Ob im öffentlichen Dienst, in der Chemie- oder Metallindustrie - in den Tarifrunden dieses Jahres sitzen die Gewerkschaften am längeren Hebel. Selbst für den Fall, dass sich die Konjunktur schneller und stärker eintrübt als erwartet, müssen sie um ihre Verhandlungsmacht nicht fürchten. Selten war der politische Rückhalt für sie so offen und stark wie heute. Unter dem Druck der Linken buhlen SPD und Union um die Gunst der Arbeitnehmervertreter.
Die von der Regierung mit Blick auf die Landtagswahlen Ende Januar vom Zaun gebrochene Debatte um den „gerechten“ Lohn spielt den Gewerkschaften in die Hände. Denn selbst führende Koalitionspolitiker fördern mit Bemerkungen zur angeblichen Unschädlichkeit von Mindestlöhnen den Eindruck, die Lohnhöhe stehe im willkürlichen Ermessen der Unternehmer.
Doch Löhne müssen am Markt erwirtschaftet werden, der Wettbewerb entscheidet über die Einkommen. Gegen eine Politik, die das in Frage stellt und die Gewerkschaften ermuntert, Tariflöhne stärker anzuheben, als es die Produktivität erlaubt, werden sich die Arbeitgeber nicht groß wehren: Sie werden hohe Zugeständnisse heute durch Arbeitsplatzabbau morgen ausgleichen.