Home
http://www.faz.net/-gqe-74ztv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger Ohne Bugwelle

Heinrich Hiesinger, Vorstandsvorsitzender von Thyssen Krupp, hat sich viel vorgenommen: Er will dem Konzern eine neue Unternehmenskultur geben. Nun zerschneidet er alte Seilschaften - ohne die Belegschaft zu verprellen.

© dapd Vergrößern Heinrich Hiesinger

Als Gerhard Cromme, der Aufsichtsratsvorsitzende von Thyssen-Krupp und Siemens, im Frühjahr 2010 Heinrich Hiesinger in München abwarb und auf den Chefsessel nach Essen holte, sahen viele darin eine Schwächung des traditionsreichen Stahlkonzerns: Für den starken Ekkehard Schulz, der Thyssen-Krupp seit der Fusion der beiden Revierkonzerne 1999 führte, nun ein handzahmer Manager auf dem Chefsessel in Essen, über den der Aufsichtsratsvorsitzende nun leichteren Einfluss haben würde, so wurde spekuliert.

Werner Sturbeck Folgen:    

Aber der kampferprobte Siemens-Manager belehrte seine Kritiker schnell eines Besseren. Nur wenige Monate nach dem Antritt als Vorstandsvorsitzender setzte Hiesinger ein einschneidendes Verkaufsprogramm durch. Es betraf 10 Milliarden Euro Umsatz, damit ein Viertel des Konzernumsatzes, und es traf mit der Edelstahlgesellschaft auch eine der Wurzeln von Krupp. 18 Monate später hat der wackere Schwabe nicht nur dieses Programm weitgehend abgearbeitet. Auf vollen Touren läuft schon der Rückzug aus den beiden neuen Standorten in Amerika, deren Verluste den Konzern zu erdrosseln drohen.

Diese Aktion ist für die Aktionäre noch schmerzlicher. Denn mit dem Verkauf der neuen Stahlwerke in Brasilien und Alabama müssen enorme Buchwertverluste realisiert werden. So hat es Hiesinger auf sich genommen, in seinem ersten Geschäftsjahr als Vorstandvorsitzender den mit 5 Milliarden Euro größten Verlust in der Konzerngeschichte und den ersten Dividendenausfall zu verantworten.

Bodenhaftung bewahrt

Solche Befreiungsschläge sind schwierige Einzelaktionen. Sie werden sich nach Lage der Dinge im laufenden Geschäftsjahr abarbeiten lassen. Damit wäre der Weg frei für die verbleibenden gesunden Arbeitsbereiche wie das europäische Stahlgeschäft, den Anlagenbau und die Aufzüge, die erwirtschafteten Erträge in die eigene Weiterentwicklung zu stecken.

Aber der 52 Jahre alte Chef hat sich mehr vorgenommen. Er will dem Konzern mit noch rund 150.000 Beschäftigen eine neue Unternehmenskultur geben. Hiesinger hat einen ähnlichen Prozess in seiner Zeit als Zentralvorstand bei Siemens erlebt. Er weiß, wie schwierig es ist, alte Seilschaften zu zerschneiden, geliebte Sonderrechte abzuschaffen. Aber in gerade mal zwei Jahren im Ruhrgebiet hat er dort nachhaltige Eindrücke hinterlassen, dass er das Zeug für die gewaltige Aufgabe im Essener Quartier hat.

Die Belegschaften hat Hiesinger schnell für sich gewonnen. Als ältester von sechs Geschwistern einer schwäbischen Bauernfamilie aus Bopfingen hat er auch nach einer akademischen Ausbildung und seinem Aufstieg bei Siemens in den Zentralvorstand in 15 Jahren die Bodenhaftung gewahrt. Der promovierte Elektroingenieur kommt nicht mit der für Dax-Vorstände typischen Bugwelle daher.

Mehr zum Thema

Schlechte Nachrichten überbringt er persönlich in Belegschaftsversammlungen und stellt sich so lange den Fragen, bis die Beschäftigten verstehen, was auf dem Spiel steht. Sein engeres Umfeld in der Zentrale beschreibt ihn als optimalen Chef, der zuhört, Argumente abwägt und sachorientiert entscheidet.

Bei Thyssen-Krupp hat er bald lernen müssen, dass die Modernisierungsaufgabe, zu der ihn Cromme holte, weit über das Übliche hinausgeht. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Fusion von Thyssen und Krupp sind die Unternehmen noch nicht zu einem Konzern mit einheitlicher Identität zusammengewachsen. „In der Vergangenheit ist viel schiefgelaufen“, hat Hiesinger ruhig und schlicht an diesem Dienstag festgestellt. Und er hat den Segen des Aufsichtsrates, nun gründlich auszumisten.

Dass bei diesem neuen Start drei Vorstände aus der Zeit der bisherigen Unternehmenskultur gehen müssen, ist wohl der letzte Beleg für die inzwischen starke Position Hiesingers im Konzern. Denn diese einmalige Vorstandspersonalie rückt den Aufsichtsratsvorsitzenden wieder in den Kreis der Verantwortlichen für die missratenen amerikanischen Investitionen. Hiesinger kann, aber muss sich den Tort eines Neubeginns in den nächsten Jahren nicht antun. Cromme aber hat keine Wahl mehr unter Spitzenmanagern, die aus dem Stand wie Hiesinger den Neuanfang des angeschlagenen Konzern managen könnten.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Branche vor Neuordnung Europas Stahlkocher sind in der Krise

Bei den Stahlherstellern läuft es nicht: Umweltschutzauflagen, Kartellabsprachen und billiger chinesischer Stahl belastet die Unternehmen. Haben die alten traditionsreichen Stahlhersteller auch langfristig eine Zukunft? Mehr

13.12.2014, 16:48 Uhr | Wirtschaft
Ruhrgebiet Aus alt mach neu

Früher stand das Ruhrgebiet für Kohle und Stahl, heute sind es Arbeitslosigkeit und leere Stadtkassen. Doch es gibt auch Lichtblicke im drittgrößten industriellen Ballungsraum Europas: neue Gewerbeansiedlungen auf alten Brachflächen, runderneuerte Wohngebiete. Unternehmen wie Evonik oder Thyssen-Krupp haben die Wandlung mit vorangetrieben. Mehr

17.12.2014, 09:20 Uhr | Wirtschaft
Wegen Korruption Ex-Siemens-Vorstand soll 2,5 Millionen zahlen

Die größte Korruptionsaffäre der deutschen Nachkriegsgeschichte könnte bald zu Ende gehen: Der frühere Siemens-Finanzvorstand Neubürger soll 2,5 Millionen Euro zahlen - wenn die Aktionäre zustimmen. Mehr

12.12.2014, 15:59 Uhr | Wirtschaft
Martin Schulz als EU-Parlamentspräsident wiedergewählt

Bei der konstituierenden Sitzung in Straßburg stimmten 409 der 751 Europa-Abgeordneten im ersten Wahlgang für Martin Schulz. Noch nie habe es einen Präsidenten gegeben, der eine zweite Amtszeit erreicht habe. Der SPD-Politiker sprach von einer Herausforderung und einer Ehre. Mehr

01.07.2014, 16:10 Uhr | Politik
Weitere Nachrichten Weniger Entlassungen in italienischem Thyssen-Krupp-Stahlwerk

In dem italienischen Thyssen-Krupp-Stahlwerk soll es weniger Entlassungen geben als gedacht und in einer russischen Metro-Filiale sind verbotene Lebensmittel aus der EU aufgetaucht. Mehr

04.12.2014, 06:45 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.12.2012, 15:35 Uhr

Eine Steuer nur für Dumme

Von Reinhard Müller

Die Erbschaftssteuer muss nach dem Karlsruher Urteil gerechter gestaltet werden. Das bedeutet nicht den Untergang für Familienbetriebe. Ein großes Vermögen allein oder der Erhalt einer Dynastie kann eine Steuerbefreiung nicht rechtfertigen. Mehr 42 19


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Weniger Geld für Startups

Software-Startups finden in Amerika leichter Investoren als andere Firmengründer. Mehr

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden