14.10.2011 · In der Krise zeigt auch China Schwächen. Am schwersten drücken die Kredit- und Inflationsrisiken, die Börsenflaute und der aufgeblähte Immobilienmarkt.
Von Chistian GeinitzAn Schlaf ist nicht zu denken hier oben in der Tibetischen Hochebene. Ein beißender Wind pfeift durch das Nomadenzelt, am Tag hat es geschneit, kalter Tau legt sich über das Deckenlager. Draußen schnauben und schmatzen die Yaks, völlig zu Recht heißen sie auch Grunzochsen. Keine Spur von nächtlicher Stille in der unendlichen Graslandschaft. Am schlimmsten aber ist die Höhe von fast 4000 Metern. Sie hält den Ungeübten wach, lässt die Schläfen pochen, verursacht Kopfschmerz und Übelkeit.
Landschaft und Klima sind rauh in der westchinesischen Provinz Qinghai, das Essen nicht minder. Am Abend hat die Hirtenfamilie ihren Gästen Zanba serviert, einen trockenen Gerstenbrei mit Kügelchen von Yakbutter. Dazu gab es Wiesenpilze und Tee, wiederum mit leicht vergorener Butter. Die dreißig Bergrinder sind das wichtigste Kapital der Familie. Sie liefern Fleisch, Milch, Wolle, der Dung dient zum Heizen und Kochen.
Qinghai, rund zweieinhalb Flugstunden westlich von Peking, gehört politisch zu China, kulturell aber zum angrenzenden Tibet. Die Provinz, von der weite Teile mehr als 4000 Meter hoch liegen, ist doppelt so groß wie Deutschland, hier leben aber nur so viele Einwohner wie in Dänemark. In den ländlichen Gebieten trifft man fast nur Tibeter oder Hui-Muslime, deren Männer Bärte tragen und weiße Kappen.
Jenseits der Baumgrenze ist Peking weit weg. Und doch sorgen sich hier oben viele Menschen um dieselben Dinge wie in den entwickelten Gebieten im Norden und Osten Chinas. Dazu gehört vor allem die Teuerung. Zwar hat sich der Anstieg der Verbraucherpreise im September auf 6,1 Prozent abgeschwächt, wie das Statistikamt am Freitag mitteilte. Aber Lebensmittel waren 13,4 Prozent teurer als vor einem Jahr. Das spüren die einfachen Menschen besonders, zum Beispiel in Zeku, einem grauen Handelsflecken viereinhalb Autostunden oberhalb der Provinzhauptstadt Xining. Hierher knattern die Hochlandnomaden auf ihren Motorrädern, früher kamen sie zu Pferd.
Auf einem matschigen Innenhof, der als Markt dient, laden sie ihre Waren ab. Einer öffnet einen Sack mit einem zentnerschweren Quader aus Yakbutter. Ein Käufer bohrt eine daumendicke Ahle in den gelben Block, zieht sie heraus, prüft Konsistenz und Geschmack. 17 Yuan soll das Pfund kosten, mehr als 1,90 Euro. Vor einem Jahr seien es nicht einmal 15 Yuan gewesen, mault der Kunde, 12 Prozent weniger. Der Verkäufer wiegelt ab, weist auf sein Motorrad. Der Benzinpreis sei hoch, sagt er, seine Weidegründe lägen weiter entfernt als früher.
In der Nähe des Marktes hat sich die Landwirtschaftsbank ABC niedergelassen. In ganz China betreut das staatliche Institut rund 320 Millionen Kunden. Selbst im Hochland unterhalten viele Bewohner Konten und Aktiendepots oder nehmen Kredite auf. Die Nomaden brauchten keine feste Adresse, sagt ein Mitarbeiter, solange sie einen gültigen Ausweis vorlegten. Auch unser Yakhirte und seine Frau haben ein Konto. Mit ihrem Ersparten und der staatlichen Kaufbeihilfe aus dem Konjunkturpaket konnten sie sich ein steppentaugliches Auto kaufen, für rund 50000 Yuan oder 5700 Euro.
Auch beim zweiten großen Wunsch der meisten Chinesen, der eigenen Wohnung, hilft die Regierung. Das ist nötig, denn die Häuserpreise sind aus dem Ruder gelaufen. Getrieben von Spekulationen, gelten in den Städten bis zu 50 Prozent der Immobilien als überbewertet. Einen ähnlichen Wert erreichte der Markt in den Vereinigten Staaten, bevor er zusammenbrach. Würde die Blase auch in China platzen, hätte das gravierende Folgen für das Finanzsystem, die Wirtschaft und die Gemeindehaushalte, die von der Verpachtung oder Beleihung staatlicher Grundstücke abhängen.
Die Verwaltungen versuchen gegenzusteuern, mit erschwerten Kreditbedingungen für Spekulanten oder mit dem Bau von Sozialwohnungen. Im Hochland bieten sie Viehzüchtern, die sesshaft werden wollen, stark verbilligte Häuser an. Allein in Zeku entstehen 17000 solcher einstöckigen Einheiten. Sie kosten 48000 Yuan, wovon die Regierung den Löwenanteil trägt. Für den Rest erhalten die Nomaden einen Kredit der Staatsbank ABC.
Das Institut bietet auch Aktiengeschäfte an. Denn anders als in vielen westlichen Ländern sind in China auch Kleinsparer eifrige Börsenkunden. Offiziellen Angaben zufolge gibt es fast 138 Millionen Depots. Die Anleger werden derzeit doppelt gebeutelt, denn neben die Geldentwertung hat sich ein starker Kursverfall gesellt. Seit Jahresbeginn sind die Festlandindizes, der Shanghai Composite und der CSI 300, um 13 und 15 Prozent gefallen.
Um sich den purzelnden Kursen entgegenzustellen, hat der Staat einen ungewöhnlichen Schritt unternommen. Zu Wochenbeginn stockte seine Finanzgesellschaft Central Huijin Investment ihre Beteiligung an den vier größten Banken - darunter der ABC - um rund 200 Millionen Yuan (23 Millionen Euro) auf. Das sind zwar Kleckerbeträge, aber der Vertrauensbeweis verfehlte seine Wirkung nicht. Zumindest kurzfristig konnten die Banktitel an Wert zulegen.
Das Vorgehen unterstreicht die Bedeutung, die der Staat den Kreditinstituten für die Stabilität sowohl der Kapitalmärkte wie der Realwirtschaft beimisst. Zu Recht. Zum einen bilden die Banken ein Schwergewicht im Aktienhandel. Ihre Titel machen fast ein Drittel der gesamten Marktkapitalisierung im CSI 300 aus.
Zum Zweiten zwingen neue Eigenkapitalvorschriften die Institute zur Mittelaufnahme ausgerechnet in diesen schwachen Zeiten. Drittens schließlich spiegelt die Anlegerzurückhaltung nicht etwa dürftige Unternehmenszahlen, sondern die Furcht der Investoren vor der Zukunft. Das ist bedenklich in einem Land, das von seinem grenzenlosen Wachstumsoptimismus lebt.
"Die Anleger reagieren allergisch", sagt der Chef der China Merchants Bank, Ma Weihua, dieser Zeitung. "Unser Börsenwert ist geringer als unser Nettovermögen." Die Zweifel der Investoren mögen übertrieben sein, sind aber nicht unbegründet. Denn in Chinas Kreditwirtschaft schlummert manche Gefahr. Angetrieben von ihren staatlichen Eigentümern und unterstützt von der Niedrigzinspolitik der Zentralbank, haben die Banken zur Krisenabwehr so viel Geld verliehen wie nie zuvor. Die Rede ist von mindestens 1400 Milliarden Euro. Chinas gesamte Wirtschaftsleistung beträgt etwa 4500 Milliarden Euro im Jahr.
Jetzt fürchten die Aktionäre, dass das Geld nicht vollständig zurückkommt. Als besonders ausfallgefährdet gelten die Finanzvehikel der Gemeinden, die den Großteil des Konjunkturpakets stemmen mussten. Insgesamt sind dort Schulden von mehr als 1200 Milliarden Euro aufgelaufen, etwa die Hälfte davon seit 2008.
In Qinghai kann man sehen, wofür das Geld ausgegeben wird: für Zukunftsvorhaben, die noch überdimensioniert sind, die aber wichtige Wachstumsperspektiven bieten. Mit einem Milliardenaufwand wird derzeit die Straße zwischen Xining und Zeku ausgebaut. Bis in die Stadt Tongren auf halbem Weg soll sogar eine Autobahn führen. Das erste Teilstück mit gewaltigen Tunneln ist schon in Betrieb. "Wenn wir fertig sind, können auch Touristenbusse und Lastwagen schneller in die Berge fahren", sagt der Bauleiter an einer Talbrücke. "Das bringt der Region sicher einen Schub."
Darauf setzen auch die Bewohner von Tongren und Umgebung. Der kleine Vorort Sengeshong mit seinen zwei buddhistischen Klöstern lebt vom Verkauf religiöser Rollbilder, der sogenannten Thangkas. Neben den Gläubigen interessierten sich dafür auch immer mehr Sammler und Souvenirkäufer, berichten die Mönche und Laien. "Je besser die Straßen sind, umso besser läuft natürlich der Verkauf", sagt der Thangka-Maler Kan Zhu.
Wie hilfreich eine gute Infrastruktur ist, haben die Künstler schon gemerkt, als sie ans Internet und Mobilfunknetz angeschlossen wurden. Sogar die Mönche haben in ihren purpurnen Gewändern ein Handy stecken, nicht selten ein iPhone. "Bestellungen gehen jetzt einfacher als früher", sagt Kan Zhu. Er verkauft drei großformatige Bilder im Jahr, jedes für 20 000 Yuan (2300 Euro).
Der Nachholbedarf in Westchina, wie er sich in Qinghai zeigt, ist einer der großen Garanten für Chinas Wachstum. Das schwächt sich zwar ab, dürfte aber weiterhin 8 Prozent im Jahr betragen, mehr als in allen anderen großen Volkswirtschaften. Der neue Fünfjahresplan sieht eine Fortsetzung des "Go-West-Programms" vor, von dem 340 Millionen Einwohner profitieren - mehr als in den Vereinigten Staaten. In den vergangenen zehn Jahren sind bereits 330 Milliarden Euro in das chinesische Hinterland geflossen, besonders viel seit 2009. Damals musste China Millionen Wanderarbeiter in Lohn und Brot bringen, die in der Exportkrise ihre Stellen verloren hatten.
Die Politik des Füllhorns zahlt sich aus. Seit Jahren wachsen die Westprovinzen schneller als die Industriehochburgen am Jangtse- und Perlflussdelta. In Qinghai etwa stieg das BIP 2010 um mehr als 15 Prozent, das war der höchste Wert seit Beginn der Öffnungspolitik vor 30 Jahren. Noch immer freilich ist die Provinz eine der ärmsten in China. Im Export, einem der Haupttreiber der Wirtschaft, liegt sie an letzter Stelle, beim Bruttoinlandsprodukt an vorletzter. Doch in dieser Rückständigkeit liegen die Chancen von morgen. Berechnungen von McKinsey zufolge wächst bis 2020 in 600 Städten die Kaufkraft auf den heutigen Wert in Schanghai heran; darunter sind viele urbane Zentren in Westchina.
Nach Zahlen des Forschungsinstituts CASS arbeiten sich jedes Jahr 30 Millionen Menschen in die Mittelschicht vor. Das entspricht der Bevölkerung Kanadas. Schon heute existieren in China etwa 160 Millionenstädte, mehr als doppelt so viele wie in Europa und den Vereinigten Staaten zusammen. Bis 2020 könnten es 200 werden. Bis 2015 sieht der Fünfjahresplan den Bau von 36 Millionen Wohnungen und 30 000 Krankenhäusern vor.
Dieser Fortschritt erreicht langsam, aber sicher auch das Tibetische Hochland. Am Leben der Yaks wird sich dadurch nicht viel ändern, wohl aber an dem ihrer Herren. Unser Gastgeber hat sich in der Nähe von Zeku bereits ein kleines Haus gebaut, das er mit seinem neuen Allradfahrzeug aus der Steppe schnell erreicht. Das zugige Zelt aus Yakwolle braucht er künftig nicht mehr.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.376,51 | −1,27% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2443 | −0,36% |
| Rohöl Brent Crude | 104,77 $ | −1,95% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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