Die Kollegen in Deutschland staunen über die klare Botschaft, die der Unternehmer Michael Stoschek von seinen Reisen mitbrachte: Sie sollten einen genauen Blick auf Südkorea werfen, rät er. Wirtschaft und Unternehmen des ostasiatischen Landes seien nicht nur die härtesten künftigen Wettbewerber, sondern auch ein Vorbild für die Deutschen. Dem Vorsitzenden der Gesellschafterversammlung des deutschen Autozulieferers Brose fällt auf, dass die südkoreanische Wirtschaft bei ihrer beeindruckenden Wachstumsgeschichte nicht mehr nur auf Billigware setze, „sondern auf höchste Qualität, auf modernste Technologien, aber auch auf Kreativität und Kultur“, sagte er auf dem Neujahrstreffen der Industrie- und Handelskammer für Oberfranken.
Südkoreas boomende Wirtschaft eilt von Rekord zu Rekord, während die neue Führung des verarmten kommunistischen Nordkoreas überlegt, mit einer Öffnung der Wirtschaft den Hunger der darbenden Bevölkerung zu mindern. Noch in den fünfziger Jahren, nach dem Ende des Korea-Kriegs, war der agrarische Süden das Armenhaus Ostasiens.
Einzelne Konzerne bilden Basis für Erfolg
Ausgerechnet ein Militärdiktator hat die Samen für die Früchte gesät, die Südkorea erntet: General Park Chun-hee eroberte die Macht 1961 mit einem Putsch, regierte das Land bis 1979 mit brutaler Unterdrückung und setzte auf Wohlstand durch Export. Er förderte handverlesene, loyale Familienunternehmen, die bis heute in Industriekonglomeraten die Wirtschaft des Landes beherrschen. Diktator Park glaubte an den Staat und nicht an den Markt. Südkorea folgte einer Planwirtschaft nach japanischem Vorbild: Der Staat bestimmt, welche Industrien er fördert, und schützt die heimischen Unternehmen vor Wettbewerb.
Nur einige wenige Großkonzerne bilden die Basis des wirtschaftlichen Erfolgs, die bis heute von den Gründerfamilien aus der Park-Ära kontrolliert werden. Die 60 großen Konglomerate des Landes, auf koreanisch Chaebol - „reiche Clans“ - genannt, erwirtschaften mehr als zwei Drittel des südkoreanischen Bruttoinlandsprodukts, beschäftigen aber nur ein Zwanzigstel der Erwerbstätigen.
Doch die Chaebol, von denen Samsung und Hyundai wohl die im Westen bekanntesten sind, garantieren bis heute den wirtschaftlichen Aufstieg Südkoreas. Kein Land ist so gut durch die internationale Finanzkrise gekommen wie Südkorea. Für dieses Jahr hat das exportabhängige Land die Zahlen von 4 auf 3 Prozent gesenkt. Die viertgrößte Volkswirtschaft Asiens nach China, Japan und Indien wächst jedoch immer noch stärker als die meisten anderen vergleichbaren Länder.
Als Produkte eines Staatskapitalismus, wie er liberalen Ökonomen ein Greuel sein muss, haben Politik und ehrgeizige Unternehmer diese wenigen Unternehmen zu internationalen Konzernen gemacht, die heute vom Schiffbau bis zu Smartphones die Weltmärkte beherrschen. Immer wieder schaltete die Politik bei diesem Höhenflug den Wettbewerb aus. Als der Gründer von Samsung, Lee Byung-chull, sich Ende der sechziger Jahre anschickte, mit einem veralteten Schwarzweißfernseher ins Elektrogeschäft einzusteigen, verbot Diktator Park schlicht die Einfuhr von Farbfernsehern. Samsung ist heute Weltmarktführer bei Smartphones und Fernsehern, stark bei Chips - und strebt an, schon bald auch bei Haushaltsgeräten, und in der Medizintechnik Nummer eins auf der Welt zu werden.
Auch Autohersteller Hyundai erhielt früh Hilfe: Während die Politik den Heimatmarkt vor ausländischer Konkurrenz abschottete, begann das Unternehmen 1974 mit seinem Auto „Pony“ über den Preis die Märkte zu erobern. Billigautos standen zwar am Anfang, heute fordert Hyundai die internationalen Markennamen aus Deutschland wie BMW, Volkswagen und Daimler-Benz heraus. Der Wettbewerb erfolge nicht mehr über den Preis, sagte der Hyundai-Vorstand für Auslandsmärkte, William Lee, dieser Zeitung. Im vergangenen Jahr gehörten Kia, der zu Hyundai gehört, mit einem Plus von 30,3 Prozent und Hyundai mit einem Plus von 16,1 Prozent mit Abstand zu den Gewinnern auf dem Automarkt.
Geballte politische Macht
Noch immer sind Produkte aus Südkorea über den Preis attraktiv, doch auch in der Qualität unterscheidet sich nichts mehr. Fast 5000 Patente haben Unternehmen aus Südkorea 2011 beim Europäischen Patentamt angemeldet - nur die Zahlen aus den Vereinigten Staaten, aus Japan und aus Deutschland waren größer. Der Staat fördert Start-ups in Zukunftsindustrien - fest davon überzeugt, dass gute staatliche Planung besser ist als das freie Spiel des Markts. Anders als Japan hat sich Südkorea entschieden, das Land zu öffnen, was den Innovationsdruck erhöht. Seit 2003 wurden 8 Freihandelsabkommen mit 45 Ländern abgeschlossen.
Doch dass der südkoreanische Erfolg gewaltige Schatten wirft, sehen die Südkoreaner immer mehr. In den Chaebols ballen sich riesige politische Macht und immenser Reichtum. Diese Wirtschaftselite tut alles, um Wettbewerb auf dem Heimatmarkt zu verhindern. Je mehr die mächtigen Familien sich in Branchen wie Bäckereien und Mode engagieren, desto schwieriger wird die Lage für die kleinen Unternehmen. Dem Erfolg der Konzerne stehen eine schwache Binnennachfrage und eine hohe private Verschuldung gegenüber.
Es fehlt soziale Gerechtigkeit
Als Park Geun-hye im Dezember zur neuen Präsidentin gewählt wurde, spielte im Wahlkampf die „Demokratisierung der Wirtschaft“ eine zentrale Rolle. Park Geun-hye ist die Tochter des einstigen Diktators Park und soll nun die Macht der Unternehmerdynastien beschneiden.
„Die Menschen sagen, dass dieses Land und seine Wirtschaft gewachsen ist, dass ihr Leben aber nicht besser geworden und ihr Glück nicht gewachsen ist“, sagte sie nach ihrer Wahl. Doch Park wird es kaum wagen, den Einfluss der Konzerne gesetzlich zu beschränken. Ob sie es schafft, die wachsenden sozialen Spannungen einzudämmen und gleichzeitig die wirtschaftliche Dynamik zu erhalten, wird darüber entscheiden, wie weit Südkorea wirklich zum Vorbild taugt.
Etwas fehlt
Ronald Gruenebaum (bruxman)
- 14.01.2013, 15:41 Uhr
Überall das Selbe
joachim tarasenko (truthful)
- 14.01.2013, 13:13 Uhr