Home
http://www.faz.net/-gqe-71cwa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Südafrika Der Wein der guten Hoffnung

 ·  Südafrikas Winzer werden verdächtigt, ihre Landarbeiter schlecht zu behandeln. Auf Druck der Kunden in Europa geloben sie jetzt Besserung. Ein Anfang ist gemacht.

Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (0)
© Fabian Lange Landarbeiter in einem südafrikanischen Weingut

Paul Cluver hat es hinter sich. Rund hundert Hektar Land seiner Farm im Elgin Valley bei Kapstadt hat der Winzer vor 17 Jahren in ein Jointventure eingebracht, damit seine farbigen Landarbeiter das erste schwarze Weingut Südafrikas gründen konnten. Sie tauften es „Thandi“, was „Liebe“ bedeutet. Der Geschäftsführer Vernon Henn machte die Farm zum Aushängeschild des neuen Südafrikas. Heute gehört es den 250 Familien zu 55 Prozent. Warum hat Cluver Teile seiner Farm abgetreten? „Wir Landbesitzer sollten unseren Teil zum Wandel beitragen. Und das ist eben meiner“, antwortet der Mann.

In 350 Jahren Weinbaugeschichte am Kap ist der Wein zum Symbol geworden - für Wohlstand und Unterdrückung. Die riesigen Weinfarmen brauchten enorm viele Farmarbeiter, die mit ihren Familien auf den Farmen lebten und bis Mitte des 20. Jahrhunderts sogar in Wein ausgezahlt werden durften. Viele Arbeiter wurden Alkoholiker, selbst schwangere Frauen tranken, ihre Kinder erlitten schwere Schäden.

Nach dem Ende der Apartheid wurde „Black Economic Empowerment“ aus der Taufe gehoben. Im Weinbau sollen die besitzlosen Landarbeiter nun an der Wertschöpfungskette des Imageträgers Wein beteiligt werden.

Und heute? Was bei Thandi fast schon abgeschlossen ist, hat der schwarze Manager Rydal Jeftha noch vor sich: Vor zwei Jahren ist er zum Geschäftsführer von Koopmanskloof ernannt worden. Es ist eine der größten Weinfarmen in Stellenbosch und gehörte dem weißen Farmer Stevie Smit, einem stolzen Buren, der sich 2007 am Ende seines Lebens dazu entschloss, 44 Prozent seiner 500-Hektar-Weinfarm lieber einem Konsortium von Landarbeitern und farbigen Investoren zu überschreiben als seinem Sohn. Und nun steht Rydal Jeftha vor der Aufgabe, den maroden Betrieb wieder flottzumachen. Mittlerweile exportiert Jeftha bereits die ersten Fairtrade-Weine.

Ein gewaltiger Transformationsprozess

Südafrikas Weinbau steckt in einem gewaltigen Transformationsprozess. Er wird begleitet von Ängsten, Ungeduld und Herablassung: Die einen fürchten Zustände wie in Simbabwe, wo Farmer planmäßig vertrieben oder ermordet werden. Die anderen wetten auf das Scheitern der schwarzen Weinprojekte, weil den neuen Winzern Erfahrung fehle. Inzwischen produzieren Schwarze im Rahmen des Black-Empowermen-Programms zwei Prozent des südafrikanischen Weins.

Dem Phänomen schwarze Winzer wird große Aufmerksamkeit geschenkt, doch die wahren Umwälzungen erleben offenbar die Landarbeiter der Weinfarmen. Human Right Watch veröffentlichte im Herbst 2011 einen Bericht mit dem Titel: „Ripe with abuse“ (grob übersetzt: Mißbrauch bei der Reife). Dort werden in Wort und Film eklatante Missstände in der südafrikanischen Wein- und Fruchtindustrie angeprangert. Mehr als 100 000 Landarbeiter sind dem Bericht zufolge von den Farmen vertrieben worden. Es wird gezeigt, wie Farmer den Landarbeitern Trinkwasser abstellen oder die Hütten der Arbeiter abreißen, in denen sie seit Generationen hausen. Der Grund: Heute sind Tagelöhner viel billiger als residierende Farmarbeiter.

Su Birch, die Geschäftsführerin von „Wines of South Africa“ (WOSA) will den Ruf ihrer Branche wiederherstellen: „Im Bericht wurde nicht klar zwischen Wein- und Fruchtindustrie unterschieden, denn bei den Traubenproduzenten gab es nur vereinzelte Missstände.“

Erhebliche Flurschäden

Die Flurschäden der Berichte aber waren erheblich. Schweden als drittgrößter Importeur machte sofort Druck: Der staatliche Weinhandels-Monopolist verlangte die Garantie, dass kein unter menschenunwürdigen Bedingungen produzierter Wein mehr ins Land kommen dürfe.

Die Südafrikaner reagierten und präsentierten ein „Zertifizierungssystem für die ethische Nachhaltigkeit der Weinerzeugung“. „Damit wollen wir auf allen Stufen der Produktion garantieren, dass sowohl die Produzenten als auch die Traubenzulieferer die Mindeststandards einhalten“, sagt Birch. Davon sollen jene Betriebe profitieren, die sich bereits um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen bemühten. Su Birch hofft, dass sich bis Ende 2012 rund 200 Betriebe einem Screening durch eine unabhängige Organisation unterziehen und sich jährlich zertifizieren lassen - darunter alle, die nach Skandinavien liefern wollen. „So wird die gesamte Zulieferkette transparent gemacht, wobei jeder die ethischen Standards garantieren muss.“ Man hofft, durch das freiwillige Label die schwarzen Schafe aussortieren zu können, auch wenn es nur garantiert, was gesetzlich ohnehin vorgeschrieben ist. „Ich erwarte, dass sich in drei Jahren alle südafrikanischen Weinbaubetriebe zertifizieren lassen“, sagt Birch.

Eine Rundfahrt über die 500-Hektar-Farm Koopmanskloof mit Rydal Jeftha zeigt, dass für die Landarbeiter noch vieles im Argen liegt. Ein vielleicht zwölfjähriges Mädchen wankt dem Farmer am Sonntag betrunken und mit glasigen Augen entgegen. Und ein zahnloser Mann lallt den Manager an. „Komm morgen zu mir ins Büro, wenn du wieder nüchtern bist!“, sagt der schwarze Boss zu dem Anteilseigner der Farm freundlich, aber bestimmt. Sein Vorgänger, der selige Stevie Smit, hätte das kaum eleganter lösen können. „Die alteingesessenen Menschen hier stecken fest, sie haben es nicht mal geschafft, den Kinderspielplatz herzurichten“, sagt er und zeigt zum verwaisten Platz vor der Schule, wo seit Monaten ungenutzt das Baumaterial lagert.

In der Praxis hat sich gezeigt, dass es nur einen Weg gibt: bei den ganz Kleinen beginnen, wie beim „Pebbles Project“. Unter Leitung der agilen Sophie Warner werden von der Organisation seit 2004 Kinder betreut. Früher hatten die Kleinen ihre Mütter in die Weinberge begleitet.

Förderunterricht und Arbeitsplätze

Pebbles bietet Vorschulprogramme, Nachmittagsbetreuungen, Förderunterricht und Schulspeisungen. Und schafft Arbeitsplätze: Die Kindergärtnerinnen kommen aus den Landarbeiterfamilien. Hinzu kommen Aufklärungskampagnen gegen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft und die Aufklärung zur Verhinderung von sexuellem Missbrauch in den Familien.

„Viele Farmen, die anfragen, müssen wir mittlerweile abweisen. Das ist manchmal sehr hart bei den brennenden Problemen“, sagt Sophie Warner. Immerhin, die Kinder von Koopmanskloof haben Glück, sie erhalten durch Pebbles nun eine Chance auf ein besseres Leben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

China in der Kreide

Von Christian Geinitz

Nicht nur der Westen, auch China hat ein Schuldenproblem. Es sieht dem hiesigen gefährlich ähnlich. Denn anders als früher stehen nicht länger nur staatliche Schuldner und Gläubiger im Feuer. Mehr 3 16

Umfrage

Sollen Ein- und Zwei-Cent-Münzen abgeschafft werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --
Umfrage

Soll die Selbstanzeige für Steuerhinterzieher abgeschafft werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.