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Telekommunikation Mister Siemens nimmt Abschied

20.01.2005 ·  Am kommenden Donnerstag endet Heinrich von Pierers Zeit als Konzernchef bei Siemens. Für ihn wird es ein Abschied mit Tränen „vom schönsten Posten in der deutschen Industrie“, wie er selbst meint.

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Es gibt viele Fotos, die Heinrich von Pierer mit einem strahlenden Lächeln zeigen oder mit einem entschlossenen und fordernden Gesichtsausdruck oder mit nachdenklicher Miene. Es gibt aber nur ein Foto, auf dem er gequält blickt und nicht verbergen kann, daß er sich unwohl fühlt. Auf diesem Bild trägt der Siemens-Chef eine leuchtend rote Regenjacke mit hochgestelltem Kragen - das Emblem der IG Metall in Brusthöhe. Den Kopf bedeckt ein Helm der Gewerkschaft in derselben Signalfarbe.

Das Streikposten-Outfit der IG Metall bekam Pierer Anfang Dezember auf der Betriebsräteversammlung des Siemens-Konzerns im ehemaligen Plenarsaal des Bundestages in Bonn verpaßt. Ralf Heckmann, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats, half dem verdutzten Manager in die Jacke und setzte ihm den Plastikhelm auf.

Tennisspieler beim TB Erlangen

Pierer habe Haltung gezeigt, berichtet die IG Metall über die Verkleidungsszene. Er sei aber erleichtert gewesen, daß ihm eine Ehrenmitgliedschaft nicht angetragen wurde. Eine solche Auszeichnung erscheint dem Franken dann doch nicht erstrebenswert. Seine Liste der Titel, Ämter und Mitgliedschaften ist ohnehin schon lang: Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, einer der obersten Werber der Agentur „Invest in Germany“, Aufsichtsrat von Bayer, Hochtief, der Münchener Rück und VW, Berater des französischen Premierministers sowie der Bürgermeister von Peking und Schanghai, Dozent für ein Managementseminar an der Universität seiner Heimatstadt Erlangen, Mitglied der CSU, noch vieles mehr und schließlich Tennisspieler in der Seniorenmannschaft des TB Erlangen. Seine Zeit als Vorstandsvorsitzender von Siemens endet am kommenden Donnerstag mit dem Wechsel zu Klaus Kleinfeld nach mehr als zwölf Jahren. Dann will er an die Spitze des Aufsichtsrats gewählt werden.

Besonders stolz ist Pierer auf seine Ehrenmitgliedschaft im Betriebsrat des Erfurter Turbinenwerks. Das war für Mister Siemens eine wichtige Auszeichnung, denn er legt großen Wert darauf, trotz aller Konflikte um Arbeitsplätze und -zeiten, Löhne und Produktionsverlagerungen von seinen Mitarbeitern - 430 000 in der ganzen Welt - respektiert und geachtet zu werden. Betriebsratschef Heckmann fand im Dezember versöhnliche Worte für den Vorstandsvorsitzenden im IG-Metall-Rot. Er attestierte ihm einen immer offenen und fairen Umgang. „Deshalb lassen wir Sie auch im Aufsichtsrat nicht im Regen stehen.“

Kollateralschäden für die Unternehmenskultur

Berthold Huber, Zweiter Vorsitzender der IG Metall und seit Juli 2004 Mitglied im Aufsichtsrat von Siemens, verhehlt aber nicht, daß seine Organisation den längeren Arbeitszeiten in der Telefonfertigung in Bocholt und Kamp-Lintfort im vergangenen Sommer nur widerwillig zugestimmt hat. Huber glaubt, „den Ungeist des Shareholder-Value durch die Türen des Zentralvorstands“ zu spüren.

Wolfgang Müller, Hubers Kollege von der IG Metall München, ist ein Freund drastischer Worte. „Geschäftlich ziemlich gut, aber Kollateralschäden für die Unternehmenskultur und teilweise sehr bitter für die Beschäftigten“, lautet sein Fazit der Ära Pierer. Der gescholtene Manager, ein geschickter Diplomat, eloquent und mit Auftritten in einer Mischung aus großem Selbstbewußtsein, Charme und Eitelkeit, läßt sich von Angriffen der Gewerkschaft aber nicht aus der Reserve locken. Beharrlich verfolgte er sein Ziel, die Kosten zu senken und möglichst viele Arbeitsplätze in Deutschland zu halten. Zu dumm für ihn, daß die Mobiltelefonsparte nun so große Schwierigkeiten und Sorgen bereitet.

Pierers Zehn-Punkte-Programm

Pierer, seit 1969 bei Siemens und seit 1992 Vorstandsvorsitzender, hat in den Jahren als Konzernchef sein Profil als entschlossener und zupackender Manager geschärft. Mit dem 1998 entworfenen Zehn-Punkte-Programm gewann der promovierte Jurist und Diplom-Volkswirt das Vertrauen der Kapitalmärkte zurück. Zuvor hatten ihm Aktionäre vorgeworfen, viel zu versprechen, aber nur wenig zu halten. Der Geschäftswertbeitrag wurde zur Meßlatte: Alle Sparten müssen mehr als ihre Kapitalkosten erwirtschaften. Quersubventionen einzelner Sparten innerhalb des größten europäischen Elektro- und Elektronikkonzerns mit einer Produktpalette von der Miniaturleuchtdiode bis zur Kraftwerksturbine und der Lokomotive sollen nicht mehr geduldet werden.

Allerdings hat sich Siemens nach Infineon und Epcos nicht mehr von großen Stammgeschäften getrennt, selbst wenn sie in die Verlustzone gerutscht sind. Doch etliche Vorstände in einigen Bereichen mußten gehen, weil sie Pierer enttäuscht hatten. „Mit dem Zehn-Punkte-Programm hat er sich hohen Respekt in der Finanzgemeinde verschafft“, lobt Bernd Laux, Analyst von CAI Cheuvreux in Frankfurt. Auch in der Konjunkturschwäche von 2001 bis 2003 habe Siemens stets die Geschäftsprognosen eingehalten. Für Laux ist dies ein sicherer Hinweis, daß Pierer mit Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger den weitverzweigten Konzern, der in 190 Ländern tätig ist, gut in den Griff bekommen hat.

Abschied mit Tränen

Auch wenn der 27. Januar, der Tag der Hauptversammlung, Pierers letzter Tag als Vorstandschef ist: Er wird in alle Fotoapparate und Kameras mit einem Sonntagslächeln strahlen. Denn seinen Abschiedsschmerz vom schönsten Posten in der deutschen Industrie, als den er den Vorstandsvorsitz von Siemens immer bezeichnet, wird er einen Tag nach seinem 64. Geburtstag verbergen. Bestimmt fühlt er sich bald als Aufsichtsratschef von Siemens auf dem zweitschönsten Posten.

"Geschäftlich ziemlich gut, aber teilweise sehr bitter für die Beschäftigten."

Wolfgang Müller, IG Metall München

Quelle: him., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2005, Nr. 17 / Seite 18
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