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Thailand Die zweite Amtszeit in Bangkok wird schwerer werden

04.02.2005 ·  Der thailändische Ministerpräsident Thaksin Shinawatra dürfte die Wahl am Sonntag gewinnen. In einer weiteren Amtsperiode hätte er trotz des Wirtschaftsbooms und seiner Popularität stärker zu kämpfen.

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Noch vor der Wahl am Sonntag hat der thailändische Ministerpräsident Thaksin Shinawatra Geschichte geschrieben. Verfügt er doch auch am Ende einer vier Jahre langen Amtszeit in Umfragen noch über 80 Prozent Zustimmung. So sind sich alle Beobachter sicher: Am Sonntag wird Thaksin der erste Regierungschef Thailands, der eine Wiederwahl gewinnt. Diese politische Stabilität scheint der Wirtschaft gut zu bekommen.

Thaksins erwarteter Sieg liegt an einer zerfallenen Opposition, an einem lang währenden Wirtschaftsaufschwung, aber auch am Selbstdarstellungstalent des 55jährigen Regierungschefs. Thaksin, der mit Gesichtsmaske die vom Tsunami verwüsteten Gebieten besucht; Thaksin, der Hühnchen ißt, während die Hühnerpest grassiert; Thaksin, der Papierflieger als Friedenstauben über dem zerrütteten Süden abwerfen läßt; Thaksin, der den Armen Kredite besorgt - das sind die Bilder, die die „Thaksin-Maschine“, wie kritische Thais den Regierungsapparat nennen, flächendeckend ins Land sendet. Der Populismus überdeckt jede nüchterne Betrachtung Thailands.

Auswirkungen der Todeswelle auf die Wirtschaft

Dabei ist unbestritten, daß viele Thais die Entschiedenheit und das Durchgreifen ihres Ministerpräsidenten achten. Seinen Kritikern hingegen gilt er als Autokrat, der die von ihm gegründete Familienholding Shin Corp. dank der ebenfalls von ihm gegründeten Partei Thai Rak Thai (Thais lieben Thais) politisch absichert. Doch auch die Gegner können nicht bestreiten, daß Thaksin mit Kleinkrediten und einer billigen Gesundheitsfürsorge den Armen half. Daß Thailand trotz seiner Krisen noch als Stabilitätsfaktor in der Region gilt. Und daß das Land mit einem Wachstum von kumulierten 22 Prozent in den Jahren 2000 bis 2004 in Asiens Spitzengruppe liegt.

Die Wachstumsgeschwindigkeit freilich wird sich in der ganzen Region abschwächen. Thailands Zentralbank nahm gerade ihre Vorhersage für dieses Jahr um 25 Basispunkte auf nun 5,25 bis 6,25 Prozent zurück. 2006 sollte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dann zwischen 5,5 und 7 Prozent zulegen, erwarten die Zentralbanker. Zur Begründung des Rückgangs in diesem Jahr dienten die Auswirkungen der Todeswelle vom zweiten Weihnachtstag. So dürften die Einnahmeverluste aus dem entgangenen Tourismusgeschäft das BIP-Wachstum um 0,7 Prozentpunkte verringern, die beschädigte Fischerei steht für einen Rückgang von 0,1 Prozentpunkten. Hilfsmaßnahmen mindern auf der anderen Seite die Rückgänge um 0,3 Prozentpunkte. Unabhängige Beobachter erwarten ein Wachstum von 5,2 Prozent, nach geschätzten 6,2 Prozent im vergangenen Jahr. Aber auch damit läge Thailand immer noch deutlich über dem erwarteten Wachstumsdurchschnitt der zehn südostasiatischen Länder (4,7 Prozent) und seiner Nachbarn Indonesien (4,5), Malaysia (4,8) und den Philippinen (4,6). Risiken erwachsen vor allem aus einem sich abschwächenden Konsumklima und einer Erhöhung der Treibstoffpreise.

Ist das hohe Wachstum wieder Vorbote eines Einbruchs?

Das Vertrauen in den Aufschwung unter Macher Thaksin scheint grenzenlos: Derzeit macht der private Konsum der Thais 56 Prozent des BIP aus. Das überdurchschnittliche Wachstum der Nachfrage freilich war schon einmal Vorbote eines Einbruchs: 1997/98 folgte ihm die asiatische Finanzkrise, die von Thailand aus ihren Lauf nahm. Der Krise waren 13 Quartale mit extrem hohem Konsumwachstum vorausgegangen. Diesmal sind es schon zehn Quartale.

Parallel zum Wachstum des Verbrauchs ist die Verschuldung auf 59 Prozent des Haushaltseinkommens gestiegen - von knapp 47 Prozent im Jahr 2001. Aber auch die uneinbringlichen Kredite der Banken sind unter den ausgabenfreundlichen „Thaksinomics“ der vergangenen Jahre kräftig gestiegen, statt abgebaut zu werden. „Abgesehen von der Zunahme neuer fauler Kredite im Agrarsektor und im Privatkonsum ist es zu einer besorgniserregenden Zunahme fauler Kredite im Bau- und Immobiliensektor gekommen, die sich allein im zweiten Quartal auf 20 Milliarden Baht (398 Millionen Euro) summierten“, warnt Ai Ling Ngiam von der Bewertungsagentur Fitch Ratings. Im Wirtschaftsboom ist der Anteil des Bausektors an den gesamten faulen Krediten von 26 Prozent im ersten Quartal 2004 auf 32 Prozent im zweiten Quartal gestiegen. Anders die Gesamtverschuldung des Landes: Sie ging von 40 Prozent des BIP 2002 auf nun 35 Prozent zurück. Aufgrund sinkender Margen der herstellenden Industrie hält Ai allerdings das Investitionsklima für weniger gut als noch vor Jahresfrist. Anders die Zentralbank: Nach etwa 13 Prozent Wachstum 2004 sollten die Investitionen in diesem Jahr um 15, im kommenden Jahr um weitere 16 Prozent anziehen, heißt es dort.

Das Spiel mit der Chinakarte

Thaksin scheint einem Abflachen des Booms in bewährter Weise gegensteuern zu wollen: Wegen der bevorstehenden Wahlen nutzte die Regierung einen erwarteten Haushaltsüberschuß von 0,3 Prozent des BIP für Steuererleichterungen, die besonders kleinen und mittleren Betrieben und niedrigeren Einkommensgruppen zugute kommen. Der Handelsüberschuß sank allerdings von 3 Milliarden Dollar im Vergleichszeitraum des Vorjahres auf nur noch 200 Millionen Dollar in den ersten neun Monaten 2004. Die von Thaksin versprochenen großen Infrastrukturprojekte dürften die Einfuhren deutlich steigern und so zu einem Handelsdefizit führen.

Thaksins Popularität in weiten Kreisen der Bevölkerung wird dies indes keinen Abbruch tun. Auch auf internationalem Parkett versucht sich der Ministerpräsident immer wieder als Schmied von Bündnissen, als Gründer von Initiativen: Der Aufbau eines asiatischen Anleihenmarktes geht auf ihn zurück, die Annäherung an Südasien, die Öffnung gegenüber China etwa dank eines Abkommen über freien Luftverkehr. Dabei fügt sich der Ministerpräsident, der einst als Polizist begann und es vor seiner Politikerkarriere zum reichsten Geschäftsmann des Landes brachte, in die Riege der neuen asiatischen Regierungschefs von Malaysia und Singapur ein. Sie kennen die Fehler ihrer Vorgänger, müssen nicht nur, sondern wollen die Chinakarte spielen, erscheinen weniger dogmatisch.

Quelle: che. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2005, Nr. 30 / Seite 14
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