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Terror Jetzt werden die Bewohner Londons nervös

22.07.2005 ·  Nach den jüngsten Zwischenfällen reagiert die Bevölkerung zunehmend vorsichtig. Trotz ermutigender Appelle von Premierminister Blair und Bürgermeister Livingstone sind deutlich weniger Menschen in der Innenstadt unterwegs. Handel und Tourismus warnen vor Einbußen.

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Nach der zweiten Terrorwelle und nachdem die Polizei einen Verdächtigen in einer U-Bahn-Station erschossen hat, reagiert die Stadtbevölkerung in London mit deutlich mehr Sorge auf die Anschläge als nach den Bombenattentaten am 7. Juli. Vertreter des Einzelhandels und der Tourismusbranche fürchten, daß die Attentate jetzt doch Auswirkungen auf ihr Geschäft haben könnten.

Da die Londoner die ersten Anschläge als einen einmaligen Terrorakt interpretiert hatten, hatte sich das wirtschaftliche Leben in der Stadt schnell wieder erholt. Sollten die Londoner jetzt fürchten, daß Attentate jederzeit wiederholt werden können, dürften die wirtschaftlichen Auswirkungen für die Stadt gravierender sein, hieß es am Freitag von den britischen Wirtschaftsverbänden.

Trotz der Beschwörungen von Premierminister Tony Blair und dem Bürgermeister Ken Livingstone, die Einwohner sollten ihrem normalen Tagesablauf nachgehen und sich nicht aus der Fassung bringen lassen, folgt die Londoner Bevölkerung dem Aufruf nur bedingt. Die Angst, daß jederzeit in der Untergrundbahn, in Bussen, vor öffentlichen Gebäuden, Museen, Kinos oder Sehenswürdigkeiten Selbstmord-Attentate verübt werden könnten, verschreckt die Londoner. Es gibt Berichte, daß sich die ersten U-Bahn-Fahrer am Donnerstag weigerten, ihrer Tätigkeit nachzugehen.

Erhebliche psychologische Auswirkungen

Die tapferen Äußerungen von Pendlern, die trotz der Anschläge die U-Bahn benutzen, geben ein verzerrtes Bild: Tausende von Pendlern haben keine andere Wahl, als den öffentlichen Transport zu nutzen. Diejenigen, die zu Hause arbeiten, mit dem Fahrrad fahren oder das Auto nehmen, werden vor der Kamera nicht befragt. Fahrradgeschäfte und Taxiunternehmen berichten von drastisch gestiegener Nachfrage.

Gleichzeitig ist es zu früh, von statistischen Daten die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Stadt abzulesen. Trotz des Appells der Politiker und Wirtschaftsverbände, die Bevölkerung solle auch weiterhin die Stadt frequentieren, ist die U-Bahn leerer als zuvor, die Innenstadt ruhiger, und vor den Sehenswürdigkeiten und Museen stehen weniger Touristen als sonst im Hochsommer.

Gleichzeitig scheinen zumindest einige Touristen ihre Besuche in der Innenstadt zu reduzieren. Richard Baker, der Chef der Einzelhandelskette Boots, warnte, daß die Terroranschläge erhebliche psychologische Auswirkungen haben könnten und der Einzelhandel erst demnächst erkenne, wie sich der Absatz verändert habe. Sprecher von Tourismusverbänden und von der Oxford Street Association äußerten die Befürchtung, daß man die Auswirkungen erst in drei bis sechs Monaten spüren werde, wenn die Touristen, die jetzt andere Urlaubsziele wählten, ausblieben.

17 Prozent der britischen Wirtschaftskraft

Die Anschläge treffen London zu einer Zeit, da sich die britische Wirtschaft ohnehin abschwächt und der Einzelhandel stöhnt. Im zweiten Quartal wuchs das Bruttoinlandsprodukt nur um 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dafür waren vor allem der Einzelhandel, Transport und Kommunikation verantwortlich.

London macht etwa 17 Prozent der britischen Wirtschaftskraft aus - vor allem wegen des Finanzplatzes, der Londoner City. Zwar spüren die Finanzinstitute keine direkten Auswirkungen der Terroranschläge. Aber die Mitarbeiter stöhnen zunehmend über die Beeinträchtigungen, Evakuierungen und Schließungen von U-Bahnhöfen und U-Bahn-Linien. Da zahlreiche Banken im weit entfernten Ostteil der Stadt, Canary Wharf, angesiedelt sind, bedeutete die Schließung des Transportsystems bei der ersten Terrorwelle, daß zahlreiche Mitarbeiter drei Stunden nach Hause laufen mußten.

Quelle: bes., F.A.Z., 23.07.2005, Nr. 169 / Seite 13
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