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Tierschutz Das Hähnchen ist ein armes Schwein

19.12.2009 ·  Die moderne Legehenne ist ein Hochleistungsvieh, das im Jahr dreihundert Eier fallen lassen muss, bevor es als Suppenhuhn endet. Doch Tierschutz scheint außer ein paar Freizeit-Aktivisten niemanden zu interessieren. Eine Analyse von Lukas Weber.

Von Lukas Weber
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Früher war die Tierwelt noch in Ordnung: "Ich wollt', ich wär' ein Huhn", heißt es in einem Gassenhauer der Comedian Harmonists aus den dreißiger Jahren. Das ist heute nicht mehr zu empfehlen. Die moderne Legehenne ist ein Hochleistungsvieh, das im Jahr dreihundert Eier fallen lassen muss, bevor es als Suppenhuhn endet. Am Jahresende laufen die letzten Genehmigungen für die Batteriehaltung aus, fortan wird die deutsche Henne in einer Kleingruppe unter Kunstlicht auf DIN A4 plus eine Handbreit je Tier leben - vorher war es noch weniger. Den Hähnchen und Puten geht es nicht besser, viele sind am Ende ihrer Turbo-Mast bewegungsunfähige Krüppel, weil sie die angezüchteten Riesenbrüste zu Boden zwingen. Solch ein Vogel ist schon ein armes Schwein.

Tierschutz in einer Massenproduktion, die Bestandsgrößen in Zehntausendern rechnet - bäuerliche Landwirtschaft mag man das nicht nennen -, scheint außer ein paar Freizeit-Aktivisten niemanden zu interessieren. Die Kataloge von Agrarausrüstern lesen sich auf manchen Seiten wie eine Bestellliste für die heilige Inquisition: Zangen zum peinlichen Abkneifen von Zähnen und Schnäbeln, damit die Insassen der Lager sich nicht aus Stress gegenseitig anfressen, Gummiringe zum Abfaulenlassen von Lämmerschwänzen, Elektroschocker (im Fall einer Weigerung, den letzten Gang anzutreten) oder Geräte zum Wegbrennen von Hornansätzen. Welche Verwendung das alles findet, mag der Verbraucher, der sich auf sein Schnitzel freut, womöglich gar nicht wissen. Oder auch ein Drahtgestell zum Kopfübereinhängen von Ferkeln - in fünf Sekunden ist der kleine deutsche Eber entmannt; diesem Eingriff müssen sich gut 20 Millionen im Jahr unterziehen, eine Narkose ist nicht vorgesehen.

Die Ratzfatzkastration hat aber dann doch sogar harte Männer berührt. Seit kurzem werden also Mittelchen gegen den Schmerz danach verabreicht - ein Placebo für die Öffentlichkeit. Der Blick über die Grenzen zeigt, dass die Prozedur dort verboten ist. Warum geht das hier nicht?

Grobes Ziel: Natürliche Lebensbedingungen

Wer jetzt meint, die Bauern sind die Bösen, macht es sich freilich arg einfach. Nutztierhaltung ist immer mit Zumutungen für das Lebewesen verbunden; wer Milch haben will, muss der Kuh das Kalb wegnehmen, auch wenn sie tagelang nach ihm ruft. Haltungsformen, die Tierfreunde zu ihrer Erbauung betreiben, sind zuweilen auch nicht viel besser. Die Wartezimmer der Veterinäre sind voll von Schmusedackeln, die mit Schokolade zu Tode gefüttert werden, und nackten Papageien, die sich in ihrem Wohnklo vor Langeweile selbst rupften. Die Liste der Gemeinheiten wider die Tiere ließe sich beliebig fortsetzen.

Nun soll man das eine Übel nicht mit dem anderen rechtfertigen. Aber der Landwirt kann für sich ins Feld führen, dass er von seiner Produktion leben muss. Weniger Leid und mehr Platz für das Tier treiben die Kosten. Die entscheidende Frage ist, wie viel Tierschutz man sich leisten will.

Die objektiv richtige Dosis gibt es nicht. Eine an natürlichen Lebensbedingungen orientierte Haltung taugt auch nur als grobes Ziel. Mal abgesehen davon, dass die auf Höchstleistung getrimmten Rassen gar nicht mehr in der Lage wären, ein Leben in der Freiheit zu führen, lässt sich schlecht sagen, was ein Tier glücklich macht. Der stolze Hirsch, der froh die Wälder durchstreift, führt in Wahrheit ein Leben der Entbehrungen, er wird von Würmern und Läusen zerfressen. Möchte die Kuh im Stall mit ihm tauschen? Bewegungsfreiheit verbraucht Energie, die Erzeugung sinkt. Die Nutztiere müssen dann zwar weniger leiden, man braucht aber mehr Tiere.

Wer nett ist, hat höhere Kosten

Die Politik setzt nur Mindestanforderungen fest, die notgedrungen willkürlich sind. Dabei geht es den Staaten wie den Bauern: Wer nett zu den Viechern ist, hat höhere Kosten als sein Nachbar. Wenn die Konsumenten über den Preis kaufen, führen nationale Alleingänge zu mehr Importen aus fragwürdiger Produktion. In der EU ist immerhin schon einiges erreicht worden, es gibt Richtlinien zu Haltung, Schlachtung und Transport. Und es gibt freiwillige Selbstverpflichtungen. Dazu ringen die Verbände mit den Tierschützern um jeden Zentimeter Platz im Stall. Um die Tiere kümmert sich also doch jemand, nur laufen die Verhandlungen zäh. So gibt es das angekündigte EU-Label für tierfreundliche Produktion immer noch nicht. Deshalb kann die Weihnachtsgans aus Osteuropa unter unappetitlichen Bedingungen fett geworden sein, ohne dass der Koch ihr das ansieht. Bisher hilft dagegen nur der Griff zum teuren Bioprodukt.

Dass der Verbraucher schuld am Elend der Tiere sei, weil er immer nur billig kaufen will, ist eine Erfindung jener, die ihn mit schönen Verpackungen benebeln. Henne und Ei zeigen, dass das Kaufverhalten sich dreht, wenn ausgewiesen werden muss, wie das Tier gehalten wurde. Der neue Käfig, der in Europa eigentlich erst bis 2012 eingeführt sein muss, wäre schon wieder ein Auslaufmodell - wanderten nicht die Eier unerkannt in Nudeln und Kuchen. Seit die Verbraucher spitzbekommen haben, dass er nicht viel tierfreundlicher ist als die alte Legebatterie, greifen sie mehr und mehr zu Eiern aus Bio- und Freilandhaltung. Sie werden von Hennen gelegt, die vier Meter Auslauf haben.

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