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Telekommunikation Der Zuschauer ist tot, es lebe der Nutzer

 ·  Schauen, was und wann man will - das Internetfernsehen macht's möglich. Noch ist die Zahl der Nutzer bescheiden, doch Medienexperten sagen der Technik eine große Zukunft voraus. Gestritten wird schon jetzt.

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Eigentlich funktioniert es noch nicht richtig. Das Internetfernsehen steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Die Zahl der Nutzer, die ihre Sendungen schon über die Netze der Telefongesellschaften auf den Fernseher bringen, ist noch verschwindend gering. Einige zehntausend sind es bei der Deutschen Telekom, und etwa 13.000 Kunden von Hansenet empfangen unter der Marke Alice ihre Programme auf der Basis des Internets.

Bei der Vodafone-Tochtergesellschaft Arcor läuft ein Pilotversuch mit einer Handvoll Nutzer in Kassel. Der Marktstart ist für den Herbst in 13 Städten geplant. United Internet und Pro Sieben Sat.1 gehen seit einem Jahr mit ihrer Online-Videothek Maxdome auf Kundenfang und haben dafür nach eigenen Angaben bisher 170.000 Nutzer gewonnen.

Video auf Abruf

Trotz der bescheidenen Zuschauerzahlen schlägt das Internetfernsehen - von Fachleuten auch als IPTV (Internet-Protokoll TV) bezeichnet - in der Medienbranche hohe Wellen. Denn IPTV ist nicht einfach die Nutzung eines neuen Übertragungsweges für die althergebrachten Programme. Das Internetfernsehen ist interaktiv. Es löst die starren Programmpläne auf und macht den ehemaligen Zuschauer zum Nutzer eines Dienstes - wie im Internet üblich.

Zwar werden die etablierten Fernsehsender auch weiterhin die klassischen Programme betreiben, das Gesamtangebot wird aber auch in diesen Häusern weit darüber hinausgehen. Der künftige Fernsehnutzer schaut, was er will und wann er will. Er nutzt Video auf Abruf und zahlt für diese Bestellungen ein Entgelt je Beitrag. Er kann Filme anhalten, wenn das Telefon klingelt, und sie nach dem Gespräch fortsetzen. Der Kunde ist der Souverän über sein Programm.

Weltweit 7000 Sender

Dies ist in Grenzen auch heute schon möglich. „Es gibt weltweit schon rund 7000 Sender, die als Internetfernsehen übertragen werden. Etwa die Hälfte davon setzen sich aus den Angeboten großer Medienhäuser zusammen“, sagt Wolf-Dieter Ring, der Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien. In den europäischen Nachbarländern hat sich die Fernsehübertragung über das Internet sehr viel schneller verbreitet als in Deutschland. So sind die Nutzerzahlen zum Beispiel in Frankreich erheblich höher, und das Internetfernsehen entwickelt sich dort zu einer Konkurrenz für die Kabelanbieter.

Aber auch in Deutschland sagen die Medienexperten dem Internetfernsehen langfristig eine große Zukunft voraus. So wird damit gerechnet, dass in ein bis zwei Jahrzehnten das gesamte Fernsehprogramm auf die Internetstruktur gewechselt haben wird. Die Marktforscher von Gartner gehen davon aus, dass schon bis zum Jahr 2010 rund 17 Millionen Haushalte in Europa das Internet als Transportweg für die Fernsehangebote nutzen werden.

Weichen werden jetzt gestellt

„In Deutschland rechnen wir bis 2010 mit mehr als einer Million IPTV-Haushalten“, sagt Mathias Birkel, Marktforscher bei Goldmedia. Zum Vergleich: Insgesamt gibt es hierzulande rund 37 Millionen Fernsehhaushalte. „Das Internetfernsehen ist in der nächsten Zeit noch kein Boom-Markt. Die Nachfrage wird - wie beim Mobiltelefon oder bei DSL - erst langsam steigen. Den Durchbruch erwarten wir für das Jahr 2010. Dann wird das Analogfernsehen abgeschaltet, und die Zuschauer stehen vor der Frage, für welches System sie sich künftig entscheiden sollen. Langfristig hat das Internetfernsehen aber das Potential, zu einem Massenprodukt in der Konkurrenz zum Kabelfernsehen zu werden“, sagt Stephan Albers, Bereichsleiter Kommunikation bei Arcor.

Die Weichen für den Massenmarkt werden aber jetzt gestellt. Da gerade beim Transport des hochauflösenden Fernsehens (HDTV) sehr große Datenmengen anfallen, benötigt das Internetfernsehen entsprechend schnelle DSL-Anschlüsse. Diese werden im Moment in der ganzen Republik verlegt - allen voran von der Deutschen Telekom. Diese hat vor, für rund 3 Milliarden Euro die größten Städte des Landes an ein neues VDSL-Hochgeschwindigkeitsnetz anzuschließen, und ist mit dessen Ausbau schon weit vorangekommen. Zusätzlich wird sie - wie auch die Wettbewerber - in rund 750 kleineren Städten das ADSL2-Netz für den Fernsehvertrieb nutzen.

Schon gibt es Streit

Obwohl das IPTV noch am Anfang steht, gibt es schon Streit. So ist aus dem Lager der Unternehmen aus der Telekommunikation zu hören, dass die Fernsehsender ihnen tiefer in die Tasche greifen wollten als zum Beispiel den Kabelnetzbetreibern. In der Branche heißt es, dass die Privatsender jede Diskussion über die im Kabelnetz üblichen Einspeiseentgelte verweigerten und eine relativ hohe Vergütung je Kunde von den IPTV-Anbietern forderten. „Damit sich das Internetfernsehen in einem gesunden Wettbewerb entwickeln kann, fordern wir von den Sendern die gleichen Bedingungen, die auch Kabelnetzbetreiber erhalten“, erklärt Albers von Arcor. Die beiden Privatfernseh-Marktführer Pro Sieben Sat.1 und RTL wiegeln dagegen ab. Es gebe mit den Netzbetreibern geltende Verträge und insofern keinen akuten Gesprächsbedarf.

Neben den Telefongesellschaften drängen aber auch Internetunternehmen wie zum Beispiel Joost in diesen Markt und wollen ihre Programmpakete über das Internet an die Kunden bringen. Joost wurde von Skype-Gründer Niklas Zennström ins Leben gerufen und soll neben einem professionell gestalteten Programm auch als Plattform für die Interaktion der Nutzer untereinander dienen. Joost hat nach Angaben von Zennström hierfür schon Verträge mit einer größeren Anzahl von Anbietern von Inhalten geschlossen.

Quelle: F.A.Z., 30.08.2007, Nr. 201 / Seite 16
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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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