15.01.2008 · Deutschland atmet auf: Bei der Bahn gibt es endlich eine Einigung. Doch der politische Beifall über den Tiefensee-Kompromiss könnte verfrüht sein. Denn herausgekommen ist eine Scheinlösung. Der nächste Konflikt ist im Tarifrahmen der Bahn schon angelegt.
Von Holger SteltznerMusste für dieses Tarifergebnis monatelang gestritten und die Bahn bestreikt werden? Elf Prozent mehr Geld und eine Stunde weniger Arbeit in der Woche sind nicht das, wovon die Lokführer geträumt hatten, als sie mit Gehaltsforderungen von mehr als dreißig Prozent antraten.
Die Bahn weiß, dass die Belegschaft nach der Privatisierung mehr als zehn Jahre lang Verzicht geübt hat und dass eine deutliche Anpassung der Gehälter nach oben mehr als überfällig war. Das gilt für alle Beschäftigen des Unternehmens, nicht nur für die Lokführer. Einen kleinen zweistelligen Anstieg der Gehälter stellte die Bahn den drei Bahngewerkschaften schon lange in Aussicht. Gemessen am Geld, hat sich dieser merkwürdige Tarifkonflikt also nicht gelohnt.
Ziel nur auf dem Papier erreicht
Hat die Gewerkschaft GDL ihr Hauptziel, einen eigenständigen Tarifvertrag, erreicht? Nur auf dem Papier. Die GDL darf zwar künftig für alle Lokführer der Bahn über Arbeitszeit und Entgelt verhandeln. Es wird im Konzern also keine Unterschiede im Gehalt oder in der Arbeitszeit innerhalb dieser Berufsgruppe geben. Das ist sinnvoll für alle Beteiligten. Richtig ist auch, dass Laufzeit und Kündigungsfristen der drei Tarifverträge aufeinander abgestimmt werden müssen. Dadurch wird vermieden, dass die Konkurrenz der Gewerkschaften das Unternehmen lähmt.
Die Lokführer dürfen keine eigenen Lohnforderungen mehr stellen, sondern müssen sich künftig mit den anderen beiden Gewerkschaften abstimmen. Können sich die drei nicht einigen, soll ein Schlichter angerufen werden. So stellt sich das zumindest die Bahn vor, die schon immer für ein solches Modell scheinbarer Eigenständigkeit geworben hat. Die Gewerkschaften werden bei der kniffligen Frage, ob sie sich darauf einlassen wollen, sehr einsilbig. Auch sie fragen sich, was daran eigentlich eigenständig ist.
Der Beifall könnte verfrüht sein
Für die Lokführer könnte also vor der nächsten Lohnforderung eine Schlichtung stehen. Normalerweise läuft das andersherum. Wahrscheinlich wird der Tarifvertrag nicht noch daran scheitern.
Der politische Beifall über den von Verkehrsminister Tiefensee herbeigeführten Kompromiss könnte allerdings verfrüht sein. Denn herausgekommen ist eine Scheinlösung. Der nächste Konflikt ist im Tarifrahmen der Bahn angelegt. Es gibt noch andere wichtige Berufsgruppen, ohne die die Bahn nicht fährt.