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Sucht nach Superlativen Chinas Leistungsschau

01.05.2010 ·  Mit der größten Weltausstellung der Expo-Geschichte in Schanghai unterstreicht China seinen Aufstieg zur Großmacht. Auf der Jagd an die wirtschaftliche Spitze ist den Chinesen fast jedes Mittel recht.

Von Christian Geinitz
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China, das Land der Superlative, feiert einen neuen Weltrekord. Am Samstag beginnt in Schanghai die größte Weltausstellung aller Zeiten. Das bevölkerungsreichste Land der Welt liebt solche Rekorde. Wie in jedem autoritären Regime befördert die Führung dieses Streben, vor allem im "Systemvergleich" mit den Demokratien. Das ist im Sport und bei Großereignissen wie der Expo so und auch in der Wirtschaft. Nachdem man Deutschland als Exportweltmeister abgelöst hat, will man jetzt den Erzrivalen Japan vom Platz der zweitgrößten Volkswirtschaft verdrängen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man auch Amerika überrundet. Dann wird China dorthin zurückkehren, wo es vor der Kolonialzeit stand und wo es seiner Größe nach hingehört: an die Spitze der Weltökonomie. Ohne China diesen Platz neiden zu wollen, sollte die westliche Welt immer wieder darauf hinweisen, dass die Höchstleistungen teuer erkauft sind, auch jetzt auf der Expo. Zehntausende Bewohner und Dutzende Unternehmen mussten weichen, Expo-Kritiker wie der Bürgerrechtler Feng Zhenghu dürfen ihre Wohnung nicht verlassen. Proteste gegen das Großereignis sind nicht erlaubt.

Auf der Jagd an die wirtschaftliche Spitze ist den Chinesen fast jedes Mittel recht. Entgegen den Regeln des Weltwährungsfonds IWF halten sie ihre Währung niedrig, um sich Kostenvorteile zu verschaffen. Für den Zugang zum Markt und zu den Rohstoffen Afrikas untergraben sie die Bemühungen, Entwicklungshilfe an gute Regierungsführung zu knüpfen. Obgleich Mitglied der Welthandelsorganisation WTO, ist China nicht bereit, seine Märkte vollständig zu öffnen. Immer häufiger werden Marktzugänge oder öffentliche Aufträge an dubiose Zertifizierungen oder an den Zwang zum Technologietransfer gebunden.

Selbst in den Vorzeigebranchen gibt es eklatante Investitionshemmnisse. Während Geely Volvo kaufen kann, dürfen ausländische Hersteller in China nur die Hälfte der Werksanteile halten. Die dominierenden Staatskonzerne bekommen zweifelhafte Subventionen und Regierungsaufträge, etwa aus einem Konjunkturpaket von mehr als 400 Milliarden Euro. Das Land möchte als Marktwirtschaft anerkannt werden, weil es der Konkurrenz dann schwerer fiele, gegen Dumping und Protektionismus vorzugehen. Doch noch ist China nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft weit von Offenheit, Pluralität, Chancengleichheit und Rechtssicherheit entfernt. Es herrscht immer nur so viel Markt, wie es die Partei und ihre Konglomerate zulassen.

Die Sucht nach Superlativen und die Beschränkungen freien Wirtschaftens schaden China selbst. Der hastige Aufschwung geht zu Lasten der Ressourcen, der Umwelt, der Gesundheit. Die Orientierung an der Quantität statt der Qualität des Wachstums hemmt die Entwicklung eher, als sie zu befördern. Weil die Regionen an ihrem Bruttoinlandsprodukt gemessen werden, unterstützen sie ineffiziente, aber ausstoßstarke Industrien und nehmen Überkapazitäten in Kauf. Aus dem Konjunkturpaket werden Millionen Arbeitskräfte bezahlt, die Flughäfen, Straßen oder Stadien bauen, deren Nutzen unklar ist. Rekordkredite treiben die Inflation an und blähen eine Immobilienblase auf, die sich als größte Gefahr für China erweisen könnte. Die falschen Anreize gelten auch im Kleinen. Die Regierung treibt ihre Konzerne an, in den Kreis der größten Unternehmen der Welt aufzusteigen, etwa in die Liste "Fortune 500". Dieses Schielen auf Umsätze hat zum Beispiel beim Autogiganten SAIC dazu geführt, dass Innovationen und Margen auf der Strecke geblieben sind. Bis heute ist Chinas Autoindustrie auf ausländische Partner angewiesen. Sie hat es nicht geschafft, auch nur ein einziges Modell von Weltniveau auf den Markt zu bringen.

Immer wieder wird eingewandt, man müsse den Chinesen Zeit geben, um der Quantität die Qualität folgen zu lassen und internationale Standards zu erreichen. Es stimmt schon, dass die Transformation beeindruckend verlaufen ist und Respekt verdient. Man darf aber nicht übersehen, dass sich andere rückständige Länder zukunftsfester modernisiert haben, etwa das technik- und wissensorientierte Südkorea. Falsch ist auch das Argument, nur die herrschende Staatsform habe China seine Blüte bescheren und 300 Millionen Menschen aus der Armut führen können. Schließlich hatte dasselbe Regime die Mittellosigkeit zuvor verursacht, während sich in demokratischen Ländern wie Japan Wohlstand, Rechtsstaatlichkeit und Bürgerpartizipation entwickeln konnten.

Ohne die Einparteienherrschaft seit 1949 und stattdessen mit funktionierenden Institutionen und Märkten wäre China heute vermutlich schon viel weiter: Es entwickelt sich nicht wegen, sondern trotz seiner demokratischen, rechtlichen und ökonomischen Mängel. Wenn jetzt die Welt die Expo bestaunt, dann darf sie sich nicht einlullen lassen von Schanghai, das für sich genommen schon eine große Leistungsschau des starken China ist. Wie immer muss man nach den Kosten fragen. Und die sind gefährlich hoch - für die Expo und für Chinas Aufschwung im Ganzen.

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.

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