburger Ökonom Niko Paech hat in seinen Büchern den Begriff der Postwachstumsökonomie in Deutschland verankert. Auch der Soziologe Meinhard Miegel hat sich mit Untersuchungen wie „Exit: Wohlstand ohne Wachstum“ intensiv in die Debatte eingeschaltet. Der frühere wissenschaftliche Partner des langjährigen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf hat das „Denkwerk Zukunft“ gegründet – ein Netzwerk von Denkern, die über alternative Leitkonzepte zum Wachstum nachdenken.

          Für einige Stoffe sind die Wachstumsgrenzen schon überschritten

          In den vergangenen Jahren war er auch Mitglied der Bundestags-Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, die massenweise Papier ausgestoßen hat, aber eine unerfreuliche Erkenntnis transportiert hat: Für den Ausstoß einiger Stoffe wie Kohlendioxid und Stickstoff seien die Wachstumsgrenzen längst überschritten. Weil Einsparungen beim Energie- und Materialverbrauch immer wieder durch Zuwächse in ihrer Nutzung überkompensiert werden (die sogenannten Rebound-Effekte), sei eine Entkopplung von Wachstum und Umweltverbrauch so schwer, wie es einst die Ökologischen Ökonomen durch ihre Grundlagenarbeiten analysiert haben.

          Rund 20 aktive Mitarbeiter umfasst die Transition-Initiative in Witzenhausen, die sich 2009 gegründet hat, nachdem die Idee von England herüberschwappte. „Wir hinterfragten die Hierarchie in der Gruppe und wurden basisdemokratisch“, sagt Hable, die erst zwei Jahre nach der Gründung dazu stieß. Immer wieder stellen sie sich strukturelle Fragen: Sollen sie eine lose Gruppe von Freiwilligen sein oder ein kommunalpolitisch ernstzunehmender Akteur?Die Ziele sind hochgesteckt. „Wir sehen Witzenhausen als Degrowth-Modellstadt“, sagt Hable und spielt damit auf ein ökonomisches Modell an, das durch freiwilligen Wachstumsverzicht auf Ölknappheit und Klimawandel reagiert. In einer strukturschwachen Region mit aufgeschlossenen Menschen könne man vieles ausprobieren, was andernorts nicht gehe.

          Heike aus Bielefeld, Karin aus Göttingen

          Ein sonniger Herbsttag in der Schwäbischen Alb: Auf halber Strecke zwischen Würzburg und Ulm liegt Schloss Tempelhof. In den vergangenen drei Jahren hat sich das frühere Dorf zu einem privat bewirtschafteten Öko-Kibbuz entwickelt. Hier finden Schulungen statt und Workshops zu Themen irgendwo zwischen Ökolandbau und Esoterik. Auf dem Abstelltisch vor einem Seminarraum liegt die Bibel der Transition-Bewegung ihres Gründers Rob Hopkins neben Christian Felbers „Die Gemeinwohl-Ökonomie“ und „Bescheidenheit – Für eine neue Ökonomie“ von Tomas Sedlacek und David Orrell.

          An diesem Wochenende kommen die wichtigsten Protagonisten der deutschen Transition-Szene zusammen. Es stehen wichtige Debatten an: Wie muss man eine gemeinsame Charta formulieren, welche Rolle soll die Schaltzentrale in Bielefeld um Michael Schem und den Netzwerksprecher Gerd Wessling spielen, der einst von Rob Hopkins gebeten wurde, die Idee in Deutschland zu verbreiten. In einem turnhallengroßen Raum tröpfeln die Teilnehmer ein. Vom Band kommen seichte Jazz-Klänge, die man auch in einem Entspannungsseminar hören könnte. „Hallo, ich bin Heike aus Bielefeld“ – „Hallo, Karin aus Göttingen“.

          Vom fränkischen Emskirchen ist ein ÖDP-Aktivist angereist, eine große Delegation aus Bielefeld, ein Ökowissenschaftler aus dem sächsischen Bautzen und ein Ehepaar aus Tübingen, das in Transition den ersten ganzheitlichen Ansatz erkennt, privates Glück und ökologisches Gewissen in Einklang zu bringen. Seit diesem Jahr hat die Familie mit Gleichgesinnten ein Projekt zur solidarischen Landwirtschaft aufgebaut, bei dem die Empfänger landwirtschaftlicher Güter keine Konsumenten mehr sind, sondern selbst über den Anbau mitbestimmen. Zudem geht es in Tübingen auch um die psychologischen Aspekte des Wandels. Beim Abendessen legen einige Teilnehmer gesteigerten Wert darauf, dass nahezu alles auf dem Tisch veganen Ursprungs ist. Auch Genießer Michael Schem schmeckt die Kürbissuppe, die mit Kokosmilch angedickt wurde.

          Charismatische Anführer gibt es nicht

          Gerd Wessling wieselt von Seminarraum zu Seminarraum. Der Netzwerksprecher ist gefragt. Er ist in einer unglücklichen Rolle. Im Sinne von Gründer Hopkins will er den Markenkern von Transition verteidigen, gleichzeitig fordern die Initiativen „basisdemokratische Rechte“ ein. Sein Einmann-Computerbetrieb in Bielefeld leidet unter seinem Engagement. Ständig hält er Vorträge. „Ihr seid doch eine Sekte!“ hat er gerade erst wieder hören müssen.

          „Offensichtlich gibt es eine Angst oder ein Tabu, sich dem inneren Wandel zu stellen“, sagt Wessling. „Alles was wir sagen ist: äußerer und innerer Wandel sind untrennbar miteinander verbunden.“ Damit formuliert er in etwa, was auch die Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Bundestags zuletzt aufgegriffen hat: effiziente Energiesysteme reichen nicht, hinzu muss ein suffizienter (also zurückhaltenderer) Lebensstil kommen. „Wir wollen aus dem grünen Silo herauskommen“, sagt er. Alles andere als eine Sekte sei Transition: es gebe keine Führungsfiguren, die Bewegung sei breit und divers. „Wir wollen die oft schlechte zwischenmenschliche Kultur in Gruppen vermeiden.“

          Genau der Verzicht auf charismatische Figuren sei möglicherweise ein Problem der Bewegung, glaubt Sozialpsychologe Harald Welzer. „Auch 68 war bei weitem keine so breite Bewegung, wie ihre Protagonisten glauben machen wollen“, sagt er. „Ihr kulturelles Veränderungspotential lag auch in der Verkopplung mit der Popkultur.“ Hier fehle es Transition noch an Ansätzen, die es tatsächlich aus dem Ruch der Sektiererei herausheben könnten. Eine große Stärke aber habe Transition ihren sozialen Vorgängerbewegungen voraus: „Es hat eine Fehlerfreundlichkeit und Lässigkeit, eine Entspanntheit, die nie den Eindruck aufkommen lässt, man habe schon den Masterplan. Damit ist man eigentlich Anti-68.“

          „Bei Transition gibt es allenfalls ein leichtes Gefühl, auserwählt zu sein“, sagt Uwe Schneidewind, Präsident des ökologischen Forschungszentrums Wuppertal Institut. „Mit Sekten aber verbindet man eher Heilsversprechen und den Verlust von Autonomie. Hier geschieht das Gegenteil: Menschen nehmen sich aus systemischen Zwängen heraus und ermächtigen sich selbst.“ Schneidewind erwartet, dass sich die apokalyptischen Szenarien von Transition in zwei Jahrzehnten als naiv erweisen dürften. Den Initiativen gelinge es aber anders als den Projekten der lokalen Agenda 21 vor zwanzig Jahren Menschen zur Mitgestaltung zu animieren. Aus Energiesparen wird Nachbarschaftshilfe, aus dem Gärtnern ein neues soziales Miteinander.

          Vernetzung einmal anders

          Im Umfeld des Öko-Kibbuz Schloss Tempelhof finden die deutschen Transition-Initiativen zumindest einen vorübergehenden Ausweg aus ihrem Grundkonflikt. Gerd Wessling erhält von den anderen Gruppen Zustimmung, dass er sich ein weiteres Jahr um die Fortentwicklung der Bewegung kümmern soll. Er könnte so eine schillernde Figur sein, wie sie eine Bewegung brauchte, wenn sie zu einem Massenphänomen werden wollte. „Wir verfolgen keinen Plan, um die Welt zu beherrschen“, sagte er bei seinem Besuch der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung. Hunderte Interessierte waren gekommen. Der Öko-Adel von Berlin. Batikhemden und Stricksocken. Diejenigen, die so leben, wie die damaligen Grünen-Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Jürgen Trittin es sich zu wünschen kaum aussprachen, bevor sie mit ihrer Idee für einen wöchentlichen Veggie-Day von der Presse fast gesteinigt wurden.

          Künast träumte auf der Veranstaltung ganz offen von einer Vernetzung, die über kurz oder lang ganz England erfassen werde und Großbritannien statt Irland zur wahren „Grünen Insel“ machen sollte. Im Drehbuch dieses Informationsabends war aber offenbar nicht Hopkins’ Antwort vorgesehen gewesen. „Wir wollen keine parteipolitische Idee sein“, stellte der Brite unmissverständlich klar. Um Vernetzung gehe es ihm sehr wohl – aber auf zwischenmenschlicher, nicht politischer Ebene. „Ich kann meine Glühbirnen herausschrauben und mein Loft isolieren. Aber wenn ich mit mehreren Leuten in ein Kraftwerk investiere, hat das eine größere Reichweite“, sagte er. Und der Clou bestehe darin, dass die Menschen hinterher nicht davon schwärmten, ihren Verbrauch reduziert zu haben, sondern ihren Nachbarn besser zu kennen.

          Sauerkraut aus Bielefeld

          Zurück in Bielefeld: Als Michael Schem mit seinen Kindern den Abendbrottisch aufgeräumt hat, macht er sich mit zwei Kisten unter dem Arm auf den Weg. Ein Mitglied holt den Radfahrer mit dem Auto ab, denn seinen Gemüsehobel könnte er anders nicht transportieren. Nach wenigen Minuten Fahrt erreichen sie das Veranstaltungszentrum Bürgerwache. Sechs große Kohlköpfe hat Schem besorgt, 60 Kilogramm wiegen sie. Rund ein Dutzend Bielefelder ist zum Sauerkraut-Abend gekommen.

          Der Raum ist etwa so groß wie ein Klassenzimmer. An den Wänden hängen die Werke einer Kunstgruppe, die die Räumlichkeiten ebenfalls nutzt. Sechs Tische in der Mitte. Die Hobel und die Plastikwannen mit den Kohlköpfen werden verteilt. Ein Mitglied beginnt, über das richtige Stampfen und die passenden Mikroorganismen zu erzählen. Schnell kommt man auf die richtige Salzmenge, die vernünftiges Sauerkraut benötige. „Wenig Salz – Hauptsache, die Milchsäureproduktion wird angeregt“, erklärt ein Teilnehmer.

          „Sauerkrautherstellung verstehen wir auch als Re-Skilling“, sagt Michael Schem. „Wir eignen uns alte Techniken wieder an, die wir in einer Zeit brauchen können, in der es weniger Öl gibt“, sagt er. Es habe bei seinem Engagement Phasen der Erschöpfung gegeben. Doch eines hat Schem wieder aufgerichtet. Auf einer Konferenz habe ihm kürzlich ein Teilnehmer gesagt, Schem habe den Anstoß dafür gegeben, dass sich in Kassel und Duisburg Initiativen gebildet hätten. „Ich bin inzwischen an fünf Gründungen beteiligt“, sagt er. „Ich sehe mich schon als Pionier, als jemand, der anderen etwas vorlebt. Aber nicht mit dem Anspruch, dass es andere genauso machen.“ Transition sei ein Experiment. Keiner könne wissen, ob es richtig sei. Aber man könne es einfach ausprobieren. Dann nimmt er den fußballgroßen Kohlkopf in die Hand, schneidet ihn in kleine Stücke und lässt sie mit Schwung über die Hobelklinge krachen.

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