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Telekommunikation Tristesse unter dem großen T

09.08.2006 ·  Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke ist in Bedrängnis: Im Festnetz laufen die Kunden weg. Der Mobilfunk schwächelt. Schon wird über Nachfolger spekuliert.

Von Georg Meck
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Wenn Kai-Uwe Ricke für etwas steht, dann für Besonnenheit. Seit dem Amtsantritt vor vier Jahren hat der Telekom-Chef sich als das solide Gegenprogramm zum schillernden Vorgänger Ron Sommer profiliert. Um so aufmerksamer werden im Konzern jetzt hektische Züge an ihm registriert.

„Die Nervosität ist mit Händen greifbar“, berichtet ein Manager aus der Telekom-Zentrale. Der Chef sei angeschossen, meldet der Flurfunk. Die für den Herbst geplante Vertragsverlängerung gar in Gefahr.

Die Zahlen sind schlecht

Das aufgeregte Gewisper hat einen realen Hintergrund: Am Donnerstag berichtet Kai-Uwe Ricke über die Geschäfte im ersten Halbjahr. Und die Zahlen sind schlecht, so ist aus dem Unternehmen zu hören. Eine verkappte Gewinnwarnung wird gar befürchtet.

Die ersten Analysten rechnen mit einer "umfangreichen Korrektur der Prognosen"; bisher hat Ricke einen Umsatz von gut 62 Milliarden Euro und einen operativen Gewinn von 20 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Nichts verübelt der Kapitalmarkt einem Manager mehr als verfehlte Ziele.

Festnetzkunden laufen weg

Dabei gehört die T-Aktie schon lange zu den Verlierern der Börse. Ihr aktueller Wert liegt unter dem Ausgabepreis beim Börsengang vor zehn Jahren. Als im April der Finanzinvestor Blackstone ein Aktienpaket von 4,5 Prozent gekauft hat, führte das nur zu einem kurzen Ausschlag nach oben.

Was fehlt, sind gute Nachrichten. Die bleibt Vorstandschef Ricke schon lange schuldig; er rechtfertigt sich mit seinen „Baustellen“ im Konzern. Die schwierigste davon ist die T-Com. Die Flucht der Festnetz-Kunden beschleunigt sich - allein im ersten Quartal haben 500.000 ihren Vertrag gekündigt, auch die Abgänge im zweiten Quartal waren dramatisch. Mit etwas Zynismus läßt sich bereits hochrechnen, wann der ehemalige Monopolist den letzten Festnetzkunden verliert.

Der Wachstumsmotor Mobilfunk stottert

Von drei Seiten lastet Druck auf der T-Com: Neue Anbieter wie Kabel Deutschland drängen auf den Markt, die Kunden telefonieren billiger im Internet oder ausschließlich mobil. Ein Gegenmittel hat die Telekom bisher nicht gefunden. Der wirtschaftliche Nutzen pompöser Visionen wie T-Home - die Verschmelzung von Internet, TV und Telefon - ist umstritten.

Der Start des ehrgeizigen Projektes wurde schon mal verstolpert; statt im Juli, wie ursprünglich vorgesehen, soll es nun im vierten Quartal losgehen. Und auch das ist nicht gewiß. Bisher wurden die sinkenden Umsätze im Festnetz von der florierenden Mobilfunk-Sparte aufgefangen. Doch der Wachstumsmotor stottert. In Deutschland gewinnt T-Mobile zwar noch neue Kunden, die Umsätze aber brechen weg, seit Billiganbieter angreifen.

Kritiker vermissen klare Ansagen

Und wie begegnet Ricke diesen Herausforderungen? Der Markt kann bisher keine Strategie erkennen. Weil der Vorstandschef keine liefert, wie ihm seine internen Kritiker ankreiden. Statt zwischen den rivalisierenden Sparten im Konzern zu moderieren, müßte er klare Ansagen treffen: Wo verdient die Deutsche Telekom künftig ihr Geld?

Bisher entwirft jede Sparte ihre eigene Antwort auf neue Technologien, belauern sich die jeweiligen Vorstände, wird jeder Auftritt, jede Äußerung daraufhin abgeklopft, wer sich gegen wen positioniert, wer auf Rickes Stuhl schielt. Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick wird Interesse unterstellt. T-Com-Chef Walter Raizner soll Ambitionen haben, T-Mobile-Chef Rene Obermann auch - wobei sich selbstverständlich jedes Lager als loyal darstellt.

Kein Interesse an Nachfolgedebatte

Ernsthaft fürchten muß Ricke die Kollegenkonkurrenten nicht, solange er das Vertrauen von Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel genießt. Der Großaktionär Bund hat kein gesteigertes Interesse an einer Nachfolgedebatte - schon weil kein geeigneter Kandidat in Sicht ist, der Union wie SPD behagt.

Ricke selbst begegnet der Kritik, indem er zupackender führt, sich stärker in die Sparten einmischt. Verhindern kann er deren Eifersüchteleien bisher nicht. Noch immer verwirrt die Telekom die Verbraucher mit ähnlichen Angeboten aus konkurrierenden Ecken des Konzerns.

T-Com und T-Mobile machen sich Konkurrenz

Jüngstes Beispiel: T-One. Die Festnetz-Sparte T-Com hat diese Woche ein Telefon vorgestellt, das außerhalb der Wohnung wie ein Handy funktioniert. Dummerweise bietet sie dem Kunden exakt ein Modell, in exakt einer Farbe, nämlich Schwarz.

Abgesehen von diesem Rückfall in die Zeiten der Behördenpost, hat die Schwestersparte T-Mobile verblüffend Ähnliches im Angebot: ein Handy, mit dem man innerhalb der Wohnung zu Festnetzbedingungen telefoniert. Beide Geräte gleichzeitig braucht vermutlich kein Mensch, welches im T-Punkt verkauft wird, hängt vom Zufall ab. Nenne das niemand Strategie.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.08.2006, Nr. 31 / Seite 33
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