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Thomas Jordan : Notenbanker ohne Glamour-Faktor

Thomas Jordan Bild: REUTERS

Nach dem Rücktritt des Präsidenten der Schweizer Nationalbank, Philipp Hildebrand, wird ein geeigneter Nachfolger gesucht. Hildebrands bisheriger Stellvertreter Thomas Jordan gilt als Top-Favorit. Er verfolgt einen ähnlichen Kurs wie Hildebrand. Aber sein Stil ist anders.

          Dieser Aufstieg war nicht vorhersehbar. Mit dem kurzfristigen Rücktritt von Philipp Hildebrand am Montag rückte sein Stellvertreter Thomas Jordan an die Spitze der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Dies ist eine vorläufige Lösung und der Hektik der Abläufe geschuldet. Doch der Mann, wie Hildebrand mit Geburtsjahr 1963, machte sogleich deutlich, er stehe nicht nur interimistisch, sondern auch als vollgültiger Nachfolger zur Verfügung.

          Jürgen  Dunsch

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Daneben ließ er bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Präsident des Direktoriums keinen Zweifel daran, dass die bisherige Geldpolitik der Nationalbank beibehalten wird. Das bedeutet insbesondere die Verteidigung der Untergrenze des Franken von 1,20 zum Euro, koste es, was es wolle.

          Der Bundesrat entscheidet

          Die Wahl des Hildebrand-Nachfolgers ist Sache des Bundesrats, also der Schweizer Regierung. Dabei stehen die Chancen Jordans gut, dies aus zwei Gründen. Erstens gilt in der SNB die Regel, dass der Stellvertreter dem Präsidenten nachfolgt, wenn dieser aus dem Amt scheidet. Das war auch so, als Philipp Hildebrand Anfang 2010 an die Stelle von Jean-Pierre Roth trat. Damals wurde Jordan Vizepräsident. Zweitens kennt er die Nationalbank, in die er 1997 nach Studium und Promotion in Bern und Harvard als wissenschaftlicher Berater eintrat, in allen Ecken und Winkeln.

          Man kann erwarten, dass die Nationalbank unter seiner Führung den Kurs beibehält, mit dem das Land bisher relativ gut durch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise gekommen ist. Dies hängt zum Teil mit der SNB-Führungsstruktur zusammen. Deren dreiköpfiges Direktorium ist gleichberechtigt. Alle Entscheidungen werden einvernehmlich getroffen, der Präsident ist nur ein „primus inter pares“.

          Dennoch dürfte sich künftig einiges ändern. Auf den gerne weltläufig auftretenden Politologen Hildebrand mit beruflichem Hintergrund in Banken und Hedge-Fonds, der mit Bankern auf einer Augenhöhe sprach und sich auch gegenüber Politikern in Szene zu setzen wusste, folgt nun der Ökonom Jordan. Ihm kann in der Geldpolitik nicht so schnell jemand etwas vormachen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der das öffentliche Rampenlicht genoss, wenn nicht sogar suchte, fühlt sich aber Thomas Jordan in der Rolle des stillen Schaffers keineswegs unwohl. Gesprächspartnern gegenüber gibt sich der fast zwei Meter große Mann freundlich-zurückhaltend, aber gleichwohl aufgeschlossen.

          Sein Interessenspektrum ist weit gespannt, und den Bezug zur akademischen Welt hat er immer beibehalten. Seit 1998 lehrt er an der Universität Bern Geldtheorie und Geldpolitik. Zwischen den Jahren 2002 und 2007, als er Mitglied des Direktoriums wurde, wirkte Jordan zudem an der Universität Zürich.

          „Überdurchschnittliche Präzisionsfreude“

          Innerhalb der Notenbank hat der verheiratete Vater zweier Kinder mit Wohnsitz am Zürichsee den Ruf einer „überdurchschnittlichen Präzisionsfreude“, wie es ein Beobachter formuliert. In der Kommunikation muss der Notenbanker aus dem Kanton Bern gegenüber Hildebrand noch aufholen. Demgegenüber hat sich Jordan, dessen akademische Lehrer eine streng monetaristische Linie in der Geldpolitik vertraten, in Sachfragen schon profiliert.

          Er leitet erfolgreich die sogenannte „Bad Bank“, die 2008 eingerichtet wurde, um die „Giftpapiere“ amerikanischer Hypothekenanleihen aufzunehmen, welche die Großbank UBS an den Rand des Zusammenbruchs brachten. Mit der Übernahme des Vizepräsidentenamtes wurde Jordan in der Nationalbank auch für die Finanzstabilität zuständig. Dies war mehr als eine Routineernennung im Sog der Beförderung von Hildebrand.

          Vielmehr vertrat der neue Leiter dieses Ressorts die SNB in jener Kommission, welche für den Bundesrat die Grundlagen zur Zähmung der Großbanken UBS und Credit Suisse unter dem Stichwort „Too big to fail“ (TBTF) legte. Auch im zentralen Debattenpunkt der vergangenen Tage trat Jordan mit einer klaren Aussage an die Öffentlichkeit. Die SNB-Führung muss ja im Sog des Falles Hildebrand ihre Kontobewegungen der vergangenen drei Jahre offenlegen. Er habe keine Devisengeschäfte getätigt, sagte Jordan bei seiner Ernennung. Das werde die Überprüfung bestätigen.

          Quelle: F.A.Z.

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