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Theaterstück am Broadway Ein etwas anderer Nachruf auf Steve Jobs

 ·  In New York wirft ein Theaterstück einen wenig schmeichelhaften Blick auf den verstorbenen Apple-Mitgründer. Angeklagt wird Jobs vor allem wegen der Produktionsbedingungen des Zulieferers Foxconn in China.

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Es ist nicht die Sache von Mike Daisey, jemanden nach dem Tod zu verklären. Erst recht gilt das für den kürzlich gestorbenen Steve Jobs, denn der zeichnete sich nach Auffassung des Theaterkünstlers selbst für seine wenig sentimentale Sicht der Dinge aus. Nur wenige Tage nach dem Tod des Apple-Mitgründers hatte Daiseys Stück „The Agony and the Ecstasy of Steve Jobs“ („Das Leid und die Ekstase von Steve Jobs“) im New Yorker Public Theater Premiere. Es ist ein zweistündiger Monolog, und Daisey geht alles andere als zimperlich mit Jobs um.

Der Theatermann erzählt zwar mit Bewunderung von der unternehmerischen Leistung von Jobs, und er beschreibt sich selbst als glühenden Verehrer von Apple-Geräten, der mühelos ein Macbook-Laptop auseinandernehmen und wieder zusammenbauen kann. Aber er kreidet Jobs an, dass Apple seine schicken iPads, iPhones oder Macbooks in China herstellen lässt.

Daisey ist selbst zur Fabrik des Apple-Lieferanten Foxconn im chinesischen Shenzhen gereist, die im vergangenen Jahr wegen einer Serie von Selbstmorden unter den Arbeitern in die Schlagzeilen geraten ist. In seinem Monolog erzählt Daisey von menschenunwürdigen Zuständen, die er dort vorgefunden habe. Er ist sich wohl bewusst, dass Apple in guter Gesellschaft ist, denn nahezu alle großen Computer- und Elektronikkonzerne beschäftigen chinesische Auftragshersteller. Aber Daisey argumentiert, dass man von einem Visionär wie Steve Jobs, der seinem Unternehmen Werbeslogans wie „Think Different“ („Denk anders“) auf die Fahnen geschrieben hat, mehr hätte erwarten dürfen, als sich dem Branchentrend anzuschließen. Jemand, auf dessen Konto so viele bahnbrechende Produkte gehen, hätte auch im Herstellungsprozess ein Vorreiter sein können. „Aber Steve hat sich anders entschieden“, resümiert Daisey in seiner Show.

Der Zeitpunkt: purer Zufall

Dass Daisey sein Stück so kurz nach dem Tod von Steve Jobs auf die New Yorker Theaterbühne bringt, ist purer Zufall. Das Engagement war lange geplant, und die Show ist nicht brandneu. Sie wurde Anfang dieses Jahres im kalifornischen Berkeley nahe San Francisco aufgeführt, seither gab es Gastspiele in anderen amerikanischen Städten und sogar in Australien. Das Stück hat im Dunstkreis von Apple die Gemüter erregt: Steve Wozniak, der Apple 1976 zusammen mit Jobs gegründet hat, aber schon lange nicht mehr im Unternehmen ist, sah sich eine Vorstellung in Berkeley an. Danach sagte er in Interviews, er habe während der Show geweint und werde nie mehr der gleiche sein wie vorher. Er habe bislang weitgehend die Frage ignoriert, unter welchen Bedingungen Apple-Produkte hergestellt werden, erläuterte er.

Tim Cook, der Jobs als Vorstandsvorsitzender nachgefolgt ist, wurde bei der Aktionärsversammlung von Apple im Februar gefragt, ob er die Show gesehen habe. Cook sagte barsch, er brauche kein Theaterstück, um etwas über Steve Jobs zu erfahren, und verteidigte die Produktionsstruktur von Apple. Der Tod von Steve Jobs wirft eine neue Perspektive auf die Show, und Daisey sagte im Vorfeld der New Yorker Premiere, dies werde in seinen Monolog einfließen. Davon ist bei der Vorstellung am Freitag Abend zunächst aber wenig zu spüren - abgesehen davon, dass er im Zusammenhang mit Jobs nun die Vergangenheitsform verwendet, wobei ihm auch ab und zu ein „Steve Jobs ist....“ statt „Steve Jobs war...“ herausrutscht. Daisey wechselt in seinem Monolog hin und her, zwischen Episoden aus der Karriere von Jobs, oft mit Sarkasmus und Respekt gleichermaßen erzählt, und andererseits Erfahrungen aus seiner Reise nach China, die meist schnell Nüchternheit im Publikum einkehren lassen.

Daisey beschreibt Jobs als eine Ausnahmeerscheinung („Wir haben heute kaum noch solche Giganten“), neben dem jemand wie Microsoft-Chef Steve Ballmer nur ein „Affe“ sei („Steve Ballmer hat einmal einen Stuhl nach einem Mitarbeiter geworfen. Das hätte Steve Jobs gar nicht nötig gehabt. Er hätte den Mitarbeiter nur angesehen und mit der Kraft seines Geistes dazu gebracht, sich selbst einen Stuhl gegen das Gesicht zu schlagen“). Er spricht über das legendäre Marktgespür von Jobs, etwa als er in den achtziger Jahren das Potential der grafischen Benutzeroberfläche erkannte, die den Macintosh-Computer zu einer Sensation machte. Er verneigt sich vor dem Verkaufstalent („Ohne Steve Jobs hätte ich nie gewusst, dass ich unbedingt ein superdünnes Laptop brauche, mit dem man Brot schneiden könnte.“).

Kein versöhnlicher Ausklang

In Shenzhen schlich er sich in die Foxconn-Fabriken ein, indem er sich als amerikanischer Geschäftsmann und potentieller Kunde ausgab. Daisey erzählt von den langen Schichten, den monotonen Arbeitsabläufen, den engen Unterkünften, und den oft nur 12 oder 13 Jahre alten Arbeitern, die er getroffen hat. Für Foxconn seien die Arbeiter nicht mehr als „Biomasse“, Inspektionen der amerikanischen Kunden seien Augenwischerei und hätten nie Konsequenzen. Daisey fragt das Publikum: „Glaubt Ihr wirklich, Apple weiß das alles nicht? Ein Unternehmen, das sonst so besessen mit den kleinsten Details ist?“

Erst ganz am Ende der Show spricht Daisey den Tod von Steve Jobs direkt an, und es ist kein versöhnlicher Ausklang. Er sagt, Steve Jobs sei einmal sein Held gewesen, aber irgendwann in seinem Leben müsse er sich wohl „kaltblütig“ von seinen Idealen verabschiedet haben. „Hätte er nicht eine seiner berühmten Pressekonferenzen geben können, in denen er eine Revolution in der Herstellung ankündigt? Wäre das nicht eigentlich ein kühner Schritt ganz in der Tradition von Apple gewesen?“ Bei seinen früheren Auftritten hat Daisey sein Publikum am Ende der Show aufgefordert, Steve Jobs eine E-Mail zu schreiben. Jobs war berühmt dafür, bisweilen auf E-Mails von Apple-Kunden zu reagieren.

Tatsächlich habe Jobs auch einige Nachrichten seiner Zuschauer beantwortet, ohne aber je ein Umdenken erkennen zu geben, erzählt Daisey. „Mike kann die Komplexität der Situation nicht einschätzen“, habe in einer der E-Mails gestanden. Daisey gibt die Hoffnung nicht auf: Am Ende der Show vom Freitag lässt er Zettel an der Publikum verteilen - mit der Aufforderung, eine E-Mail an Jobs Nachfolger Tim Cook zu schreiben.

Gedenktag für Steve Jobs

Der kalifornische Gouverneur Jerry Brown hat Steve Jobs mit einem offiziellen Gedenktag gewürdigt. Brown erklärte den vergangenen Sonntag zum „Steve-Jobs-Tag“ in Kalifornien. „Steve hat den kalifornischen Traum verkörpert. Ihn einflussreich zu nennen, wäre eine Untertreibung“, sagte Brown über den Mitgründer des Elektronikkonzerns Apple. Am Sonntag fand auch eine private und von der Öffentlichkeit streng abgeschirmte Gedenkfeier in einer Kirche der kalifornischen Stanford-Universität statt. Zu der Veranstaltung kamen etliche Prominente aus Wirtschaft, Politik und Unterhaltung, darunter der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton, Microsoft-Mitgründer Bill Gates, Oracle-Vorstandschef Larry Ellison, Bono von der irischen Rockgruppe U2 und Folk-Sängerin Joan Baez, die vor langer Zeit eine Beziehung mit Jobs hatte. An diesem Mittwoch wird Apple in seiner Zentrale im kalifornischen Cupertino eine Jobs-Gedenkfeier für die Mitarbeiter halten. Steve Jobs ist am 5. Oktober gestorben. (lid.)

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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

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