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Telekommunikation Internettelefonie - die Revolution fällt aus

13.09.2004 ·  Das Telefonieren übers Internet klappt endlich. Doch in Deutschland macht kaum jemand mit. Schuld hat die Deutsche Telekom, die die Wettbewerber mit hohen Grundgebühren in Schach hält.

Von Hendrik Ankenbrand
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Wenn Stefan Hennersdorf seine Freundin in Stuttgart anruft, dauern die Gespräche neuerdings deutlich länger. Während früher dem Hamburger Studenten das Rattern des Gebührenzählers den romantischen Plausch vermieste, kann er sich seit acht Wochen wieder ganz auf das Gespräch konzentrieren. Seit diesem Zeitpunkt telefoniert er über das Internet - für einen Cent die Minute. "Ein lohnendes Investment in die Beziehung", nennt das Hennersdorf.

Ein Cent. Allein der Gedanke an superbillige Internettelefonie müßte bei Deutsche-Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke Herzrasen auslösen. Gilt diese doch seit Jahresbeginn als neuer "Mega-Trend", der den Telefonmarkt hierzulande kräftig durcheinanderwirbeln soll. In der Tat bietet die Technik eigentlich die besten Vorraussetzungen für Wettbewerber: Im Gegensatz zur herkömmlichen Telefonleitung kann der Anbieter auf seinen Datenbahnen im Internet gleich mehrere Gespräche laufen lassen - und so günstigere Preise anbieten. So weit die Theorie.

Laues Lüftchen statt Wirbelsturm

In der Praxis ist Telekom-Chef Ricke sehr entspannt. "Wir sehen die Internettelefonie völlig gelassen", heißt es in der Bonner Zentrale. Ricke weiß, daß da kein Wirbelsturm naht. Eher ein laues Lüftchen. Wenn Telefonieren per Internet, auch "Voice over Internet Protocol" (VoIP) genannt, eine Revolution ist, dann nicht im Markt, sondern höchstens in der Welt der Technik.

Während vor zwei Jahren vor allem noch jene online telefonierten, die sich der besseren Verständigung zuliebe gerne über Mikrofon und PC anbrüllten, so ist die Technik im achten Jahr der Entwicklung fast ausgereift. Längst sind Adapter wie das "Phone Board" auf dem Markt, der das altgediente analoge Telefon kurzerhand internettauglich macht. Bei einer Sprachqualität, die sich von der eines Festnetztelefons nur noch wenig unterscheidet.

Wenig Chancen für Internettelefonie

Daß aber die Internettelefonie auch die Verhältnisse auf dem Telefonmarkt umwälzen wird, davon kann keine Rede sein. Zwar ist die Technik im Geschäftskundenbereich längst etabliert, weil Firmen wie SAP ihre Außenstellen ohnehin mit der Walldorfer Zentrale vernetzen. Der Großteil der etwa 300000 Menschen, die heute über ihre Online-Verbindung telefonieren, tut dies im Dienst des Arbeitgebers.

Im deutschen Privatkundenmarkt werden jedoch nur fünf Prozent über das Internet telefonieren, lautet die Schätzung von Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton - und die bezieht sich auf das Jahr 2012. Zwar drängen immer mehr Anbieter auf den Markt. "Doch bisher ist der Kram nur bei Technik-Freaks zu Hause", sagt Friedrich. Internettelefonie habe "derzeit relativ wenig Chancen", sagt selbst Harald Summa.

„Gewinnmargen sind äußerst gering“

Der Mann ist Geschäftsführer des Verbands der deutschen Internetwirtschaft Eco und damit zuständig für die Interessen von Firmen wie Sipgate und Nikotel, die der Deutschen Telekom mit Internettelefonie Umsatzanteile abjagen wollen. Das werde jedoch "höchstens in ein bis zwei Jahren" geschehen, sagt Summa. Wenn es die Firmen dann überhaupt noch gibt.

Denn Unternehmen, die hierzulande Internettelefonie anbieten, verdienen nicht allzuviel Geld damit. "Die Gewinnmargen sind äußerst gering", sagt Thorsten Gerpott, Telekommunikations-Experte von der Universität Duisburg. Internettelefonie sei derzeit nichts weiter als ein "Marketing-Gag". Firmen wie Freenet würden mit ihr als "Sahnehäubchen" werben, um so ihren Kunden die DSL-Anschlüsse schmackhafter zu machen. Anbieter, die dagegen allein auf Internettelefonie setzten, hätten es äußerst schwer. "Viele, die in diesem Feld heute als Trendsetter gelten, werden morgen schon verschwunden sein", sagt Gerpott.

Preis als Verkaufsargument

Bedanken dürfen sie sich bei der Telekom. Dort sind die Strategen so entspannt, weil sie eine einfache Rechnung aufgemacht haben: Internettelefonie bietet bislang für den Nutzer keinen Mehrwert, etwa indem der Anrufer seinen Gesprächspartner nicht nur hören, sondern durch Bildübertragung auch sehen kann. Also ist der Preis das Verkaufsargument. Doch anders, als die Anbieter glauben machen wollen, ist dieser zumindest für Ferngespräche im In- und ins Ausland gar nicht so viel günstiger als beim Telefonieren übers altmodische Festnetz.

Tarife von rund einem Cent pro Minute, wie ihn die 1&1 Internet AG offeriert, haben die bekannten Call-by-Call-Anbieter im Festnetz schon lange im Programm. Zwar sprechen die 1&1-Kunden untereinander kostenlos. Doch wirklich lohnen wird sich die Internettelefonie für die meisten Kunden erst dann, wenn sie ihren alten schmalbandigen Telekom-Telefonanschluß abmelden und dessen Grundgebühr sparen können. Dann würden sie nur noch über den DSL-Anschluß im Internet telefonieren und surfen. Abmelden können sie aber nicht - denn daran hat Telekom-Chef Ricke nun überhaupt kein Interesse.

Im Gegenteil: Sorgt die Telekom doch seit drei Jahren dafür, daß die Grundgebühren Monat für Monat langsam steigen. Mit den Fixkosten will sie künftig das große Geld verdienen. Die Ausgangsbasis könnte nicht besser sein: Im Bereich der DSL-Anschlüsse beherrscht sie den Markt mit 91 Prozent. Und so gut wie jeder DSL-Anschluß, den ein Wettbewerber dem Endkunden verkauft, ist an einen althergebrachten Festnetzanschluß der Telekom gekoppelt. Die Konkurrenz fordert schon lange die Entflechtung dieser Zwangsvereinigung - bisher ohne Erfolg. "Die halten sehr geschickt den Wettbewerb klein", heißt es in der Branche über die Telekom. Und er sei "äußerst skeptisch", sagt Experte Gerpott, "daß sich da bald was ändern wird".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.09.2004, Nr. 37 / Seite 41
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Jahrgang 1978, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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