http://www.faz.net/-gqe-13js2

Tourismus : Der Titel Welterbe ist bares Geld wert

  • -Aktualisiert am

Seit der Prämierung der Grube Messel zum Welterbe ist der Besucherandrang rasant gestiegen Bild: AP

„Unesco-Weltnaturerbe Grube Messel“ - mit dieser Aufschrift weist am Fahrbahnrand der A5 bei Darmstadt eines der braunen Schilder zu einem Abstecher in die Fossil-Lagerstätte. Die Auszeichnung lockt vor allem ausländische Touristen. Besonders ländliche Regionen profitieren davon.

          „Unesco-Weltnaturerbe Grube Messel“ - mit dieser Aufschrift lockt am Fahrbahnrand der A 5 bei Darmstadt eines der braunen touristischen Hinweisschilder zu einem Abstecher in die Fossil-Lagerstätte. In einer einstündigen Führung können Besucher Fossilien von Urpferden, Fischen oder Amphibien bewundern, die hier vor 47 Millionen Jahren entstanden sind. Sogar die halbverdaute letzte Mahlzeit ist bei manchem versteinerten Erdbewohner noch zu erkennen.

          Rund 22 000 Besucher zählt die Grube pro Saison (April bis Oktober). Darunter finden sich Tagesausflugsgäste ebenso wie Durchreisende aus dem In- und Ausland. In diesem Jahr legt die Besucherstatistik noch einiges zu. Der Sensationsfund von „Ida“, dem weltweit ältesten komplett erhaltenen Fossil eines Primaten (siehe auch: Fossilienfundstätte Messel: Idas Wiege), im Mai 2009 zeigt ebenso wie verstärkte Werbung seine Wirkung. Doch allem voran ist der Titel „Unesco-Weltnaturerbe“ ein Segen für den Tourismus in der Ölschiefergrube. „Ohne die Auszeichnung hätten wir wohl nur ein Drittel der Besucher“, schätzt Michael Kauer, der Marketingchef der Grube Messel. Seit der Prämierung im Jahr 1995 ist der Besucherandrang rasant gestiegen.

          33 deutsche Denkmäler

          Auf der ganzen Welt hat die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) 890 Denkmäler als außergewöhnliche Zeugnisse der Menschheits- und Naturgeschichte zum Welterbe erklärt und so unter besonderen Schutz gestellt. In Deutschland schmücken sich 33 Stätten mit dem Titel. Dazu gehören Altstädte, Schlösser, Kirchen und Gärten, aber auch Industriedenkmäler wie die Zeche Zollverein in Essen. „Gerade kleinere Sehenswürdigkeiten, die nicht in Großstadtnähe liegen, zehren im Tourismus von dem Titel“, beobachtet die Deutsche Unesco-Kommission.

          Auch der Sensationsfund von „Ida”, dem weltweit ältesten komplett erhaltenen Fossil eines Primaten, hat Messel abermals Aufmerksamkeit beschert
          Auch der Sensationsfund von „Ida”, dem weltweit ältesten komplett erhaltenen Fossil eines Primaten, hat Messel abermals Aufmerksamkeit beschert : Bild: dpa

          Die Denkmäler werden vom Verein Unesco Welterbestätten Deutschland seit 2001 gegen einen pauschalen Mitgliederbeitrag über Broschüren, Messeauftritte sowie Internet- und Printwerbung vermarktet. Viele Sehenswürdigkeiten leisten sich darüber hinaus nur ein kleines Marketingbudget. Eine Besucherstatistik führt der Verein nicht. Unter Berufung auf Rückmeldungen der Betreiber sagt der Vorsitzende Horst Wadehn: „Durch den Welterbestatus gewinnen kulturelle Stätten einen deutlich höheren Stellenwert.“

          Attraktionen als Zugpferde für eine ganze Region

          Das Interesse geht heute über Tagesausflüge oder Zwischenstopps auf der Urlaubsreise hinaus. „Immer mehr Besucher machen einen gezielten Welterbe-Tourismus“, sagt Peter Braun, der Leiter der Klosterverwaltung Maulbronn. Der Welterbestätten-Verein fördert dies mit Routenempfehlungen, etwa für die Reise von Trier (Liebfrauenkirche) über Völklingen (Eisenwerk), Lorsch (Benediktiner-Abtei) und Speyer (Dom) nach Maulbronn. Das beschauliche Örtchen Maulbronn bei Karlsruhe lockt jährlich 180 000 Gäste in die ehemalige Zisterzienser-Abtei. Im ersten Halbjahr 2009 ist die Besucherzahl um 10 Prozent geklettert. Der Grund: Im Juni war Maulbronn Ausrichtungsort des diesjährigen Welterbetages, einer Veranstaltung des Welterbevereins, und hat daher kräftig die Werbetrommel gerührt.

          Mit einem starken Marketing kann der Unesco-Titel sogar zum touristischen Zugpferd für eine ganze Region werden. Susanne Lengger, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes im bayerischen Pfaffenwinkel, sagt: „Wir werben nicht für die Unesco-Stätte Wieskirche, sondern mit ihr.“ Wegen der Nähe zum Schloss Neuschwanstein kann sich die Wallfahrtskirche vor Besuchern kaum retten. Jährlich sind es rund eine Million Menschen. Dass sich nur wenige für weitere Sehenswürdigkeiten der Klosterregion interessieren, soll sich künftig durch eine stärkere Werbung für diese Attraktionen ändern.

          Großstädten weniger auf Welterbe-Titel angewiesen

          Für Großstädte wie Köln oder Dresden ist der touristische Mehrwert des Unesco-Titels deutlich schwerer zu fassen als bei der Wieskirche, dem Kloster Maulbronn oder der Grube Messel. Den Kölner Dom besuchen jährlich 6,5 Millionen Menschen, und in Dresden wurden 2008 rund 3,3 Millionen Übernachtungen gebucht. Ende Juni wurde der sächsischen Barockstadt die Unesco-Auszeichnung für das Elbtal aberkannt, da sie nicht vom Bau der stählernen Waldschlößchenbrücke abrücken wollte (siehe auch: Unesco-Entscheidung: Dresden ist kein Welterbe mehr).

          Auswirkungen des fehlenden Unesco-Titels auf das Interesse deutscher Touristen an der Stadt erwartet Bettina Bunge, Geschäftsführerin der Dresden Marketing GmbH, nicht. Der aktuelle „moderate Rückgang“ der Besucherzahlen sei auf die Wirtschaftskrise zurückzuführen. Mit der Frauenkirche, der Semperoper und dem Residenzschloss verfüge Dresden über eine ganze Reihe weiterer Publikumsmagneten. „Allerdings haben die negativen Schlagzeilen einen Imageschaden angerichtet“, räumt Bunge ein. Den soll nun die Kommunikation über andere Sehenswürdigkeiten beheben.

          Anders als im Inlandstourismus spielt der Welterbe-Titel aber für Dresdens ausländische Besucher eine wichtige Rolle. Die Unesco-Stätten sind in Reiseführern aufgelistet und werden von vielen Gruppen angefahren. Beim Ziel, den Anteil ausländischer Touristen von heute rund 20 Prozent auszubauen, soll Dresden mittelfristig ein Unesco-Titel für eine andere Sehenswürdigkeiten wichtige Schützenhilfe leisten. Bunge zufolge gibt es in der Stadt Dresden Pläne für eine Bewerbung.

          Kulturtourismus in Deutschland auf Wachtumskurs

          Zur Vermarktung der deutschen Unesco-Stätten im Ausland kooperiert der Welterbe-Verein mit der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT). In der Profilierung des Reiselandes Deutschland gegenüber Ländern wie Österreich, der Schweiz und Frankreich, Russland, Amerika, Japan und China stehen die Welterbestätten weit oben auf der Prioritätenliste. „Mit dieser Strategie konnte Deutschland in den letzten Jahren im Kulturtourismus schneller wachsen als Wettbewerbsdestinationen“, sagt Petra Hedorfer, die DZT-Vorsitzende. Rund 10 Prozent aller Kulturreisen führten nach Deutschland, dem Land mit den meisten Welterbestätten.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Buhlen um den Baumeister

          Eintracht Frankfurt : Buhlen um den Baumeister

          Eintracht-Trainer Niko Kovac hat sich von einer Notlösung zu einem Baumeister oberster Güte entwickelt. Der Kroate veränderte vieles bei den Frankfurtern - und hat Erfolg. Das weckt Begehrlichkeiten.

          Wenn die Erinnerung mitbaut Video-Seite öffnen

          Neue Häuser : Wenn die Erinnerung mitbaut

          Eine Familie aus Weimar lebt in einem Holzhaus, das nicht nur ihrer Naturverbundenheit entgegenkommt.

          Siemens-Mitarbeiter wollen kämpfen Video-Seite öffnen

          Stellenabbau bei Großkonzern : Siemens-Mitarbeiter wollen kämpfen

          Siemens will weltweit fast 7000 Stellen streichen - davon die Hälfte in Deutschland. In den betroffenen Werken geht nun die Angst um. In Offenbach hatte Siemens angekündigt, den Standort aufzugeben. Dabei könnte es zum ersten Mal seit zehn Jahren zu Entlassungen bei Siemens auf dem Heimatmarkt kommen.

          Topmeldungen

          Robert Habeck im Gespräch : „Erbärmlich, dass wir es nicht hinbekommen haben“

          Die FDP habe das Scheitern von Jamaika lange geplant, glaubt der Grüne Robert Habeck. Im FAZ.NET-Gespräch sagt er, warum ein Kompromiss möglich war, Angela Merkel keine Schuld trifft – und wieso er eine Neuwahl für eine „unkontrollierte Sprengung“ hält.

          Kein Recht auf Neuwahlen : Letztlich entscheidet der Präsident

          Der Abbruch der Sondierungsgespräche hat verfassungsrechtlich erst einmal nichts geändert. Ein Recht auf Neuwahlen, gar nach Gutdünken, sieht das Grundgesetz nicht vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.