12.04.2010 · Der Krach aus dem Cockpit der Lufthansa-Piloten ist kein übliches Tarifritual, in dem mit dem Management um die letzten Lohnprozente gerungen wird - es geht um viel mehr. Denn die Welt um die Lufthansa herum ändert sich in dramatischer Weise, die Wettbewerber bündeln ihre Kräfte.
Von Ulrich FrieseDie Piloten der Lufthansa suchen nun schon seit Wochen Streit und Streik. Verständnis finden sie dafür weder in der Konzernführung, noch in der Öffentlichkeit, noch vor Gericht. Doch der Konflikt, der jetzt vernünftigerweise in die Schlichtung geht, ist noch lange nicht ausgestanden. Der Krach aus dem Cockpit ist nämlich kein übliches Tarifritual, in dem mit dem Management um die letzten Lohnprozente gerungen wird. Es geht um viel mehr, um alte Verträge und eine gemeinsame Zukunft, um Misstrauen gegenüber den Versprechen des Vorstands und um betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten. Die Welt um die Lufthansa herum ändert sich in dramatischer Weise, die Wettbewerber bündeln ihre Kräfte.
Erst verkündete British Airways, dass der geplante Zusammenschluss mit dem Konkurrenten Iberia endlich perfekt sei. Damit rückt das britisch-spanische Duo in Europa zur dritten Kraft hinter Lufthansa und Air France-KLM auf. Dann wurde in den Vereinigten Staaten bekannt, dass die Lufthansa-Partner United Airlines und US Airways wohl eine Fusion erwägen. Führen die Verhandlungen zum Erfolg, könnte sich auch in der Übersee-Region ein dritter Anbieter neben den Rivalen Delta Air und American Airlines formieren.
Um mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, schob die Lufthansa eine Serie von Zukäufen an: Swiss, Brussels Airlines, Österreichs AUA oder British Midland gehören jetzt zum „Airline-Verbund“. Doch mit den Folgen des Einkaufsreigens hadern seitdem die 4500 Piloten, die im Lufthansa-Konzern unter Vertrag stehen. Die frisch erworbenen Tochtergesellschaften sowie die unlängst gegründete „Lufthansa Italia“ treten mit der Muttergesellschaft europaweit im Wettbewerb um Kunden und Marktanteile an.
Zwangsläufig verschärft diese Konkurrenz den Kostendruck und erhöht die Transparenz, vor allem was das Gehaltsgefüge der Piloten im Konzern-verbund angeht. Doch spätestens nach diesem Vergleich steht der „Konzern-Tarifvertrag“, der den gut bezahlten und gesicherten Lufthansa-Piloten Sonderrechte garantiert und eine Verlagerung von Arbeitsplätzen an billigere Tochtergesellschaften verhindert, auf dem Prüfstand.
Der derzeitige „Burgfrieden“ löst nicht den grundsätzlichen Konflikt
Die einflussreiche Piloten-Gewerkschaft stemmt sich gegen eine Anpassung des 1992 ausgehandelten Regelwerks, indem sie seit Februar mit Arbeitskämpfen drohte. Der ursprünglich für den morgigen Dienstag anberaumte Ausstand wurde quasi in letzter Minute abgewendet, weil sich Führung und Gewerkschaft nach zähem Ringen auf ein Schlichtungsverfahren einigten. Doch mit diesem „Burgfrieden“ ist der grundlegende Konflikt, der weit über die Fragen von Gehalt oder Arbeits-bedingungen hinausgeht, allenfalls entschärft. Offen bleibt, wie eine tragfähige Geschäftsgrundlage für den 18 Jahre alten Konzern-Tarifvertrag aussehen soll.
Geht es nach dem Anspruch der Gewerkschaft, sollen in allen Maschinen mit dem Lufthansa-Logo die deutschen Tarifbedingungen gelten. Danach kämen etwa bei „Lufthansa Italia“, die ausschließlich Strecken im Ausland bedient, auch weiterhin Piloten aus Deutschland zum Einsatz. Die Lufthansa-Führung möchte jedoch diese Cockpits mit Piloten der Tochtergesellschaft „Air Dolomiti“ besetzen, die ein Drittel weniger verdienen als die Kollegen aus Frankfurt.
Gelingt es beiden Parteien nicht, die strittigen Punkte binnen Monaten auszuräumen und das Regelwerk bis Jahresende anzupassen, will der Vorstand den Konzern-Tarifvertrag abschaffen. „Ab dann gelten für die Piloten die gleichen Rechte wie für die übrigen Beschäftigten“, bringt Christoph Franz, der für die Lufthansa zuständige Konzern-Vorstand, die Lage auf den Punkt. Für die Gewerkschaft wäre das allerdings ein Affront, der zur Drohung weiterer Arbeitskämpfe führen würde.
Die Frage nach deutschem Tarifrecht wird bald eher nachrangig sein
Mit Franz steht seit einem Jahr ein Mann an der Spitze des Geschäftsbereichs „Passage“, der Mut zu radikalen Reformen bewiesen hat. Vor seinem Antritt in Frankfurt sanierte er mit tiefen Schnitten bei Personal und Kosten die in Konkurs gegangene „Swiss“, die heute der wichtigste Gewinnbringer im Lufthansa-Konzern ist. Ob Franz nach ähnlichem Muster die defizitäre Lufthansa wieder auf Kurs bringen kann, bezweifeln Kritiker. Er nehme auf Empfindsamkeiten in der Belegschaft des ehemaligen Staatskonzerns, den Spötter als „brisante Mischung aus Polit- und Pilotenbüro“ umschreiben, kaum Rücksicht.
Wenige Wochen nach Dienstbeginn kündigte Franz ein Sparprogramm in Milliardenhöhe an und deckte in einem internen Rundschreiben an die Mitarbeiter die Schwächen seines neuen Arbeitsgebers auf. Die Lufthansa verdiene im laufenden Geschäft ihre Kosten nicht mehr. Sie habe jahrelang den Wettbewerb unterschätzt und müsse daher ihr Geschäftsmodell überarbeiten, hieß es in dem Brief.
Dabei erfolgt der Umbau der Lufthansa zu einem Zeitpunkt, in dem sich die gesamte Luftfahrt im Umbruch befindet. Einerseits erhöht die globale Wirtschaftskrise, die zu kräftigen Buchungsrückgängen bei Geschäftsreisenden führt, den Kostendruck. Zum anderen machen den traditionellen Anbietern der Siegeszug der Billigflieger in Europa sowie im lukrativen Langstrecken-Geschäft die Erfolge der staatlich subventionierten Konkurrenten aus den Golfstaaten schwer zu schaffen.
Mit weiteren Kostenschüben müssen die Anbieter rechnen, wenn sich die Konsolidierung der Luftfahrt auf globaler Ebene fortsetzt. Bislang fanden Übernahmen wegen politischer Barrieren ausschließlich innerhalb Europas oder Nordamerikas statt. Setzen die Politiker in Brüssel und Washington ihre Pläne endlich um, ihre Luftverkehrsmärkte zu öffnen und Beteiligungen ohne Einschränkung zu erlauben, dürften Fusionen über Kontinente hinweg zur Normalität werden. Die Frage, ob deutsches Tarifrecht im Ausland gilt, ist in diesem Szenario eher nachrangig.
.... ja, es muss endlich gespart werden! Dies liese sich natürlich ....
Rüdiger Noll (krn)
- 12.04.2010, 10:57 Uhr
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