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Tagung zur Schuldenkrise Uns Letten sollt ihr euch zum Vorbild nehmen

16.01.2012 ·  Eine Konferenz in Bayreuth stellt griechische und baltische Positionen zur Euro-Krise gegenüber.

Von Judith Lembke
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Der Kontrast hätte schärfer kaum sein können. Auf die Präsentation des griechischen Wirtschaftswissenschaftlers Thanos Skouras über die öffentliche Meinung in seiner Heimat zur Krise im Euro-Raum folgten die Ausführungen zweier Wissenschaftler aus den baltischen Staaten. Die Konferenz mit dem Titel „Der Euro - eine griechische Tragödie oder Europas Schicksal?“ an der Universität Bayreuth hatte zum Ziel, die ökonomischen, historischen und legalen Aspekte der Gemeinschaftswährung zu beleuchten. Dass der Blickwinkel der Fachleute in der Regel ein nationaler war, führte zu emotionalen Diskussionen - insbesondere dann, wenn es um den Umgang mit dem von der Staatspleite bedrohten Griechenland ging. Skouras hob in seinem Vortrag die Schwierigkeiten einer internen Abwertung hervor und warb um Verständnis für die tiefe Frustration, die Lohn- und Rentenkürzungen sowie Steuererhöhungen bei der griechischen Bevölkerung hervorrufen. Zur Lösung des Problems forderte er, die Europäische Zentralbank (EZB) solle als Kreditgeber letzter Instanz den hochverschuldeten Mitgliedstaaten der Währungsunion beispringen.

Unterdessen konnten die Ökonomen Morten Hansen von der Stockholm School of Economics im lettischen Riga und Karsten Staehr von der Technischen Universität im estnischen Tallinn auf die Erfahrungen in Ländern verweisen, die ihre Staatsschulden erst kürzlich erfolgreich abbauen konnten. Seit Beginn des neuen Jahrtausends gehörten Lettland und Estland zu den Staaten mit den stärksten Wachstumsraten in der Europäischen Union. Morten Hansen schilderte, die lettische Wirtschaft sei vor der Finanzkrise "völlig überhitzt" gewesen. Ein leergefegter Arbeitsmarkt, starke Lohnsteigerungen und eine große Kreditausweitung waren Begleiterscheinungen des Booms. Zudem habe die Regierung eine unverantwortliche prozyklische Fiskalpolitik betrieben.

Dann kam der jähe Fall: Nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 gerieten auch lettische Banken ins Wanken, das Land suchte Schutz bei EU und Internationalem Währungsfonds. Auf den harten Sparkurs der Regierung folgte eine interne Abwertung. Die Arbeitslosigkeit stieg innerhalb weniger Monate auf knapp 20 Prozent, die Löhne sanken um ein Drittel, die Inflation ging stark zurück. „Ich kenne kein anderes Land - außer vielleicht Estland -, dass in so kurzer Zeit solche Anpassungen verkraftet hat“, sagte Hansen. Proteste gegen die Maßnahmen gab es kaum.

Umsichtige Ausgabenpolitik auch in schwieriger Lage möglich

Als Voraussetzung für die erfolgreiche interne Abwertung nannte Hansen die hohe Flexibilität des lettischen Arbeitsmarktes, fehlende Gewerkschaften sowie die Erinnerung der Letten an eine wirtschaftliche Vergangenheit, die noch sehr viel schlechter gewesen sei als die Gegenwart.

Karsten Staehr hob am estnischen Beispiel hervor, dass das Land es geschafft habe, 2009 inmitten schwerer wirtschaftlicher Krise die Maastricht-Konvergenzkriterien zu erfüllen, so dass es im Januar 2011 den Euro einführen konnte. Als Lektion aus der Krise nannte Staehr, dass eine umsichtige Ausgabenpolitik auch in schwieriger Lage möglich sei. „Die Fiskalpolitik sollte nicht immer gleich einspringen, wenn es Probleme gibt“, sagte der Wirtschaftswissenschaftler.

In ihrem Vortrag über die französische Sicht auf die Krise wies Agnès Bénassy-Quéré von der Pariser Sorbonne darauf hin, dass die Krise des Euroraums nicht nur eine Schulden-, sondern auch eine Bankenkrise sei. Zur ihrer Lösung sei eine Reduzierung der Bankrisiken nötig sowie deren Bündelung bei einer europäischen Institution. Eine weitere Möglichkeit könnten auch Eurobonds sein, allerdings nur unter der Bedingung einer stärkeren politischen Integration. „Das größte Hindernis einer Krisenlösung ist politisch, nämlich die Frage, ob die Bürger mehr Integration wollen", so Bénassy-Quéré. Um eine stärkere Integration einiger Länder voranzubringen, müsste es auch möglich sein, dass Länder aus der Währungsunion ausscheiden. Dem widersprach der niederländische Wirtschaftswissenschaftler Clemens Kool: „Wenn einige Länder die Währungsunion verlassen, um die Integration der anderen voranzutreiben, wird das Ansteckungsrisiko erhöht und spekulative Attacken nehmen zu“, sagte er. Zudem büße die Währungsunion ihre Glaubwürdigkeit ein.

EZB legt Axt an Stabilität

Manfred Neumann von der Universität Bonn wiederum negierte in seinem Vortrag zum deutschen Standpunkt, dass die gegenwärtige Krise eine der Gemeinschaftswährung sei. „Es handelt sich um eine Schuldenkrise einzelner Staaten, nicht um ein Problem des Euro“, sagte Neumann. Er verwies auf die erfolgreiche Politik der EZB im vergangenen Jahrzehnt, als diese ihre Hauptaufgabe, die Wahrung der Währungsstabilität, ausgezeichnet erfüllt habe. Mit den Käufen von Staatsanleihen hochverschuldeter Euroländer habe Jean-Claude Trichet „die Axt an die Grundlagen dieser Stabilität“ gelegt. Besonders scharf kritisierte Neumann auch, dass die EZB durch ihr Kaufprogramm die Risiken von privaten Gläubigern auf den Steuerzahler abgewälzt habe. Da die Akteure in der EZB nicht vom Volk gewählt seien, stehe dieser Vorgang „in tiefem Konflikt mit den Regeln der demokratischen Repräsentation“. Auch die Idee von Eurobonds lehnte Neumann entschieden ab. Als Lösung schlug der Bonner Wirtschaftswissenschaftler einen Austritt Griechenlands aus der Währungsunion vor. Die Griechen bräuchten eine Abwertung von 25 bis 30 Prozent. „Ich sehe nicht, wie sie das allein durch hartes Sparen erreichen könnten“, so Neumann.

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft.

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