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Textilbranche Dreifaches Dilemma aus dem Haus Arcandor

06.08.2008 ·  Nun sind es drei Insolvenzkandidaten: Mit Sinn-Leffers gibt es jetzt nach Wehmeyer und Hertie einen weiteren Krisenfall in der Textilbranche. Sinn-Leffers werden die besten Überlebenschancen eingeräumt, aber auch bei Hertie gibt es Zuversicht.

Von Brigitte Koch und Christine Scharrenbroch
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Gleich drei Handelsunternehmen aus dem früheren Besitz der ehemaligen Karstadt-Quelle - dem heutigen Arcandor-Konzern - sind auf dem Weg zum Amtsgericht: Wehmeyer, Hertie und jetzt Sinn-Leffers. Dass das Dilemma, in dem alle drei Unternehmen stecken, fast zeitgleich in Insolvenzanträgen mündet, mag Zufall sein. Dass sie dieses Schicksal ereilt hat, kommt nicht überraschend. Denn sie waren schon Wackelkandidaten, als Arcandor-Chef Thomas Middelhoff sie 2005 aussortiert und zum Verkauf gestellt hat. Damit wollte er den kurz vor der Pleite stehenden Essener Handelskonzern selbst retten.

Seither haben die Investoren gemeinsam mit dem jeweiligen Management mehr oder weniger intensiv an neuen Konzepten für Standorte und Sortimente gebastelt: bei Wehmeyer die amerikanische Schottenstein-Gruppe, bei Hertie der britische Finanzinvestor Dawnay Day und bei Sinn-Leffers die Deutsche Industrieholding (DIH) aus Frankfurt.

Kaufzurückhaltung verschärfte die Misere

Doch der Erfolg der Umbauten ist ausgeblieben, wie sich nun zeigt. Im Fall Hertie war die Schieflage des vor allem im Immobiliengeschäft tätigen Eigentümers unmittelbarer Auslöser der Krise. Aber noch mehr hat die Kaufzurückhaltung, die in der gesamten Handelsbranche derzeit für schlechte Stimmung sorgt, die wirtschaftliche Situation verschärft. Denn die Unternehmen sind ohnehin schon angeschlagen und völlig unterkapitalisiert gewesen. Nach einem enttäuschenden Weihnachtsgeschäft gab es auch im ersten Halbjahr keine Entwarnung. Die Textilgeschäfte hatten im Frühjahr zusätzlich unter dem schlechten Wetter zu leiden.

Die Modekette Sinn-Leffers will die Mieten für ihre 47 Filialen drücken, um sich vor dem endgültigen Aus zu retten. Sinn-Leffers hatte zuvor bekannt gegeben, ein Plan-Insolvenzverfahren anzustreben. Mehr als 1000 Jobs sind offenbar bedroht.

Besonders trifft es derzeit die vielen, oft profillosen Anbieter der Mitte, zu denen auch die in Not geratenen Ketten gehören: In ihrer Positionierung liegen sie zwischen den profilierten Markenanbietern des gehobenen Genres einerseits und den preisaggressiven Anbietern à la Kik, C & A oder Hennes & Mauritz andererseits.

Immerhin haben auch andere Handelskonzerne die Freude an ihren Bekleidungshäusern verloren. So werden für die textillastigen Warenhausunternehmen Kaufhof und Karstadt derzeit neue Eigentümer oder zumindest Partner gesucht. Douglas hat die Mode-Kette Appelrath Cüpper auf die Beobachtungsliste gesetzt, die gegenwärtig nicht die Kapitalkosten verdient. Metro hat jüngst die Beteiligung an den Adler-Mode-Märkten abgeschrieben und forciert jetzt den Verkauf. Das rheinische Kaufhausunternehmen Strauss Innovation hat kürzlich bei dem schwedischen Investor EQT Unterschlupf gefunden.

„Das Unternehmen ist im Kern gesund“

Von den drei Insolvenzkandidaten werden Sinn-Leffers die besten Überlebenschancen eingeräumt. Der Eigentümer steht voll hinter dem Engagement. „Sinn-Leffers wird nicht zerschlagen, wir wollen das Unternehmen wieder lebensfähig machen“, sagte der DIH-Gesellschafter Peter Zühlsdorff am Mittwoch in Dortmund. Die DIH bleibe Gesellschafter und habe volles Vertrauen in die Geschäftsführung. Ziel sei es, möglichst viele der 4100 Arbeitsplätze zu retten. Im Insolvenzplan sei der Erhalt von rund 70 Prozent der Stellen vorgesehen. „Das Unternehmen ist im Kern gesund“, betonte er.

Es habe sich auf einem guten Sanierungskurs befunden, bis Ende 2007 die Kaufzurückhaltung der Kunden eingesetzt habe, die sich auch in den nächsten Monaten nicht zu bessern scheine. Vor diesem Hintergrund seien die hohen Mieten für die 47 Filialen nicht mehr tragbar. „Die Mieten sind weit ab von einem normalen Niveau“, so Zühlsdorff. Sie betrügen momentan 14,5 Prozent vom Umsatz, wünschenswert seien 8 Prozent. Zu Zugeständnissen seien die Vermieter - Privatpersonen, Fonds und Erbengemeinschaften - bisher nicht bereit gewesen. Auch Hertie hat die Last der von Dawnay Day aufgebürdeten zu hohen Mieten zu spüren bekommen.

Durch den Antrag auf ein Insolvenzplanverfahren in Eigenverantwortung wegen drohender Zahlungsunfähigkeit, das Sinn-Leffers an diesem Donnerstag beim Amtsgericht Hagen stellt, ergebe sich nun die Möglichkeit, wieder mit den Vermietern ins Gespräch zu kommen. So ist es laut Detlef Specovius von der Kanzlei Schultze und Braun, der als Insolvenzexperte in die Geschäftsleitung berufen wurde, nun möglich, Mietverträge mit einer Frist von drei Monaten zu kündigen. Er hält es für denkbar, das beantragte Verfahren innerhalb von sechs Monaten abzuwickeln, und räumt dem Unternehmen gute Überlebenschancen ein. Es habe sich zuletzt in einem schlechten Marktumfeld relativ gut entwickelt.

Zuversicht auch bei Hertie

Der Umsatz sank im soeben beendeten Geschäftsjahr 2007/2008 (30. Juni) um 2,4 Prozent auf 470 Millionen Euro, wie Geschäftsführer Patrick Feller berichtete. Unter dem Strich stehe ein Verlust im mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. In den vergangenen Jahren seien die Kosten deutlich gesenkt und Sinn-Leffers als Modefachgeschäft positioniert worden. Über die möglichen Filialschließungen machte er noch keine Angaben. „Es ist nicht so, dass wir nicht gewusst hätten, was wir da von Karstadt übernommen haben“, sagte Zühlsdorff. Das Unternehmen habe schon einiges erreicht. Nun müssten noch die Altlasten - also die Mieten - abgebaut werden. Über die Eröffnung des Verfahrens und die Eigenverantwortung entscheidet das Amtsgericht Hagen voraussichtlich bis Anfang November.

Doch auch bei Hertie zeigt der vorläufige Insolvenzverwalter wenige Tage nach Amtsantritt Zuversicht. „Ich bin absolut sicher, dass wir die Sanierung schaffen“, sagte der White & Case-Partner Biner Bähr dieser Zeitung. Nach seinen Worten haben sich bereits erste Interessenten gemeldet, darunter auch ernstzunehmende Adressen aus dem Kreis der Finanzinvestoren. Für die Investorensuche wurde nach seinen Worten das Investmenthaus Corporate Finance Partners, Frankfurt, beauftragt. Vorrangig sind für ihn in diesen Tagen vor allem die Gespräche mit den Lieferanten und Beschäftigten, damit das nötige Vertrauen geschaffen wird. Mit Unterstützung weiterer Berater werde er nun in den kommenden Wochen die 72 Standorte analysieren. Zu diesem Zeitpunkt könne noch nicht beurteilt werden, ob die Schließung einzelner Häuser notwendig sei.

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