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Thyssen-Krupp „Wir werden 2005 die Stahlpreise noch mal erhöhen"

05.12.2004 ·  Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz äußert sich im Interview über die Lust auf Stahl, die Sehnsucht nach Kernkraft und einen Inder, der die Schwerindustrie erobert.

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Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz über die Lust auf Stahl, Sehnsucht nach Kernkraft und wie ein Inder die Schwerindustrie erobert

Herr Schulz, Thyssen-Krupp gefährdet mit kräftigen Stahlpreiserhöhungen den Aufschwung.

Das ist ein ungerechtfertigter Vorwurf. Wir haben uns sehr verantwortungsvoll gegenüber unseren Kunden verhalten. Wir haben 2004 innerhalb der Jahresverträge keine Preiserhöhungen vorgenommen.

Das heißt nur: Sie haben Ihre Verträge eingehalten. Das ist doch normal in einem Rechtsstaat.

So normal auch nicht. Einige Konkurrenten haben trotz laufender Verträge neue Preise durchgesetzt. Wir nicht. Preiserhöhungen blieben auf Mengen begrenzt, die nicht durch länger laufende Verträge gesichert waren. Wir werden aber von 2005 an die Stahlpreise für die neuen Einjahresverträge und Mehrjahresverträge erhöhen...

...worüber die schwächelnde Automobilindustrie erheblich klagt.

Grundlos. Ich habe den Kollegen in der deutschen Automobilindustrie unsere Preispolitik transparent gemacht und gezeigt, was wir von ihnen fordern im Vergleich zu dem, was wir am Spotmarkt erzielen könnten. Danach habe ich fast keine Klagen mehr gehört.

Thyssen-Krupp verdient gut wie selten mit Stahl.

Aber nicht, weil wir die Knappheit ausnutzen und unangemessene Preise verlangen. Wir geben nur die zum Teil drastischen Preiserhöhungen für Kohle, Legierungen, Erz und Schrott weiter. Unsere Ergebnisverbesserung im abgelaufenen Geschäftsjahr verdanken wir einzig unserem Restrukturierungsprogramm und der Tatsache, daß die Stahlwerke besser ausgelastet sind.

Nissan ist schon der Stahl ausgegangen. Kann das deutschen Autobauern auch passieren?

Genau das haben wir in Deutschland nicht eintreten lassen. Wir haben sogar Halbzeug teuer auf dem Weltmarkt eingekauft, um die Lieferungen nicht zu gefährden. Zu Lasten unseres Ergebnisses. Wir opfern keine Kunden für kurzfristige Gewinne.

Metallverarbeiter und der BDI-Präsident Jürgen Thumann klagen, die Preiserhöhungen für Stahl, Koks, Rohstoffe gefährdeten zahlreiche mittelständische Unternehmen.

In Deutschland war der Stahl nicht teurer als anderswo auf der Welt. Nur dann wäre ein solcher Vorwurf gerechtfertigt. So kämpft jeder mit den gleichen schwierigen Bedingungen. Wir auch. Wir mußten selbst passende Antworten auf Kostensteigerung um bis zu 100 Prozent bei Rohstoffen finden.

In den 70er Jahren haben die Industrieländer nach der Ölkrise eine strategische Ölreserve gebildet. Jetzt haben wir eine Rohstoffkrise. Ist es nun Zeit, nationale Reserven für Stahl, Koks, Kohle, Schrott, Erz zu bilden?

Das wäre übertrieben. Ich kenne kein Unternehmen in Europa, in dem die Produktion mangels Stahl zum Stillstand gekommen ist. Der Markt soll das regeln.

Aber der Markt wollte keine Kokereien zur Koksherstellung mehr in Deutschland. Und jetzt wären sie bitter nötig, weil Koks für die Stahlproduktion gebraucht wird und knapp und teuer ist wie nie.

Kein Stahlwerk stockt in Europa, weil ihm Koks fehlt. Zur Zeit müssen zwar hohe Preise hingenommen werden. Aber die Knappheit ist temporär. Es gibt Pläne für neue Kokereien. In drei bis fünf Jahren wird es ausreichend Koks geben.

Also braucht Deutschland selbst keine neuen Kokereien.

Ich will nicht bestreiten, daß es zur Erhöhung der Versorgungssicherheit bei Koks sinnvoll ist, rund eine Million Tonnen zusätzliche Kapazität zu schaffen. Das wäre knapp zehn Prozent des Bedarfs in Deutschland. Aber dann wegen des Kostenvorteils an einem Hochofen- und nicht an einem Zechenstandort.

Sie bauen ein Stahlwerk in Brasilien, warum nicht in Deutschland?

Wir haben das intern natürlich gerechnet. Platz genug haben wir in Duisburg. Nur: In Brasilien ist die Bramme 60 Euro billiger als in Deutschland.

Weil hier die Löhne so hoch sind?

Nein, weil das Erz in Brasilien in der Nähe des geplanten Stahlwerks gefördert wird. Das verbilligt den Rohstoff. Außerdem sind in Deutschland die Kosten für Energie und Umwelt dramatisch.

Jürgen Trittin ist schuld.

Wir haben die zweithöchsten Industriestrompreise in Europa, vor allem dank staatlicher Eingriffe. So hat Deutschland keine wettbewerbsfähigen Energiepreise. Das kostet Arbeitsplätze. Die Politik sollte einsehen, daß es langfristig ohne Kernkraft nicht geht, wenn man weltweit den Klimaschutz ernst nimmt und gleichzeitig akzeptable Preise haben will. Zudem liegen unsere Umweltschutzkosten pro Tonne Rohstahl in Deutschland um 20 bis 30 Euro höher als in Resteuropa. Wir betreiben einen Wahnsinnsaufwand, um das letzte Mikrogramm Staub herauszufiltern.

Die Bevölkerung will nun mal keine schmutzige Industrie.

Mein Eindruck ist eher, daß die Bevölkerung den Kontakt zur wirtschaftlichen Basis dieses Landes verliert. Und das liegt an den politischen Eliten in diesem Land, die ihren Führungsaufgaben nicht nachkommen. Sie sollten den Menschen die Zusammenhänge klarmachen und ehrlich sagen, daß der Preis für hohe Umweltschutzauflagen auch hohe Arbeitslosigkeit sein kann. Wir als Unternehmer haben ein Problem, die Menschen zu erreichen. Uns unterstellt man reines Gewinnstreben.

Ist Thyssen-Krupp groß genug, um zu überleben?

Wir haben die Phase der Fusionen und Übernahmen im europäischen Stahlsektor 1997 durch unsere Stahlfusion ausgelöst. Aber die Konsolidierung ist noch nicht zu Ende. Und wir werden dabeisein.

Sie suchen einen Partner in Europa?

Absolute Priorität hat der Bau eines Stahlwerks in Brasilien. Parallel sondieren wir den Markt in Europa und in Nordamerika. Langfristig wird China interessant, wenn dort die Stahlwerke privatisiert werden.

Wie kann ein Stahlunternehmer wie der Inder Lakshmi Mittal aus dem Nichts kommen und binnen zehn Jahren zum größten Stahlkocher der Welt werden, während Thyssen-Krupp auf der Liste der größten Produzenten langsam abrutscht?

Ich kenne Mittal. Wir haben ihm 1996 das Stahlwerk in Duisburg-Ruhrort verkauft. Er hat mir damals gesagt: "Herr Schulz, in zehn Jahren bin ich der größte Stahlproduzent der Welt."

Er hat Wort gehalten.

Und zwar in acht Jahren. Ich habe ihm damals nicht geglaubt. Aber er ist wie ich ein passionierter Anhänger des Werkstoffes Stahl. Er hat anders als wir sich auf Stahl konzentriert und oft veraltete Stahlwerke gekauft. Mittal hatte auch schwere Zeiten, als er einen amerikanischen Konzern sehr teuer erwarb. Die Zeit wird zeigen, ob er alle metallurgischen Binnenstandorte mit Investitionen erhalten kann. Fest steht: Er ist klug und mutig. Jetzt schwimmt er auf einer Erfolgswelle.

Die Börse liebt die, die sich wie Mittal konzentrieren.

Wir sind ein Industriekonglomerat, das neben der Stahlproduktion für die erste Verarbeitungsstufe und die industrielle Dienstleistung steht. Für unsere Aktionäre ist Dividendenkontinuität ein wichtiger Faktor. Dafür muß man ein ausgewogenes Portfolio haben, das stetige Erträge erwirtschaftet.

Die Thyssen-Krupp-Aktie als Witwen-und-Waisen-Papier wie einst Veba?

Wer jedes Jahr zwischen drei und fünf Prozent erzielen und nicht jeden Tag von Kursschwankungen durchgeschüttelt werden will, ist bei uns gut aufgehoben.

Eine WestLB-Studie legt nahe, Sie sollten jetzt die Stahlsparte teuer verkaufen, um sich auf Autos und Aufzüge zu konzentrieren.

Das sehen wir anders.

Aber 2000 wollten Sie schon mal den Stahl an die Börse bringen.

Das haben wir damals abgesagt, weil der Kapitalmarkt so schlecht war. Jetzt sind wir glücklich darüber. Zudem haben wir mit den flüssigen Mitteln aus der Stahlsparte die anderen Geschäfte entwickelt.

Jetzt schmieden Sie auch noch einen europäischen Werftenverbund.

Ja, das ist das Ziel. Wir fangen in Deutschland mit der Werftenfusion von Thyssen-Krupp und HDW an. Und ich bin sicher, daß Brüssel dem auch zustimmt, so daß wir im Januar loslegen können. In zwei, drei Jahren könnten die französischen Werften hinzukommen, vorausgesetzt, die machen auch ihre Hausaufgaben.

Brüsseler Wettbewerbshüter vermuten, Sie sind nur der Steigbügelhalter für die Franzosen.

Thyssen-Krupp strebt in einer europäischen Werftenlösung nicht unbedingt die Mehrheit an, das ist richtig. Das heißt aber nicht, daß wir auf jeden Fall darauf verzichten.

Herr Schulz, Ihr Vertrag läuft noch bis 2007. Was wollen Sie bis dahin umgesetzt wissen?

Die Konsolidierung nach der Fusion von Thyssen und Krupp-Hoesch hat, das gebe ich zu, ein, zwei Jahre zu lange gedauert. Aber jetzt geht es vorwärts. Dazu gehört die Stahlkonsolidierung genauso wie der Werftenverbund und der Ausbau der Automobilzulieferung und Aufzüge. In unseren Kerngeschäften sind wir jedes Jahr um 11 Prozent gewachsen. Dieses Tempo werden wir wohl nicht mehr halten können. Aber am Ende meiner Amtszeit steht ein Thyssen-Krupp-Konzern mit zirka 45 Milliarden Euro Umsatz und einem Gewinn, der sich entsprechend der Leistungssteigerung des Konzerns weiter positiv entwickelt hat.

Das Gespräch führten Henning Peitsmeier und Winand von Petersdorff.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.12.2004, Nr. 49 / Seite 37
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