Der Lindwurm ist 20 Kilometer lang. Es ist ein bunter, lärmender Zug. Tag für Tag setzt er sich in Bewegung, bei jeder Etappe der Tour de France bietet er den Zuschauern am Straßenrand das erste Rennen. Bevor die Radprofis starten, geht die Werbekarawane auf Tour. Das ist Usus bei der Frankreich-Rundfahrt, und es ist immer noch ein beliebtes Spektakel. Obwohl die Tour de France vom wohl größten Dopingskandal des Radsports überschattet wird, obwohl Stars wie Jan Ullrich oder der Italiener Ivan Basso unmittelbar vor dem Prolog von ihren Rennställen wegen Dopingverdachts suspendiert wurden und nicht starten durften, läuft der Unterhaltungsbetrieb beim größten Radrennen der Welt weiterhin auf Hochtouren.
Nichts scheint die Einstellung der Zuschauer zur „Großen Schleife“ beeinträchtigen zu können. Selbst die jüngsten Nachrichten aus Spanien nicht über ein breit gefächertes Dopingnetzwerk, das Profis unter anderem mit präparierten Blutkonserven versorgt haben soll. Immer noch wird die Öffentlichkeit in den Bann gezogen vom großen Feld der Radrennfahrer und von seinen Vorboten, den fast 200 Autos, die die „caravane publicitaire“ bilden. Die Sponsoren geben sich in diesen Tagen alle Mühe, damit das auch so bleibt. Die Karawane zieht mit Musik, mit lautem Getöse ihre Bahn. Und von den Wagen werden Geschenke geworfen, insgesamt elf Millionen, Mützen beispielsweise oder Süßigkeiten oder kleine Mineralwasserflaschen. Gierig greift die Menge nach all diesen Artikeln der Tour-Partner. Eines der Fahrzeuge trägt eine bezeichnende Aufschrift: „Doc miracle“.
Keine ungewisse Zukunft?
In Frankreich, aber auch in Deutschland, Luxemburg, den Niederlanden oder in Belgien, wohin die Tour de France in diesem Jahr ebenfalls führte, sorgen die Radprofis somit weiterhin für einen Ausnahmezustand. Die Party geht weiter, mit Picknick, Wein und Baguette. Die Schattenseiten des Radsports scheinen schlichtweg verdrängt zu werden. Man spüre nicht, sagt Hans-Michael Holczer, Chef des Teams Gerolsteiner, welche Stimmung noch unmittelbar vor der Tour, als Ullrich oder Basso wegen der gegen sie erhobenen Vorwürfe abreisen mußten, geherrscht habe. Die Franzosen feiern „ihre“ Tour, die sie als eine Art Nationalheiligtum betrachten, und sie jubeln Etappensiegern wie Sylvain Calzati zu: Die französische Sportzeitung „L'Equipe“ sah den Franzosen nach seinem Erfolg am vergangenen Sonntag gar im Paradies.
Trotz der schweren Anschuldigungen gegen prominente Rennfahrer und trotz der anhaltenden Diskussionen über Doping im Radsport wähnen sich die deutschen Rennställe nicht vor einer unsicheren Zukunft. Keiner ihrer Sponsoren stellt sein Engagement im Radsport jetzt in Frage. So sieht Holczer das Team Gerolsteiner auf einer festen Basis. Für ihn hängt das auch mit seiner Radsport-Philosophie zusammen: „Es gibt eine gewisse Grundhaltung, die man vermitteln kann, es gibt einen gewissen Geist, den man in einer Mannschaft spürt, es gibt auch gewisse Dinge, die man vorleben kann.“
Die Füße still halten
Wie Gerolsteiner halten auch die anderen Sponsoren der Teams bislang still, tun so, als ob die 93. Frankreich-Rundfahrt eine wie jede andere sei. Als ob es keine Rolle spiele, daß Tour-Favorit Ullrich und mit ihm 55 andere Fahrer nicht am Start sind. So heißt es auch bei T-Mobile, daß der Vertrag mit dem Team unverändert weiterläuft. Bis 2008 hat sich das Telekomunternehmen an den Radsport gebunden. Rund 12 Millionen Euro dürfte das Engagement jedes Jahr kosten, schätzen Branchenkenner. Kein anderes Team ist teurer, kein anderer Sponsor hat in den vergangenen Jahren einen solchen Nutzen aus der Beliebtheit des Radsports gezogen. Sportvermarkter sind sich allerdings einig, daß der Dopingskandal auch die Sponsoren vor schwerwiegende Entscheidungen stellt, daß in den Marketingabteilungen der Unternehmen das Sponsoring auf dem Prüfstand steht.
„Jeder Sponsor muß mit dem Thema offensiv umgehen, um in der Öffentlichkeit nicht seine Glaubwürdigkeit zu verspielen“, sagt Stephan Schröder, Mitglied der Geschäftsführung der Kölner Agentur Sport+Markt. Die Entscheidung von T-Mobile, Jan Ullrich zu suspendieren und seinen Berater Rudy Pevenage zu entlassen, ist für Schröder solch ein offensiver Schritt in die richtige Richtung. Dabei braucht der Radsport Stars. Solche wie Ullrich. Doch ihm und allen anderen verdächtigten Radprofis drohen im Fall nachgewiesener Schuld vierjährige Wettkampfsperren - normalerweise eine Katastrophe für die Sponsoren. Unvergessen ist der Dopingskandal 1998, als das Festina-Team ausgeschlossen wurde und der Uhrenmarke ein Imageschaden entstand. Nun ist der spanische Rennstall Astana-Würth, der ebenfalls unter massivem Dopingverdacht steht, nicht mehr dabei. Der deutsche Kosponsor, die Würth-Gruppe aus Künzelsau, hat das Teamsponsoring drei Tage nach der Suspendierung eingestellt. Für alle, die dabeibleiben, sieht Sponsoringfachmann Schröder nur eine Chance: „Jetzt geht es ums Großreinemachen.“
Mehr Macht für Sponsoren
Hinter den Kulissen ist bereits zu hören, daß nach der 93. Tour de France so mancher Sponsor größeren Einfluß auf das sportliche Geschehen nehmen will. Der Radsport dürfe nicht allein den Funktionären überlassen werden, verlautet aus einem Unternehmen. Neue Interessenten dürften es sich ebenfalls gut überlegen, mit welchem Team, mit welchem Star sie noch Werbeverträge abschließen. Ausstiegsklauseln für Dopingvergehen sind in den Verträgen sowieso schon Standard.
Eine wirtschaftliche Konsequenz der Dopingaffäre ist bereits erkennbar: Weil die Stars nicht mitfahren und das Interesse der Fernsehzuschauer dementsprechend schwindet, setzte das ZDF die Preise für die Werbespots während der Übertragungen drastisch herab.
„Wir prüfen unser Sponsoring“
Doch nicht nur ein womöglich nachlassendes Interesse am Spitzensport wäre ein Problem. Der gesamte Radsport kann Schaden nehmen. Noch sind die Auswirkungen nicht absehbar. Immerhin: Die zahlreichen Radsport-Klassiker scheinen derzeit nicht in Gefahr. „Rund um den Henninger-Turm“ in Frankfurt etwa, schon 45mal von der Henninger-Brauerei gesponsert, soll allen Dopingskandalen zum Trotz eine Neuauflage erhalten.
„Das ist ein Ereignis für die ganze Stadt und hat eher Volksfestcharakter“, sagt eine Sprecherin der zur Radeberger-Gruppe gehörenden Biermarke. Nicht ganz so eindeutig ist das Bekenntnis der DEVK zum Radsport, was vielleicht auch daran liegen mag, daß das Radrennen „Rund um Köln“ von der Versicherungsgruppe erst fünfmal finanziell unterstützt wurde. „Wir prüfen unser Sponsoring jedes Jahr unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten“, sagt ein DEVK-Sprecher, der ansonsten auf den Faktor Zeit setzt. „Rund um Köln“ findet traditionell am Ostermontag statt. Bis zum 100. Rennen im Jahr 2007 fließt also noch viel Wasser den Rhein runter, wie man in Köln sagt.
Imageschaden fuer Festina?
(knuteckstein)
- 12.07.2006, 01:26 Uhr
Balance
Jens-Christian Pohl (punxsatawnyphil)
- 12.07.2006, 10:31 Uhr