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Brexit : Wie der Niedergang der britischen Industrie gestoppt werden soll

Stillgelegte Kräne in den Royal Victoria Docks in London Bild: Getty

Künstliche Intelligenz, grünes Wirtschaftswachstum und Elektroautos – die Regierung in London setzt nach dem Brexit auf ein Comeback der Industriepolitik. Gestärkt werden soll vor allem die schwache Produktivität.

          Die britische Premierministerin Theresa May will das Land mit einer industriepolitischen Offensive fit machen für den Brexit und eine Zukunft außerhalb der Europäischen Union. Am Montag stellte die Regierung in London ihre lange angekündigte „Industrielle Strategie“ vor. Der mehr als 250 Seiten starke Aktionsplan ist ein weiterer Anlauf, den seit Jahrzehnten andauernden Niedergang der britischen Industrie zu stoppen – und damit auch die lahmende Produktivität der Wirtschaft auf der Insel in Schwung zu bringen. Es sind Schwierigkeiten, die britische Politiker seit vielen Jahren vergeblich zu lösen versuchen.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          May verspricht „einen starken und strategischen Staat, der dort, wo er einen Unterschied machen kann, entschieden interveniert“. Jahrzehntelang war im wirtschaftsliberalen Großbritannien eine solche staatliche Lenkung verpönt. Doch nun hat Mays Wirtschaftsminister Greg Clark vier Felder ausgemacht, auf denen die britische Wirtschaft mit politischer Unterstützung führend auf der Welt werden soll: Künstliche Intelligenz und Big Data, „grünes Wirtschaftswachstum“, die Mobilität der Zukunft und Angebote für eine alternde Gesellschaft.

          Der Aktionsplan der Regierung ist eine Mischung aus neuen und bereits bekannten Vorhaben. So sollen unter anderem die technische Ausbildung an den Schulen verbessert und mehr berufliche Umschulungsmaßnahmen angeboten werden. Die Regierung stellt außerdem Geld bereit für ein Netz von Ladestationen für Elektroautos und mehr schnelle Internetverbindungen. Kritiker wie der prominente konservative Oberhausabgeordnete Michael Heseltine sagen dagegen, dass der Verzicht auf den wirtschaftsschädlichen Brexit der beste Weg wäre, um für mehr Prosperität zu sorgen.

          Die Schere zwischen arm und reich wächst

          Die Regierung will mit ihrem industriepolitischen Plan für eine gerechtere Wohlstandsverteilung im Land sorgen. Denn während die vor allem auf Dienstleistungen konzentrierte Wirtschaft rund um die alles dominierende Hauptstadt London brummt, fallen weite Teile des Landes zurück. Die ökonomische Tristesse in früher industriell geprägten Regionen wie Wales, Nordengland und Cornwall gilt als ein wesentlicher Grund dafür, warum beim Referendum im Juni 2016 mehr als 17 Millionen Briten für den Brexit gestimmt haben.

          Die Mehrheit für den EU-Austritt sei nicht nur ein Votum gegen die EU gewesen, „sondern auch gegen die Art und Weise, wie dieses Land funktioniert“ – das hat die Premierministerin May schon vor einem Jahr verkündet. In kaum einer anderen großen westlichen Volkswirtschaft hat sich die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung in den vergangenen Jahrzehnten so stark geöffnet wie in Großbritannien. Die Deindustrialisierung hat zum wirtschaftlichen Niedergang vieler Regionen auf der Insel maßgeblich beigetragen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich in Großbritannien der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Wirtschaftsleistung auf weniger als 10 Prozent fast halbiert. Dienstleistungen – vom Einzelhandel bis zur Finanzbranche – dominierten immer stärker. In den vergangenen Jahren wurden zwar Millionen neuer Jobs geschaffen, aber viele davon sind schlecht bezahlt. Denn eine weitere Schwäche der britischen Wirtschaft ist die chronisch schlechte Produktivitätsentwicklung.

          Wachstumsprognosen gesenkt

          2016 schafften britische Beschäftigte je Arbeitsstunde ein Viertel weniger wirtschaftlichen Mehrwert als ihre deutschen Kollegen. Die britische Produktivität liegt mittlerweile um 15 Prozent unter dem Durchschnitt der führenden sieben Industriestaaten (G-7). Seit der Weltfinanzkrise vor neun Jahren hat sie praktisch stagniert. Ökonomen führen das nicht zuletzt auf die im internationalen Vergleich sehr niedrigen Investitionen in Großbritannien zurück. Dabei ist die Produktivität eine der entscheidenden Determinanten für die Wohlstandsentwicklung eines Landes.

          Theresa May zeigt den Weg aus der Krise.

          Wie gravierend die Folgen sind, wurde erst in der vergangenen Woche wieder einmal deutlich als Mays Schatzkanzlers Philip Hammond die Wachstumsprognosen für die britische Wirtschaft in den kommenden Jahren stark nach unten korrigierte. Der Hauptgrund dafür: Die Regierungsexperten mussten einräumen, dass ihre Prognosen für die Produktivitätsentwicklung bisher zu optimistisch waren. Die Folge ist eine schmerzhaft lange Durststrecke für die britischen Arbeitnehmer: Die Londoner Denkfabrik Institute for Fiscal Studies prognostiziert, dass die Arbeitseinkommen auch im Jahr 2021 inflationsbereinigt noch immer unter dem Niveau von 2008 liegen werden.

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