18.04.2009 · Elfriede Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“ ist ein zweifelhaftes Theaterstück zur Finanzkrise. Niemand erwartet, dass sich eine Dramatikerin mit Hedgefonds oder Basel II auskennt. Was sie ausdrückt, kann denen, die weiterhin Vorzüge der Marktwirtschaft erkennen, dennoch nicht gefallen.
Von Philipp KrohnElfriede Jelinek versteht nichts von Wirtschaft. Oder zumindest nicht viel. Das hat sie der Uraufführung ihres neuen Theaterstücks vorausgeschickt. Die Wirtschaftsgeschichte strotze allerdings nur so vor Verbrechen; die Fälle Madoff, Zumwinkel und Merckle böten allein schon Stoff genug für ein eigenes Drama, findet die Literaturnobelpreisträgerin. Sie aber ließ sich von den spektakulären Finanzskandalen in Österreich inspirieren. Aus den Scheingeschäften von Julius Meinl V. und den Karibik-Engagements der Gewerkschaftsbank BAWAG schuf die Autorin, die sich seit Jahrzehnten an Provinzialität und Geschichtsvergessenheit ihres Heimatlandes abarbeitet, ihre Wirtschaftskomödie „Die Kontrakte des Kaufmanns“.
Schon im August war die erste Fassung fertig. Dann folgte der Zusammenbruch von Lehman. Damit bekam das immer wieder aktualisierte theatralische Ereignis der zur Weltliteratin geadelten Schriftstellerin eine globale Wucht. Im Kölner Schauspielhaus wurde das Stück nun ur-aufgeführt, das statt einer fortlaufenden Handlung absurde Szenen, Dialoge und Gesangsnummern aneinanderreiht. Mit einem „Chor der Kleinanleger“ beginnt das dreieinhalbstündige Spektakel. Ein gealtertes Ehepaar lamentiert darüber, dass seine Zertifikate den Totalverlust erlitten haben. „Das große Nichts, das investiert wurde, müsste doch noch da sein. Da müsste doch noch was fließen“, versuchen sich die Pensionäre den unterbrochenen Geldkreislauf zu erklären. Von melancholischen Klavierklängen begleitet, wird ihnen ihr neues Sofa fortgetragen, weil sie es nicht mehr bezahlen können.
1:0 für die Kunst
Die Ereignisse auf den Finanzmärkten der vergangenen Monate haben vieles hervorgebracht, das selbst Kaufleute und Ökonomen staunen lässt. Absurd hohe Geldbeträge mit Ziffern, die man sich nicht mehr vorstellen kann. Schneeballgeschäfte, auf die selbst erfahrene Bankmanager hereingefallen sind. Luftbuchungen zwischen Tochtergesellschaften, denen keine echten Werte entsprechen, wie im Fall Meinl. Die Wirtschaft hat der Kultur ein reichhaltiges Angebot gemacht, um beißenden Spott auf sich zu ziehen. „Juhu, wir haben in ein Unternehmen investiert, das es nicht gibt“, flüstern synchron die Akteure von der Bühne. Damit die Papiere mündelsicher sind, müssten die Anleger den Mund halten - vom Mund in den Schlund, heißt es im Manuskript, das man nur als Rache des Dadaismus an der Wirtschaft lesen kann. 1:0 für die Kunst.
Wortfetzen aus dem Diskurs der vergangenen Monate dienen als Vorlage für das absurde Stück, in dem die Protagonisten zunehmend dem Schwachsinn anheimfallen, auf Flipcharts wilde Kurven einzeichnen, die immer wieder ins Bodenlose abstürzen. Drei charmante Damen, Typ Beraterin, machen einem weis, dass man sein Geld in der Karibik auch besuchen könne - solange es der Bank gehöre. „Damit müssen Sie sich abfinden, wie auch wir uns mit unserer Abfindung abfinden müssen“, säuseln sie, bevor sie dem Kunden einen Schafskopf aufsetzen.
„Total überfordert“
Elfriede Jelinek hat sich nicht wie Goethe jahrelang mit der Geldschöpfung befasst, um ein Statement zur Wirtschaftskrise abzugeben. Ihr Wirtschaftsverständnis formuliert sie so: „Die Menschen sind mit der Verwaltung ihres mühsam verdienten Geldes total überfordert, die Banken sind es inzwischen auch, es ist ein riesiges Chaos im Begriff zu entstehen.“ Nun erwartet niemand von einer Dramatikerin, dass sie sich mit Basel II und der Hedge-Fonds-Regulierung auseinandersetzen muss. Der Eindruck, den sie erweckt, kann denen, die weiterhin die Vorzüge der Marktwirtschaft erkennen, dennoch nicht gefallen. Völlig unerklärbar, völlig unbeherrschbar sind Finanzmärkte nicht.
Zum Ende des Stücks regt aber noch ein anderer Effekt zu einem sehr viel vehementeren Widerspruch an. Unterfüttert mit Begriffen aus dem Wortfeld von „Öfen anheizen“, „Ziel der totalen Auslöschung“ wird das Bild einer Spielzeugeisenbahn auf eine Leinwand projiziert. Die Parallelen zwischen dem Nationalsozialismus und dem Bankwesen wecken eine unschöne Assoziation. So treffend der Sprachwitz das Geldwesen zuvor persiflierte, damit schießt die Inszenierung doch ein klein wenig über das Ziel hinaus.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
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