Eigentlich führen Profis Tarifverhandlungen. Sie kennen alle Tricks und Kniffe, sprechen eine besondere Sprache, nämlich Tarifchinesisch, und tun das nicht öffentlich, sondern immer geheim. Der Streik kündigt den Höhepunkt an, die Einigung.
Für das Publikum gibt es am Ende ein Ritual: Nach langem Ringen präsentieren übernächtigte, aber glückliche Tarifpartner ihre erfolgreichen Abschlüsse. Die Politik schaut zu und freut sich mal mehr, mal weniger über das Ergebnis.
Alles anders
Bei der Bahn ist alles anders. Hier werden die Verhandlungen öffentlich geführt, dafür aber reden die Tarifpartner kaum miteinander. Unterdessen spürt die Öffentlichkeit zuerst die Folgen des Streiks, ohne dass eine Ende in Sicht wäre. Auch Politiker mischen mit. Einige wollen mit Gesetzen gegen den Streik vorgehen, haben aber die Verfassung nicht gelesen.
Andere machen sich zum Sprecher der Bahn, wie jetzt wieder der Verkehrsminister, der für das Unternehmen ein neues Angebot ankündigte. Und Fernsehzuschauer hatten zuvor das seltene Glück, in einer Talkrunde am Sonntagabend die Tarifverhandlung zwischen Bahnvorstand und Lokführergewerkschaft am Bildschirm zu verfolgen. Wieder einmal hat die GDL Ratlosigkeit zurückgelassen, weil man nicht weiß, was die Freunde vom Lokführerverein wirklich wollen.
Koordinierung ist nötig
Angeblich bietet die Bahn der GDL einen weitgehend eigenständigen Tarifvertrag an. Auch beim Gehalt ist mit einer Erhöhung von 4,5 Prozent das letzte Wort noch lange nicht gesprochen. Und die Lokführer pochen nicht mehr auf einen Zuschlag von 31 Prozent, sondern wären auch mit einem kleinen zweistelligen Zuwachs zufrieden. Warum ist dann keine Einigung möglich, nach dem Motto: je mehr Eigenständigkeit, desto kleiner der Lohnzuwachs?
Die Bahn weiß, dass die Belegschaft nach der Privatisierung mehr als zehn Jahren lang Verzicht geübt hat und in besseren Zeiten die Gehälter nun auf einer Lohntreppe nach oben geführt werden müssen. Die Lokführer wissen, dass sie nur eine von vielen Berufsgruppen in der Bahn sind, die ihre Gehälter, Arbeitszeiten, Sozialleistungen und Tariflaufzeiten aufeinander abstimmen müssen. Dazu ist die Koordinierung der Tarifverträge der drei Bahngewerkschaften nötig. Was fehlt, ist der Wille zur Einigung.
Glück und Verstand wünschen
Jörg Beckmann (JLEBeckmann)
- 19.11.2007, 22:38 Uhr
Unvollständige Medienberichte
Moritz Willburger (Batschake)
- 20.11.2007, 12:39 Uhr