19.06.2007 · Sieben Monate an der Spitze der Telekom und schon müde. Noch nie wurde ein Top-Manager so schnell verschlissen wie René Obermann. Doping-Skandale im Radsport, Streiks der Mitarbeiter und Querschüsse aus der Politik rauben ihm den Schlaf.
Von Georg MeckDieser Job hinterlässt Spuren. René Obermann verliert Kraft. Erst der Streik bei der Telekom, dann das Massen-Outing seiner Fahrradfahrer als Doping-Sünder. Und schließlich die Querschüsse aus der Politik, die Spekulationen, wie fest er noch im Sattel sitze. Das zehrt. Er schlafe schlecht, gibt der Telekom-Chef zu. Mehrere Kilo Gewicht hat er in den vergangenen Wochen verloren, der Hemdkragen sitzt lockerer als noch vor einem halben Jahr, als Obermann voller Elan das neue Büro als Vorstandsvorsitzender bezogen hat.
Wohl noch nie wurde ein Konzernchef in so kurzer Zeit so erkennbar verschlissen. Eben noch der smarte, frische Aufsteiger, wirkt Obermann, mit 44 Jahren immer noch jung in seiner Position, jetzt bisweilen fahrig. Die Anspannung ist zu spüren, die Mühe, die es ihn kostet, seinen Stil nicht zu ändern. Nicht in Hektik auszubrechen, sich zu beherrschen, egal, was kommt. „Er hat gelernt einzustecken“, sagt einer, der den Top-Manager seit Jahren aus der Nähe erlebt. „Wenn es mal schwierig wird, fliegen einem halt die Kugeln um die Ohren“, gibt der Chef sich standhaft.
Kampfansage an die Betriebsräte
50.000 Angestellte, fast jeden dritten Telekom-Beschäftigten in Deutschland, will Obermann in konzerneigene Servicegesellschaften verlegen, zu „marktgerechten“, also schlechteren, Bedingungen: Neun Prozent weniger Lohn gibt es dort, die Arbeitszeit dauert vier Stunden länger. Als Kampfansage haben das die Betriebsräte verstanden in Zeiten, in denen dank brummender Konjunktur andernorts die Gehälter wieder steigen. Da half auch Obermanns Versprechen nichts, im Gegenzug den Kündigungsschutz um drei Jahre, bis 2011, zu verlängern.
Viel hat Obermann abbekommen in dem nun fünf Wochen währenden, härtesten Arbeitskampf in der Geschichte der Deutschen Telekom. Als Dobermann wurde er beschimpft, als aalglatter Job-Killer und gewissenloser Abzocker, der sich die Taschen vollstopft und dann weiterzieht. Die Demonstrationen der Gewerkschaft endeten regelmäßig in Kundgebungen direkt vor seinem Vorstandstrakt, damit er ja alle Vorwürfe mit eigenen Ohren hört. Das schmerzt.
In Talk-Shows wurde er plötzlich als Ackermann-Ersatz in der Rolle des kalten Kapitalisten eingesetzt. Nach einer Diskussion in Hamburg musste er den Saal auf Anraten der Polizei durch den Hinterausgang verlassen; Verdi-Demonstranten hatten die Türsteher überrannt und Obermann mit unflätigen Beschimpfungen überhäuft. Immer schwingt dabei eine Portion Neid mit und der Hass auf die Managerkaste im Allgemeinen. Ob einer wie er noch wisse, wie lange eine Fachkraft im Call-Center telefonieren muss, um auf die 2,6 Millionen Euro Gehalt zu kommen, die er im Jahr kassiert, haben sie den Aufsteiger aus bescheidenen Verhältnissen gefragt. Als er aus Solidarität mit der Belegschaft auf zwei Monatsgehälter verzichtete, wurde Obermann von Gewerkschaftern ausgebuht ob der hilflosen Geste.
Zwei Millionen Kündigungen 2006
Keine Frage, der Telekom-Chef hat eine der schwierigsten Aufgaben in der deutschen Wirtschaft. Die Technologie in der Branche ändert sich so rasant, dass der ehemalige Monopolist kaum Schritt hält, die Kunden sind entsetzt über hohe Preise und den miesen Service. „Es ist Mode geworden, sich über uns lustig zu machen“, räumt Obermann ein. Zwei Millionen Bundesbürger haben allein 2006 ihren Festnetzanschluss bei der Telekom gekündigt, die internen Zahlen für dieses Jahr lassen Düsteres erahnen. Und als wäre dies nicht ökonomische Herausforderung genug, hat es ein Telekom-Chef auch zehn Jahre nach dem Börsengang mit einem hochpolitischen Laden zu tun.
Der Bund hält noch immer 32 Prozent der Aktien. Karrieren in der Bonner Unternehmenszentrale werden im Berliner Regierungsviertel entschieden. Der Finanzminister dringt auf steigende Kurse der T-Aktie und satte Ausschüttungen, die Sozialpolitiker auf behagliche Arbeitsbedingungen im Konzern. Und in Zeiten, in denen den Sozialdemokraten die Wähler in Richtung Linke entfleuchen, müssen die Genossen erst recht auf gebührenden Abstand zu den Bossen achten. So beschließen SPD-Landesparteitage munter, was Obermann zu tun und zu lassen habe. Und der SPD-Fraktionschef Peter Struck reiht sich verbal in die Streikfront ein. Öffentlich hat er den Telekom-Chef vorige Woche ermahnt, die Einkommen der Angestellten nicht anzurühren und sie nicht „notorischen Lohndrückern“ auszuliefern. Und niemand hat aufgeschrieen: Was mischt sich die Politik da ein? Was geht sie die Strategie eines privaten Konzerns an?
Solidarität endet bei der Telefonrechnung
„Wir leben nicht von Steuergeldern, sondern von Kunden“, entgegnet Obermann nur. Spätestens bei der Telefonrechnung höre die Solidarität der Bevölkerung mit den Streikenden auf: „Unsere Kunden sind nicht bereit, einen Preisaufschlag zu zahlen, nur weil wir deutliche Nachteile in der Kostenstruktur haben.“ Direkte Widerworte zur Politik kann sich ein Vorstandsvorsitzender der Telekom nicht erlauben. Im Gegenteil, er muss bei Bedarf in Berlin antanzen, die Parlamentarier pflegen. Viel Energie opferte Obermann in jüngster Zeit, um für seinen Kurs zu werben, am Telefon wie in persönlichen Treffen, zuletzt mit einer Rede vor dem CDU-Wirtschaftsrat. Denn auch aus der Union, obwohl nicht natürlicher Verbündeter der Gewerkschaft Verdi, erfuhr der Telekom-Chef auffallend wenig öffentliche Unterstützung.
Zumindest sein Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel lässt sich in diesen heiklen Tagen zu einer öffentlichen Solidaritätsadresse hinreißen: „René Obermann und der Vorstand haben mein volles Vertrauen und meine Unterstützung“, erklärt Zumwinkel, um damit die in Berlin kursierenden Spekulationen über eine Ablösung zu unterbinden. In dem silberhaarigen Chef-Kontrolleur, dem Post-Vorstandsvorsitzenden, hat Jungspund Obermann dem Anschein nach einen treuen Verbündeten gefunden. Sachlich hält Zumwinkel den eingeschlagenen Kurs für richtig und notwendig, menschlich schätze er die „geradlinige und nicht liebesdienerische Art Obermanns“, heißt es in Aufsichtsratskreisen.
Geradlinig und entschlossen
Die Frage ist nur, wie viel Geradlinigkeit und Entschlossenheit der Sache nützen. Offenbar hat der Manager bei seinem Radikalkurs die Gegenwehr der Gewerkschaft unterschätzt. Denn auch Verdi kämpft mit sinkenden Marktanteilen, in ihrem Fall heißt das: mit einem Schwund der Mitglieder. Da ist Härte zur Mobilisierung gefragt. Nur so konnte der Streik derart eskalieren.
Die sich jetzt anbahnende Lösung muss zeigen, ob Obermanns Kampfansage an die Gewerkschaften taktisch geschickt war, ob der Ertrag die vorhersehbare Konfrontation wert war. Die angepeilten Ersparnisse bei den Personalkosten in Höhe von 500 bis 900 Millionen Euro wird die Telekom am Ende jedenfalls kaum erreichen. Obermann musste sein Angebot im Verlauf des Streiks nachbessern, er kündigte ein attraktiveres Bonussystem an, in wirtschaftlich besseren Zeiten sollten die Beschäftigten stärker am Erfolg beteiligt werden. Dies wird wahrscheinlich Teil des Kompromisses, der sich am Wochenende in „ersten Konturen“ abzeichnete, wie die Unterhändler berichteten. Einzelne Punkte seien abgehakt, die strittigen Fragen sollen in der nächsten Woche abschließend gelöst werden.
Kein Frieden nach den Streiks
Wenn die Mitarbeiter dann an ihre Arbeitsplätze zurückkehren, heißt das freilich nicht, dass damit bei der Telekom der Frieden einkehrt. Nein, eines ist sicher: René Obermann hat sich nicht beliebt gemacht in seinem Laden. Und das wird auch eine Weile so bleiben, das weiß er.Ein Ende des Streiks bringt ihm nur eine Verschnaufpause. Die nächsten, vorhersehbaren Doping-Beichten werden seinen Radstall erschüttern. Auch die Geduld der Investoren wird sich irgendwann erschöpfen, wenn der Kurs der T-Aktie noch lange um die 13, 14 Euro dümpelt.
Woher soll sie auch kommen, die Phantasie der Börse? Die Trennung von der amerikanischen Mobilfunktochter wäre so ein Grund. Dies schließt Obermann jedoch aus - schließlich verlöre er damit den Wachstumstreiber des Konzerns. An größere Übernahmen ist in der jetzigen Situation nicht zu denken. Und so hält nur die stolze Dividende die Aktionäre halbwegs bei Laune.
Für das laufende Jahr hat Obermann ihnen einen Gewinn von 19 Milliarden Euro (vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) in Aussicht gestellt. Diese Marke muss er schaffen, unter allen Umständen. Zweimal schon hat die Telekom binnen weniger Monate die Ziele nach unten korrigiert. Das mögen Anleger gar nicht. Die erste Gewinnwarnung hat Kai-Uwe Ricke den Job gekostet, die zweite Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick das Vertrauen der Märkte, bei einer dritten gäbe es kein Halten mehr: Die T-Aktie käme ins Trudeln, Obermann wohl auch. „Eine dritte Gewinnwarnung stehen wir nicht durch“, gestand er jüngst Vertrauten. „Dann bekommen wir ganz andere Probleme.“
ekom
Karl-Heinz Schauff (Schauff)
- 18.06.2007, 20:28 Uhr
Für Stress gibt's Kohle
Franz Müller (Franzy)
- 18.06.2007, 20:39 Uhr
Inkompetenz
Malchus Giersch (der_rote_Hugo)
- 18.06.2007, 20:47 Uhr
Ausgetretene Pfade
Stephan Krubert (EPU_Deutschland)
- 19.06.2007, 00:35 Uhr
Harte Zeiten auch für Manager
Uwe Harling (mittelschicht)
- 19.06.2007, 00:42 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.378,07 | −1,15% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2438 | −0,40% |
| Rohöl Brent Crude | 104,76 $ | −1,96% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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