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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tabakkonsum Die Freiheit des Rauchers

 ·  Verbote und Steuern zeigen Wirkung, vor allem bei jungen Leuten. Für Liberale ist das schwer zu schlucken.

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© dapd Der Tabakindustrie geht in Deutschland das Publikum verloren

Selten hat die Politik so geschickt in die Dispositionsfreiheit von Unternehmen und Konsumenten eingegriffen wie beim Rauchen. Seit Jahren drängt sie den Tabakkonsum durch gezielte Verbote, Steuererhöhungen und Marketingkampagnen zurück. Heute muss man resümieren: Sie hatte durchschlagenden Erfolg.

Die Firma Reemtsma konstatiert nüchtern, seit einigen Jahren sei der Tabakmarkt in Deutschland konstant rückläufig. Das Unternehmen nennt auch Gründe hierfür: die dreimalige Erhöhung der Tabaksteuer zwischen 2002 und 2005, Rauchverbote und eine veränderte Altersstruktur der Raucher.

Nicht, dass Reemtsma jetzt schon zu stark darunter litte: Die Hamburger meldeten zuletzt einen Rekordumsatz von rund einer Milliarde Euro und eine Umsatzrendite von 50 Prozent, für die Josef Ackermann geächtet würde.

Doch mittelfristig dürften sich die Zigarettenkonzerne schon Sorgen machen. Denn ihre strategisch wichtigste Verbrauchergruppe hat sich in den vergangenen zehn Jahren nahezu halbiert. Die Raucherquote unter den Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren ist auf einen neuen historischen Tiefstand gesunken. 2001 griffen 27,5 Prozent der Jugendlichen zur Zigarette, heute sind es 11,7 Prozent. Auch die nächstältere Generationskohorte hält sich immer mehr zurück. Unter jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren ging der Anteil der Raucher in derselben Zeitspanne von 44,5 Prozent auf 36,8 Prozent zurück.

Parallel zu dieser Entwicklung ist die Zahl der jungen Menschen, die noch nie im Leben geraucht haben, weiter gestiegen. Unter den 12- bis 17-Jährigen hat sich ihr Anteil binnen zehn Jahren von 40,5 Prozent auf 70,8 Prozent erhöht.

Eine historische Zeitenwende

Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung, das wenig Spielraum für andere Erklärungen lässt, als dass die Eingriffe der Politik Wirkung gezeigt haben. Zu Recht spricht die Bundeszentrale von einer historischen Zeitenwende.

Für die Tabakindustrie ist das ein herber Schlag. Denn die Resultate dokumentieren, dass ihr in Deutschland und womöglich in ganz Europa das Publikum von morgen verlorengegangen ist.

Man darf die Entwicklung mit Wohlgefallen zur Kenntnis nehmen, doch Liberale werden sich trotzdem zu Recht fragen, ob die staatliche Verfolgung des Rauchens gerechtfertigt ist.

Nun sind Kauf und Verbrauch von Zigaretten eine Variante des Konsums, die gewisse Eigenarten hat. Wer in jungen Jahren anfängt, bleibt besonders lange Raucher. Das Fundament für Raucherkarrieren wird früh gelegt. Wer erst als Erwachsener einsteigt, kann schneller wieder aufhören. Deshalb hat die Industrie monetäre Anreize, Kinder zu verführen.

Die staatlichen Eingriffe in die Freiheit sind gerechtfertigt

Zugleich ist die Entscheidung von Kindern und Jugendlichen, mit dem Rauchen zu beginnen, eine der kostspieligsten Entscheidungen ihres Lebens. Sie ist mit Krankheiten und einem Verlust von rund 13 Prozent der Lebenszeit verbunden. Die interessanteste Besonderheit des Konsumguts Zigarette ist aber, dass die Leute sich für den Konsum hassen. Mehr als 80 Prozent der Zigarettenraucher bereuen die Entscheidung, mit dem Rauchen begonnen zu haben. Das unterscheidet die Zigarette vom MP3-Player und den meisten anderen Konsumgütern.

Die staatlichen Eingriffe in die Freiheit sind gerechtfertigt, weil sie Jugendliche schützen, die schutzbedürftig sind. Sie sind zweitens legitimiert, weil sie offenkundig funktionieren. Die Industrie verweist zwar gerne auf den wachsenden Schmuggelmarkt, der trotz beachtlicher Größe jedoch kaum Einfluss auf den Konsum junger Leute zu haben scheint. Junge Nichtraucher sind vermutlich am Ende freier als ihre rauchenden Altersgenossen.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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