http://www.faz.net/-gqe-93rr0

Um Klimaziele zu erreichen : Zwei Billionen Euro für die Energiewende

Windräder vor dem RWE-Braunkohle-Kraftwerk Niederaußem bei Bergheim Bild: dpa

Deutschlands Technikakademien rechnen vor, was für den Umstieg in eine Wirtschaft ohne Kohlenstoffemissionen nötig ist. Und sie haben konkrete Ratschläge an die Politik.

          Während sich CDU, CSU, FDP und Grüne mühsam auf ein klima- und energiepolitisches Regierungsprogramm für die kommenden vier Jahre vorarbeiten, haben Technikwissenschaftler die Voraussetzungen für die politisch unstrittige „Dekarbonisierung“ bis zur Mitte des Jahrhunderts und ihre Folgen für Deutschland beleuchtet. Das Ergebnis liegt seit Dienstag auf 100 Seiten vor. Demnach dürfte sich der Stromverbrauch aus regenerativen Quellen bis 2050 womöglich verdoppeln. „Als Folge müsste die Kapazität der Windkraft- und Photovoltaikanlagen auf ein Fünf- bis Siebenfaches anwachsen.“

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Auch die potentiellen Kosten haben die Wissenschaftler abgeschätzt. Je nach Höhe des Reduktionsziels von 70 oder 85 Prozent CO2-Minderung gegenüber 1990 dürften sie „im Bereich von 1000 bis 2000 Milliarden Euro liegen“. Auf die nächsten 33 Jahre heruntergebrochen, seien das jährlich 30 bis 60 Milliarden Euro oder 1 bis 2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, heißt es in der Studie, die die drei Wissenschaftsakademien Leopoldina, Acatech und Union gemeinsam vorgelegt haben. Da das Minderungsziel der Politik allerdings bei 80 bis 95 Prozent liegt, dürften die Kosten mit zwei Billionen Euro deutlich unterschätzt sein.

          Einheitlicher, wirksamer CO2-Preis

          Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass die langfristigen Klimaziele nur dann erreicht werden könnten, wenn alle Wirtschaftssektoren energetisch effizienter und auf erneuerbare Energien umgestellt würden. So müsste die Sanierungsquote im Gebäudebestand steigen und müssten die Emissionen der Heizungstechnologien auf etwa ein Drittel des heutigen Wertes sinken. Neben dem gewaltigen Ausbau von Windkraft- und Photovoltaikanlagen würden Elektroautos und Wärmepumpen immer wichtiger. Und doch sei Elektrizität auch im Verkehrssektor, dem „Schlusslicht der Energiewende“, nicht alles: „Auch synthetische Brenn- und Kraftstoffe sind voraussichtlich unverzichtbar.“ Das gelte etwa für den Schiffs- und Flugverkehr. Benötigt würden Kurz- und Langzeitspeicher sowie flexible Stromnutzungsmodelle, die helfen könnten, die volatile Stromerzeugung auszugleichen.

          Zudem brauche man Reservekapazitäten, um die Versorgung abzusichern, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Dafür setzen die Technikfachleute einen Umfang an, der „etwa dem heutigen konventionellen Kraftwerkspark entspricht“. Konkret rechnen sie mit 100 Gigawatt konventioneller Kraftwerksleistung – das sind fast 20 GW mehr, als heute gebraucht werden und die Grünen aktuell als ausreichend für die Versorgungssicherheit erachten. Anstelle von Kohlekraftwerken, die aus Gründen des Klimaschutzes stillgelegt werden sollen, müssten demnach Gaskraftwerke in großem Stil als Reserve vorgehalten werden, damit die Stromversorgung auch in Dunkelflauten gesichert bliebe. Die müssten zudem im Lauf der Zeit mit „grünem“ Gas befeuert werden, das künstlich aus Wasserstoff und CO2 erzeugt wird, das zuvor etwa der Atmosphäre entzogen wurde. Offen ist, ob sich solche Kraftwerke für Investoren lohnen oder ob die Kunden für die Versorgungssicherheit eine Art Bereitstellungsgebühr zahlen müssten.

          Als zentrales Steuerungselement für die Energiewende raten die Experten zu einem einheitlichen, wirksamen CO2-Preis. Dafür schlagen sie zwei Wege vor: Entweder müsse der europäische Emissionshandel neben Energie und Industrie auch auf Sektoren wie Gebäude und Verkehr ausgeweitet und mit einem Mindestpreis versehen werden, oder die Emissionen von Kohlendioxid müssten mit einer Steuer bepreist und verteuert werden. Eine nationale CO2-Steuer könnte das europäische System des Emissionshandels sinnvoll ergänzen. Ein derart festgelegter Preiskorridor würde Unternehmen mehr Sicherheit geben, in klimafreundliche Technologien zu investieren. Bisherige Umlagen, Abgaben und Steuern könnten durch einen sektorübergreifenden CO2-Preis ersetzt oder abgebaut werden. Auch eine Besteuerung emissionsintensiver Importe sei möglich.

          Deutschland trete nun in eine neue, zweite Phase der Energiewende ein. Auf den Aufbau der Ökostromerzeugung folge nun die Elektrifizierung weiter Teile von Wirtschaft und Gesellschaft durch Ökostrom. Wasserstoff werde dann die absehbare dritte Phase der Energiewende maßgeblich prägen: als Speicher und Energieträger dort, wo Strom keine Option sei. Erst in der vierten und letzten Phase der Energiewende würden fossile Energieträger endgültig verdrängt. In Deutschland sei dies vermutlich nur machbar, „wenn zusätzlich Strom oder aus regenerativen Quellen produzierte chemische Energieträger aus wind- und sonnenreichen Ländern importiert werden.“ 

          Weltklimagipfel in Bonn : Singender Protest gegen amerikanische Klimapolitik

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Weltrettung für Privatpersonen

          Klimawandel und Geld : Weltrettung für Privatpersonen

          Wird der Finanzsektor zum Klimaretter? Der Schlüssel könnten neue Analysemethoden sein, die die klimafreundlichen Investitionen identifizieren. Nur wie erreicht man, dass die auch genutzt werden? Ein Gastbeitrag.

          Vier Neue für Galileo Video-Seite öffnen

          Navigationssatelliten : Vier Neue für Galileo

          Mit einer Ariane 5-Rakete sind vier neue Satelliten für das europäische Navigationssystem Galileo geschossen worden. Damit soll mehr Unabhängigkeit von einem großen Konkurrenten auf der anderen Atlantikseite gewonnen werden.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Aufrüstung der Streitkräfte : Besorgnis über Russland

          Der Kreml forciert die Aufrüstung, um den technologischen Rückstand auf die Nato wettzumachen. Experten warnen, dass Russland schon heute jeden Nachbarstaat außer China besiegen könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.