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„Taunus-Mamis“ Golfen, Reiten, Gutes tun

11.09.2010 ·  Die Mütter im Taunus sind gut ausgebildet. Die Karriere überlassen sie dennoch dem Ehemann, der ihnen ein finanziell sorgloses Leben ermöglicht. Dafür managen sie den Alltag - mit Powerpoint und Blackberry.

Von Bettina Weiguny
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Auf diesen Abend hat Beatrice von Knebel Doeberitz lange hingearbeitet. Überall hat sie geworben für Xiao Xiao Zhu, von ihm geschwärmt vor ihren Freundinnen im „Diskussionskreis Taunus“, einem Frauenclub der exklusiven Art. Jetzt also sitzt der junge Kerl endlich am Flügel und spielt, eine Partita von Bach, danach Beethoven und Schumann. Und wie er spielt! Frau von Knebel entspannt sich. Der Abend ist geglückt, die Stadthalle in Kronberg ausverkauft. 300 Gäste lauschen dem Pianisten, erst 23 Jahre alt, den sie anschließend als „wirklich außergewöhnlich“ loben. „Eine vorzügliche Wahl, Beatrice“, attestiert man ihr bei Wein und Gebäck im Foyer.

Sie scharen sich um die junge Organisatorin, schütteln ihr die Hände, drücken sie an sich. Die große, schlanke Frau lächelt, sichtlich erleichtert. „Man weiß ja nie“, sagt sie. Der angehende Pianist ist zwar ein Ausnahmetalent, aber das Publikum im Saal verwöhnt. Und Beatrice von Knebel ist Präsidentin des Clubs, kennt jeden der Gäste persönlich. Nicht auszudenken, wenn die enttäuscht wären - vom Pianisten und damit auch von ihr, die ihn nach Kronberg geholt hat, als Höhepunkt ihrer Amtszeit.

Drei Sprösslinge sind die Regel, fünf nicht ungewöhnlich

Der Diskussionskreis Taunus versteht sich als Club von Frauen für Frauen, zum Austausch über „Bildung - Kultur - Soziales“. 1100 Damen sind hier Mitglied, 90 durchlaufende Seminare umfasst das Angebot, Kurse und Gesprächstreffs. Die Frauen diskutieren über Habermas, die Römerbriefe, Pubertät oder Selbstwertgefühl. Andere Runden befassen sich mit der Philosophie des Glücks, der russischen Oper, dem Sauvignon Blanc oder Amos Oz.

Keine Frage: Solch ein Club gedeiht nur in einem Ort mit erlesenem Publikum. Allenfalls am feinen Ufer des Starnberger Sees massiert sich ähnlicher Wohlstand wie an den Hügeln des Vordertaunus. Städtchen wie Kronberg, Königstein, Bad Homburg, Bad Soden und Hofheim zählen zu den reichsten Gemeinden Deutschlands; wohl nirgendwo konzentrieren sich so viele Einkommensmillionäre und alteingesessene Industriellenfamilien. Viele Frauen entscheiden sich hier - ganz bewusst - gegen die eigene Karriere und für das „Lebensmodell Kronberg“; für die Familie, für ihre Kinder. Und sie haben viele Kinder. Drei Sprösslinge sind die Regel, fünf nicht ungewöhnlich.

Diese Frauen verabschieden sich vom Kampf um den beruflichen Aufstieg, um Posten oder eine Gehaltserhöhung - all das überlassen sie den Männern. Sie genießen die Freiheiten eines privilegierten Lebens. Morgens fahren sie in ihren schwarzen SUVs vor die Kindergärten und Schulen, setzen die Kinder ab und brausen weiter; Richtung Tennisplatz, Fitnessclub oder Reitstall, zum Shoppen, Frühstück oder zum Ehrenamt. Anschließend sammeln sie die Kinder wieder ein und verteilen sie auf die verschiedenen Hobbys; Klavier, Geige, Ballett, Golf, Tennis oder Fußball.

Status und Karriere jenseits des Berufs bieten Ehrenämter

Sinn und Anerkennung beziehen diese Frauen aus den diversen sozialen Tätigkeiten. Wohltaten stehen hoch im Kurs. Die Mitglieder des DT-Clubs beispielsweise helfen regelmäßig im Kinderhospital, im Altenheim, unterstützen ausländische Kinder bei den Hausaufgaben und golfen für gute Zwecke. Man trifft sich daheim im Wohnzimmer, reihum. „Deshalb achten wir auf eine gewisse Homogenität“, erzählt Präsidentin von Knebel bei einer Tasse Tee im „Lucullus“, einem Edelitaliener in Königstein unterhalb der Burgruine, am Durchgang zwischen pittoresker Altstadt und Park. Die Präsidentin hat Banklehre und ein Jahr European Business School hinter sich, um dann auf Modestylistin umzusatteln. Sie hat drei Kinder, organisiert die Familiengottesdienste in der Kirchengemeinde und vertreibt zweimal im Jahr eine Cashmere-Kollektion, eine private Veranstaltung im engeren Bekanntenkreis. Über eine Freundin, die sie zu einem Fotokurs mitgenommen hatte, stieß sie zum Frauenclub DT, den sie seit zwei Jahren leitet - damit hat es sie es weit nach oben gebracht im Taunus-Milieu, hat Status und Karriere jenseits des Berufs erreicht.

Denn neben der Position (und damit Gehalt) des Mannes sowie dem Gedeihen der Kinder zählt hier durchaus, wer welche wohltätigen Ämter bekleidet, wer auf seinen Veranstaltungen mit Prominenz aufwarten kann (kommt gar die Linsenhoff-Erbin, ein Mitglied der BMW-Familie Quandt oder der Prinz von Hessen?). Und wie viel Geld beim Fundraising zusammenkommt. Viele dieser Frauen sind erstklassig ausgebildet - und bringen dieses Knowhow auch in ihren Jobs jenseits des gewöhnlichen Wirtschaftslebens ein. Da ist die junge Ärztin, die am Uniklinikum als Kinderärztin arbeitete - heute hat sie drei kleine Kinder, fährt jeden Morgen zum Reitstall, um Sindbad, ihren Apfelschimmel, zu bewegen, und bereitet jede Elternbeiratssitzung mit Powerpoint-Präsentationen vor.

Die Kinder fragen, warum sie keinen „richtigen Job“ hat

Oder eine Frau wie Astrid Peisch, die in Amerika Kunst studiert und in London für den berühmten Werber und Kunstsammler Charles Saatchi gearbeitet hat, bevor sie drei Kinder bekam und nun seit Jahren an drei Vormittagen in der Kronberg Academy das international anerkannte Cello-Festival vorbereitet - ohne Entgelt. Ohne Helfer wie sie könnte der gemeinnützige Verein die Jungtalente aus aller Welt gar nicht nach Kronberg holen. Sie sei wie viele Frauen hier „in der überaus glücklichen Situation, nicht arbeiten zu müssen“, sagt Peisch, eine schmale, zurückhaltende Frau Ende 40. Nur ihre drei, inzwischen fast erwachsenen Kinder, können nicht verstehen, dass sie sich keinen „richtigen“ Job sucht. Sie selbst hat sich diese Frage nie gestellt, ihr Mann auch nicht. Denn Geld ist nicht das Problem in diesen Familien.

Die Männer haben sich hochgearbeitet, in die Führungsetagen der hier angesiedelten Konzerne wie Procter&Gamble, als Berater von Accenture, die in Kronberg den Hauptstützpunkt haben, in den Bankentürmen unten in Frankfurt. Als Manager, Anwälte oder Verwalter von Milliarden-Fonds verdienen sie mehr, als die Haushilfen und Gärtner sich es überhaupt vorstellen können. Die Frauen halten den Helden derweil den Rücken frei. „Zwei Fulltime-Jobs, das lässt sich nicht vereinbaren“, sagt die ehemalige McKinsey-Beraterin Isabel Bonacker. Da gehe zu viel verloren an Familienleben. Und außerdem wäre jeder Job lächerlich im Vergleich zu ihrem Mann. Die quirlige Frau war fünf Jahre lang bei McKinsey, ihr Leben war im Viertelstunden-Rhythmus getaktet. Sie hat gut verdient, hatte Verantwortung. Und sie hat es genossen - bis zum ersten Kind. Nach der Geburt, vor sechzehn Jahren, stieg sie aus.

Bevor es jemand macht, der es schlechter kann, tut sie es lieber selbst

Ihr Mann stieg weiter auf, erst als Investmentbanker bei Lehman, heute in der Commerzbank, „als rechte Hand von Martin Blessing“, dem Vorstandsvorsitzenden. Die Familie lebt auf einem traumhaften Anwesen in Kronberg, monetäre Sorgen haben sich erledigt, die Frage des Geldverdienens hat sich für Frau Bonacker nie wieder gestellt. Untätig ist sie deshalb nicht, im Gegenteil. Sie zückt das iPhone, auf dem sie ihre Termine präzise verwaltet. Im Prinzip ist sie eingespannt wie früher, bis in die „Tagesrandstunden hinein“, wie sie sagt - nur jetzt eben für den guten Zweck. Für die Organisation Ashoka sucht sie nach Investoren, Financiers und Schirmherren für soziale Jungunternehmer. Auf ihrer Visitenkarte steht „Leitung Frankfurt und Support Netzwerk“. Sie reist viel und tippt auch nachts noch Exposés - alles auf 400-Euro-Basis. Eine Aufwandsentschädigung, nicht mehr. „Ich kann nicht Geld einsammeln, um es mir dann als Gehalt auszuzahlen“, sagt Bonacker. Sie braucht das Geld nicht. Ob 400 oder 3000 Euro Zusatzverdienst, das spielt im Etat der Familie keine Rolle.

Für elitäre Hobbys wie Reiten oder Golf bleibt ihr keine Zeit. Allein die Doppelkopfrunde ist ihr heilig und das Joggen, morgens um sechs. Überall mischt Bonacker mit. „Ich bin so gestrickt, ich kann nicht anders.“ Für den Förderverein bereitet sie den nächsten Basar vor, der Elternbeirat tagt, ebenso der Kirchenvorstand. Die Tochter muss sie beim Ballett abholen und danach die Kommunionkinder unterrichten. „Das könnten andere sicher besser als ich“, kokettiert sie. Aber bevor es jemand macht, der es schlechter kann, tut sie es lieber selbst. Schließlich geht es um ihre Kinder. Die Förderung des Nachwuchses, das genießt höchste Priorität unter den Kronberger Frauen. Da lassen sich die Mütter nur ungern reinreden von Lehrern oder anderen. Die Wahl der richtigen Schule ist von kaum zu überbietender Tragweite: Schickt man die Kinder auf eine staatliche Schule am Ort, damit sie in einem „normalen Umfeld!“ aufwachsen? Karrt man sie zu einer Privatschule in der Nähe, oder soll es doch ein Internat sein?

„Soziales Engagement tut keiner von uns weh“

Die Kinder der von Knebels sind auf verschiedene Schulen verteilt, vom öffentlichen Gymnasium bis zum Musikinternat in Dresden. „Man muss genau gucken, welche Schulform zum Kind passt“, meint die Mutter. Aber wer hat das richtige pädagogische Konzept? Die private „Phorms AG“ in Steinbach, die katholische Mädchenschule in Königstein, die International School, die ganz andere Waldorf-Schule oder doch eher die Montessorischule? Letztere haben die Kronberger Mütter eigens gegründet, weil ihnen das Angebot vor Ort nicht zusagte. Bis heute betreiben sie die Verwaltung der Schule ehrenamtlich. Etwa 500 Euro zahlen die Eltern hier im Monat, persönlicher Einsatz wird vorausgesetzt, ansonsten erhöht sich die Rate. Andere Privatschulen kosten noch mehr, doch das Investment zahle sich aus, heißt es in Kronberg.

„Taunus-Mamis“ nennt man die Frauen unten in Frankfurt gerne spöttisch. Mütter, die ihre Kinder händchenhaltend zum Abitur führen und nebenher ein bisschen golfen und ansonsten in Charity machen. „Diese Kritik bekommen wir oft zu hören“, sagt die Gattin eines stadtbekannten Top-Bankers. „Es stimmt ja auch, soziales Engagement tut keiner von uns weh: Wir verzichten auf nichts.“ Die Frau, die einst in New York und London die eigene Karriere vorangetrieben hat, hörte nach dem dritten (von inzwischen fünf) Kindern auf zu arbeiten. Heute hilft sie Problemschülern an einer Frankfurter Hauptschule. Einmal in der Woche paukt sie als Mentorin mit den Schülern Englisch-Vokabeln, daneben versucht sie, deren familiäre Probleme zu glätten. In einem Fall war die Situation so vertrackt, dass sie einen Jugendlichen zu sich genommen hat. Vor drei Jahren war das. Der Junge stand vor dem nichts. Heute ist er 18, lernt für das Fachabitur und lebt noch immer in der Bankiersfamilie. Als Heldentat verbucht die Banker-Gattin das nicht, eher als lehrreiches Korrektiv für ihre eigenen Kinder. „Die lernen viel von Paul und wissen, dass es ein anderes Leben gibt als das unsere.“

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Jahrgang 1970, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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