20.09.2006 · „Schnee ist ähnlich wie Wüstensand“, sagt der ägyptische Investor Samih Sawiris. Er plant unterhalb des Gotthards ein Ferienparadies mit 3000 Betten und einem Golfplatz - 1400 Meter über dem Meeresspiegel.
Von Konrad Mrusek, AndermattWie eine Figur aus Tausendundeiner Nacht sieht der Ägypter Samih Sawiris nicht aus, er ist westlich gekleidet und spricht sogar Deutsch, weil er in Berlin studiert hat. Trotzdem wirkte der Mann wie ein Prinz aus dem Morgenland, als er jetzt in der Mehrzweckhalle von Andermatt ein touristisches Märchen erzählte. Der Milliardär, der bisher vor allem im Nahen Osten investierte, will im unwirtlichen Urserntal unterhalb des Gotthard-Passes eine Ferienanlage bauen mit 3000 Betten und einem Golfplatz mit 18 Löchern - und das auf 1400 Metern über Meer. Noch grasen dort die Kühe, und es übt das Schweizer Militär, doch demnächst soll in dem etwas verschlafenen Dorf mit 1300 Einwohnern eine neue Ära des Fremdenverkehrs beginnen, sollen St. Moritz und Davos Konkurrenz bekommen.
Die fünfhundert Einwohner, die neugierig in die Halle strömten, sahen den Investor nicht zum ersten Mal. Doch erstmals wurde ihnen gezeigt, wie die Anlage aussehen soll. Die Bergler reagierten fasziniert, aber auch etwas erschlagen ob der riesigen Dimensionen. Sawiris will mit seiner Orascom Hotels & Development 1,4 Millionen Quadratmeter Boden überbauen, möchte neben dem alten Dorf eine neue Siedlung errichten mit 5 bis 6 Hotels, mit Hunderten von Ferienwohnungen und Chalets sowie mit Hallenbad und Shopping Mall. Das Militär hat ihm bereits Flächen zugesichert, weil es diese nicht mehr braucht. Doch einige Landwirte zögern noch, sind noch nicht überzeugt, daß der Wechsel vom Bergbauern zum Golfplatzmäher eine gute Idee ist.
„Ihr werdet eure Seele verkaufen“
Sawiris gebärdete sich nicht wie ein dollarschwerer Scheich, der huldvoll Fragen zuläßt, sonst aber diktiert. Er redete mit sanfter Stimme und viel Gespür für die direktdemokratischen Sitten des Landes. Die Innerschweizer sind mißtrauisch gegen Fremde und passen auf, daß man sie bei einem Projekt nicht über den Tisch zieht. Kritiker warnten vor Gigantismus. „Ihr werdet euer Tal nicht wiedererkennen und die Seele verkaufen.“ Doch die Gegner waren in der Minderzahl. Die meisten sehen im Projekt eine Chance, den ökonomischen Niedergang des Tals zu stoppen, in dem bisher vor allem das Militär Geld brachte, weil es rings um Andermatt die Berge durchbohrte und zu Festungen ausbaute. Doch diese Bunker wurden größtenteils aufgegeben, daher schrumpft die Zahl der Berufssoldaten.
„Das ist ein großartiges Werk mit großem Symbolcharakter“, rief ein Mann unter großem Beifall in den Saal, „wir können aus einem kriegerischen Areal ein friedliches machen.“ Ist Sawiris ein Phantast, der sich in das herbe Alpental verliebte? Rennt er einer Fata Morgana nach, wenn er glaubt, nach dem Muster seiner fünf erfolgreichen Ferienresorts in warmen Wüstenregionen, darunter Taba und El-Gouna am Roten Meer, auch die kühlen Alpen touristisch erobern zu können? Als einer von drei Brüdern leitet Samih die Hotel-Gruppe der Sawiris-Familie, die auch im Baugeschäft und in der Telekommunikation engagiert ist. Das Vermögen der Familie wird auf rund fünf Milliarden Dollar geschätzt.
Die meisten fahren unter Andermatt durch
„Schnee ist ähnlich wie Wüstensand“, beteuert Sawiris, „ man kann mit beiden Elementen touristische Angebote kreieren.“ Andermatt hat rassige Ski-Abfahrten, die indes bei Ausländern bisher wenig bekannt sind. Die meisten fahren durch den Gotthard-Tunnel, also unter Andermatt hindurch, scheuen den Weg nach oben durch die Schöllenen-Schlucht in das weite, fast baumlose Tal. Der Investor, dem ein ehemaliger Schweizer Botschafter in Kairo diese versteckte alpine Perle nahebrachte, hat offenbar erkannt, daß der Ort ein größeres Potential hätte, wenn man ihn in der schneefreien Zeit attraktiver machte. Daher der Golfplatz, der betuchte Kunden locken und zu längerem Aufenthalt verleiten soll. Sawiris weiß zwar wie die Bergbauern, daß die Sommer sehr kurz sind, dennoch müsse man „dieses Opfer“ bringen, sagte er jetzt den Andermattern, weil sonst die gewünschte Klientel nicht komme. Er hofft vor allem auf Gäste aus Norditalien und auf Deutsche.
Das Tal liegt verkehrsgünstig: Bis Mailand sind es auf der Autobahn nur gut zwei Stunden, ähnlich lange braucht man zum Züricher Flughafen. Andermatt ist Zwischenstation des bei Asiaten und Amerikanern sehr beliebten Glacier-Express, der zwischen St. Moritz und Zermatt fährt. In diesen Nobelorten wäre der Investor gewiß nicht willkommen, weil er den Luxushotels Konkurrenz machte, in Andermatt mit seinen bisher 1300 Betten gibt es dagegen nur Hoteliers, die sich eine Aufwertung des Standorts wünschen und daher gelegentlich die Bergbauern als „Stänkerer“ bezeichnen.
Verkauf an Ausländer ist noch kontingentiert
Bei den Politikern des Kantons Uri rennt der Investor offene Türen ein. Sie haben in bloß neun Monaten, was für Schweizer Verhältnisse ein Rekord ist, einen Entwurf für die neue Raumplanung im Urserntal erstellt, der dann die Basis für die Änderung des Zonenplans wird. Darüber muß später die Gemeindeversammlung von Andermatt befinden. Die Regierungsrätin des Kantons, Heidi Z'graggen, warb schon jetzt für die Umwidmung der landwirtschaftlichen Zone. „Dies ist ein wichtiger Schritt für Andermatt und auch für andere Bergtäler.“ Man könne die Abwanderung stoppen und bis zu 2000 Arbeitsplätze schaffen. Das wäre ein Zuwachs von 12 Prozent im armen Kanton. Den Zuwachs der Bruttowertschöpfung bezifferte die Regierungsrätin auf 8 Prozent.
Sawiris wollte noch nicht sagen, wie viel Geld er in Andermatt zu investieren gedenkt. Erst müßten die staatlichen Genehmigungen und dann die Architektenpläne vorliegen, dann könne man den Betrag beziffern. Es werde aber sicher ein dreistelliger Millionenbetrag sein, versicherte Sawiris. Seine Zurückhaltung hängt auch damit zusammen, daß letztlich nicht die Andermatter, sondern die Schweizer Regierung entscheiden wird, ob das Projekt gelingt. Denn Sawiris will mit dem Verkauf von 600 Ferienwohnungen und Chalets einen Teil seiner Investition finanzieren, der Verkauf an Ausländer ist aber (noch) kontingentiert. Nur wenn die Regierung die Chalets als Teil des Ferien-Resorts und damit als betriebsnotwendige Immobilie einstuft, kann das alpine Märchen wahr werden.
| Name | Kurs | Prozent |
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| FAZ-INDEX | 1.376,85 | −1,24% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2443 | −0,36% |
| Rohöl Brent Crude | 104,77 $ | −1,95% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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