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Tourismus Die Chinesen kommen

14.11.2005 ·  Gut 100 Millionen chinesische Touristen soll es bis 2020 geben. Kein anderes Land hat dann mehr Reisende. Luxusmarken, Hotels und Spielcasinos profitieren vom Ansturm. Das bietet auch Chancen für Anleger.

Von Catherine Hoffmann
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In sechs Tagen legte die Reisegruppe Tausende von Kilometern zurück. Zahlreiche Sehenswürdigkeiten wurden abgeklappert: Rothenburg, das Münchner Hofbräuhaus, Hugo Boss im schwäbischen Metzingen, der Wolfgangsee, die Autoschmiede Daimler in Sindelfingen.

Etwa 3.000 Euro mußten abenteuerlustige Chinesen für ihre einwöchige Rundreise bezahlen, die das Reiseunternehmen TUI vor einem Jahr organisiert hat. Es war die erste Tour dieser Art, nachdem die chinesische Regierung die Reisebeschränkungen für viele europäische Länder gelockert hatte.

Chinesen bereisen bisher vor allem das eigene Land

Seither wächst der Zustrom chinesischer Touristen beständig - nicht nur nach Deutschland. Weltweit wurden im vergangenen Jahr 29 Millionen chinesische Touristen gezählt - 43 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit hat die umtriebige Nation die 17 Millionen japanischen Reisenden mit Leichtigkeit überflügelt.

Es ist erst der Anfang. Während japanische Touristen von Gelsenkirchen bis Santiago de Compostela längst ein vertrauter Anblick sind, bereisten Chinesen bisher vor allem das eigene Land. Wachsender Wohlstand und eine unbändige Neugier auf die weite Welt lassen aber immer mehr Chinesen in die Ferne schweifen.

Die Chinesen geben mehr aus als die Japanaer

Alle Prognosen deuten darauf hin, daß die Zahl chinesischer Touristen in den kommenden Jahren rasant wachsen wird. 2020 soll es bereits 115 Millionen geben, viermal soviel wie heute. Dann hat das reiselustige Volk die Deutschen und Amerikaner abgehängt. Das ist das Ergebnis einer 112 Seiten starken Studie über den China-Tourismus, die CLSA, eine Tochter der Bank Credit Agricole, erstellt hat.

Chinesen, die sich eine Auslandsreise leisten können, gehören meist zur Oberschicht. Ihre Kaufkraft ist nicht zu unterschätzen. Wie die Japaner reisen auch die Chinesen mit der Absicht, den Daheimgebliebenen etwas mitzubringen. Gegeizt wird dabei nicht. Betrachtet man allein die Ausgaben für Einkaufstouren, geben chinesische Reisende mit durchschnittlich 987 Dollar schon heute 80 Prozent mehr als japanische Urlauber aus.

Chinesisches Frühstück im Hotel

Die rasch wachsende Zahl chinesischer Touristen hat weltweit enorme Auswirkungen auf die Reisebranche. Touristikunternehmen, Fluggesellschaften und Hotels stellen sich bereits auf den Ansturm der Chinesen ein. Einzelhändler hoffen auf gute Geschäfte und Aktionäre auf kräftige Gewinne.

Accor, eine der größten Hotelketten Europas, hält seit Jahresbeginn in vielen Häusern Speisekarten in chinesischer Sprache und ein chinesisches Frühstück bereit. "Es ist genauso wie vor 20 Jahren mit den Japanern", sagt Serge Ragozin, ein Manager der Hotelkette Accor. Nur gebe es zwei große Unterschiede: In China lebten viel mehr Menschen, und der Tourismus wachse stürmischer.

„Unglaubliche Zuwachsraten“

Hotels und Restaurants werden möglicherweise weniger vom Boom profitieren, als ihnen lieb ist. Denn viele chinesische Touristen essen und schlafen lieber günstig. Sie geben ihr Geld für Sightseeing aus, rasen von Ort zu Ort, vorbei an Kirchen, Kunst und Kultstätten. Noch mehr Gefallen finden sie allerdings am Shoppen - vor allem Luxuslabels haben es ihnen angetan.

"Wir beobachten unglaubliche Zuwachsraten im Geschäft mit chinesischen Kunden", sagt Gabriella Schnitzler, Geschäftsführerin von Louis Vuitton Deutschland. "In zwei oder drei Jahren werden sie so bedeutend sein wie heute unsere japanische Kundschaft - und die spielt bislang nach den Deutschen die größte Rolle." Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen in den deutschen Boutiquen sechs chinesische Verkäuferinnen, die Landsleute in ihrer Muttersprache beraten.

Auch Anleger können profitieren

Auch Anleger können vom Reiseboom der Chinesen profitieren. Die CLSA-Analysten schätzen, daß LVMH, das weltweit führenden Luxuslabel, und der Schweizer Uhrenhersteller Swatch zu den größten Gewinnern zählen. Denn zur Swatch Group zählen nicht nur die Plastikuhren, sondern auch Edelmarken wie Blancpain, Breguet oder Glashütte.

In Hongkong, dem Reiseziel Nummer eins der Festlandchinesen, empfehlen die Analysten die Parfümeriekette Sa Sa und den Einzelhändler Lifestyle International. Sa Sa macht beinahe 40 Prozent seines Umsatzes mit Chinesen. Lifestyle International besitzt mit dem zehnstöckigen "Sogo" das größte Kaufhaus Hongkongs, das von Chinesen gerne besucht wird.

„Laut, rüpelhaft und fordernd“

Und falls es noch etwas gibt, das Chinesen mehr Spaß macht als Einkaufen, dann ist es das Glücksspiel. Viele Asiaten sind besessen von Roulette, Black Jack und einarmigen Banditen. Da solche Spiele in China strikt reguliert sind, gibt es praktisch keine Auslandsreise, die nicht auch in ein Spielcasino führt. Wer daraus Kapital schlagen will, sollte ein Auge auf die Aktien von Melco und Las Vegas Sands werfen, die beide riesige Spielcasinos in Macao betreiben, einer Hochburg des Glücksspiels.

Inwieweit Fluglinien und Hotelketten zu den Gewinnern zählen werden, ist ungewiß, solange die Chinesen hier kostenbewußt bleiben und ein scharfer Wettbewerb die Gewinnmargen drückt. Langfristig sollten Nobelherbergen, wie sie Shangri-La Asia betreibt, durchaus Rückenwind verspüren.

Zwar gilt der Chinese unter den Asiaten als der Deutsche: als ein unbeliebter Tourist. "Laut, rüpelhaft und fordernd" sei er, klagen die Angestellten in Luxusboutiquen und Hotels. Dennoch werden sie alles tun, ihre Gäste nicht zu enttäuschen. Es ist eine einmalige Chance, Geld zu verdienen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.11.2005, Nr. 45 / Seite 49
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