23.02.2006 · Ein etwas kühlerer Kopf stünde manchem, der sich jetzt in Sachen „Vogelgrippe“ zu Wort meldet, gut zu Gesicht. In Europa handelt sich noch immer um eine reine Tierseuche, und auch das Hühnchen zum Mittagessen ist ungefährlich.
Von Carsten GermisMartialische Bilder von der Ostseeinsel Rügen: verendete Schwäne, Soldaten in ABC-Schutzanzügen, Hubschrauber, die die Küstengewässer überwachen. So entsteht der Eindruck, jede Minute könne eine von den Vögeln ausgelöste weltweite Grippewelle ausbrechen, die Millionen Menschen dahinrafft. Doch ein etwas kühlerer Kopf stünde manchem, der sich jetzt in Sachen „Vogelgrippe“ zu Wort meldet, gut zu Gesicht.
Bei der Geflügelgrippe handelt es sich noch immer um eine Tierseuche, die bisher lediglich vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist. Auch wenn sich die Politik natürlich auf den schlimmsten möglichen Fall einer Pandemie einstellen muß, deutet nichts darauf hin, daß das gefährliche Vogelgrippe-Virus H5N1 nun, wo es aus Asien in Deutschland angekommen ist, schnell mutiert und auch vom Menschen auf den Menschen übertragen werden kann. In Asien sind bislang weniger als 100 Menschen am Vogelgrippevirus gestorben. Dabei haben sich die Menschen an erkranktem Geflügel angesteckt. In Deutschland sterben Jahr für Jahr tausende Menschen im Winter an der gewöhnlichen Grippe, ohne daß es die Öffentlichkeit erregt. An diese Zahlen sollte man sich dieser Tagen auch einmal erinnern.
Sorge im Emsland
Die Vogelgrippe ist schneller als von vielen erwartet - wahrscheinlich über Singschwäne aus Osteuropa - nach Deutschland eingeschleppt worden. Da sich Wildvögel, wie es Thomas Mettenleitner vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit so schön gesagt hat, nicht regulieren lassen, wird sich die Seuche unter den Wildvögeln weiter ausbreiten. Vögel können nun mal fliegen und kümmern sich nicht um Sperrgebiete oder ABC-Schutztrupps der Bundeswehr Und niemand weiß, was passiert, wenn im März die Zugvögel aus Afrika zurückkommen. Auch dort grassiert die Vogelgrippe.
Deswegen ist die wichtigste Aufgabe, um die es jetzt geht, die Ausbreitung der Seuche in die Nutztierbestände zu verhindern. 110 Millionen Tiere stehen in den Ställen der deutschen Geflügelwirtschaft, die Hälfte davon in Niedersachsen. Im Emsland, wo große deutsche Geflügelbetriebe ihren Sitz haben, ist die Sorge besonders groß, daß die Vogelgrippe aus der Natur in die Ställe vordringt. Wenn das geschähe, wären die wirtschaftlichen Auswirkungen fatal. Landwirtschaftsbetriebe, die zehntausende Hühner, Gänse oder Enten in ihren Ställen haben, drohte das Aus.
Geflügel-Absatz sinkt
Schon jetzt, nach den Schreckensnachrichten von Rügen, ist der Absatz von Geflügelprodukten um zehn bis zwölf Prozent gesunken. Beim Export von Geflügel sind bislang noch keine Einbußen zu verzeichnen - weil es bislang noch keine Fälle gibt, in denen H5N1 im Hühnerstall aufgetreten ist. Der eine Fall auf Rügen, in dem es einen vagen Verdacht auf eine Infektion gab, ändert nichts an dem Befund: Unter Nutztieren grassiert das Virus noch nicht. Und wenn trotz der Vorsichtsmaßnahmen, die sich vor allem die großen Betriebe auch aus eigenem Interesse, auferlegen, ein solcher Fall auftreten sollte, dürften sich Pannen wie auf Rügen auch nicht wiederholen. Notfallpläne gibt es. Das Bewußtsein, daß sie auch umgesetzt werden, dürfte keinem Kreisveterinär in der Bundesrepublik mehr fehlen.
Zur Panik besteht also kein Grund. Hühnchen in der Mittagspause, Gänsebraten bei der Familienfeier und das Frühstücksei sind ungefährlich für den Verbraucher. Wird das Fleisch erhitzt, stirbt das Virus ohnehin. Und wer ganz auf der sicheren Seite bleiben will, ißt sein Frühstücksei künftig eben hartgekocht.
Drängende Fragen zu Geflügelbetrieben
Schwierig wird es, wenn sich das Virus unter Wildvögeln in Regionen wie im Emsland ausbreiten sollte, in denen intensiv Geflügelzucht betrieben wird. Eine H5N1-infizierte Möwe in Vechta, ein Schwan in Cloppenburg und eine Wildgans in Leer würden dazu führen, daß auch dort Schutz- und Beobachtungszonen von mindestens drei oder zehn Kilometer Radius eingerichtet werden müßten. Fleisch und Tiere dürfen in den Schutzzonen nicht transportiert werden.
Wie lange halten Betriebe das aus, wenn ihr Geflügel zwar gesund ist, aber nicht gehandelt werden darf? Betriebe, deren Bestände wegen einer Infektion getötet werden müssen, werden aus der Tierseuchenkasse und vom Staat entschädigt. Die anderen Betriebe, die nicht handeln können, tragen die Last alleine. Wie und nach welchen Kriterien werden ihnen dann Ausnahmen erteilt, um Fleisch zu transportieren? Die Antworten auf diese Fragen sind wegen des Schutzes vor der Seuche und aus wirtschaftlichen Gründen drängender als manche Debatte, die derzeit darum geführt wird, wie groß die Tamiflu-Vorräte in einzelnen Bundesländern sind.
Umstrittene Impfung
Deutschland wird auch in Zukunft mit der Vogelgrippe leben müssen. Da drängt sich die Frage auf, wie soll es mit der Stallpflicht weitergehen? Nach den bisher bekannten Planungen soll sie Ende April enden, wenn die Zugvögel wieder hier sind. Ist das realistisch? Und wie soll es mit der Freilandhaltung weitergehen, solange das Virus nicht eingedämmt ist? Das sind die Fragen, auf die es Antworten geben muß. Agrarminister Horst Seehofer wird sich auch entscheiden müssen, wie es mit Impfungen aussieht. Holland impft, Deutschland nicht. Auch geimpfte Tiere können sich infizieren und das Virus weiterverbreiten.
Viele Länder erlassen deswegen ein Importverbot für geimpfte Tiere. Wenn geimpfte Tiere sich dennoch anstecken, wegen des Impfschutzes aber nicht erkranken und das Virus weitergeben, könnte sich die Seuche unentdeckt weiter verbreiten. Der Satz „impfen statt töten“, läßt sich leicht sagen. Solange es einen Marker-Impfstoff nicht gibt, der diese Risiken ausschließt, gibt es gute Gründe dafür, die Ausbreitung der Seuche weiterhin dadurch zu verhindern, daß die Tiere getötet werden, wenn eine Infektion festgestellt wird.
Carsten Germis Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.
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