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Erkenntnisse aus Stuttgart : Feinstaub-Falle Bahnhöfe

  • Aktualisiert am

Autos fahren im Februar 2018 an der Feinstaub-Messstation am Neckartor vorbei. Bild: dpa

Woher kommt der Feinstaub? Die Dekra ist in Stuttgart auf Spurensuche gegangen – und hat erstaunliche Antworten gefunden.

          Das Neckartor in Stuttgart gilt als einer der dreckigsten Orte Deutschlands – zumindest was die Luft betrifft. Autos blasen tonnenweise Feinstaub in die Atmosphäre, der Abrieb von Reifen und Bremsen tut seinen Rest. Tatsächlich aber sind Autos nur ein Teil des Problems. Denn der Großteil der Feinstaubbelastung hat andere Quellen. Doch welche genau?

          Der Prüfkonzern Dekra ist genau dieser Frage nun nachgegangen – und auf überraschende Ergebnisse gestoßen. Wie die „Stuttgarter Nachrichten“ am Montag unter Berufung auf einen Messbericht melden, ist die Feinstaubbelastung in Stuttgarter U- und S-Bahnhöfen deutlich höher als an der Neckartor-Kreuzung.

          Gemäß den Luftreinhaltungsrichtlinien der EU dürfen sich im Tagesdurchschnitt höchstens 50 Milliardstel Gramm Feinstaub in einem Liter Luft befinden. Dieser Wert muss an mindestens 330 Tagen im Jahr an jeder einzelnen Messstelle eingehalten werden. In den meisten Fällen bewegt sich die gemessene Feinstaubbelastung ein gutes Stück unter den Grenzwerten.

          Stark überhöhte Werte an den Plattformen

          Anders verhält es sich mit den derzeit stark umstrittenen Stickoxiden, die durch den Verbrennungsprozess in Dieselmotoren in die Luft gelangen. In Deutschland wurde im vergangenen Jahr an 46 Prozent aller Messstationen der zulässige Grenzwert von 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft überschritten. In mehreren Städten droht deshalb ein Fahrverbot für Dieselautos.

          In der aktuellen Dekra-Prüfung ging es jedoch um die Belastung durch kleinste Feinstaubpartikel in der Luft. In der unteren Etage des Bahnhofs Charlottenplatz in Stuttgart zeigten die Messgeräte laut dem Medienbericht einen Messwert von 100 Mikrogramm  pro Kubikmeter an – den doppelten Tagesgrenzwert. Solche Ausschläge seien zwar mit Vorsicht zu genießen, sagte Clemens Klinke, Technischer Direktor und Chef der Autosparte von Dekra, der „Stuttgarter Zeitung“. Sie zeigten zunächst nur, wie empfindlich die Messgeräte sind: „Um einen solchen kurzzeitigen Anstieg auszulösen, kann es schon reichen, wenn in der Bahn jemand vorbeiläuft und die Luft verwirbelt“, wird Klinke zitiert.

          Zwei Stationen weiter, Haltestelle Neckartor, schnellten die Messwerte dem Bericht zufolge jedoch abermals nach oben – diesmal sogar auf 120 Mikrogramm. Was die Prüfer verblüfft: der stark überhöhte Wert wird nur im unterirdischen Bahnhof gemessen. Oben, am gerne als dreckigste Kreuzung Deutschlands bezeichneten Neckartor, sei der Wert wieder rapide gesunken – auf 25 Mikrogramm pro Kubikmeter.

          Erstaunliche Abweichungen am Neckartor

          „In den unterirdischen U-Bahnhöfen ist die Belastung deutlich höher als an den Straßen – selbst wenn diese viel befahren sind“, sagte Klinke. Das sei kein Zufall. Zwar ließe sich die tatsächliche Ursache der hohen Feinstaubkonzentration nur durch eine wissenschaftliche Analyse der gesammelten Partikel ermitteln. Es liege aber nahe, dass der Bahnbetrieb dafür verantwortlich sei, etwa durch den Abrieb der Gleise. Auch in der großen Bahnhofshalle des Hauptbahnhofs wurde mit 75 Mikrogramm eine Feinstaubbelastung gemessen, die über dem erlaubten Tagesgrenzwert liegt.

          Und noch eine weitere Entdeckung machte die Dekra. Die Prüfgesellschaft misst an Stuttgarts Problemkreuzung am Neckartor derzeit mit einer eigenen Messstation. Sie steht direkt an der Kreuzung – und damit viel zentraler als die Messstation der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW).

          Die Luftmessstation am Neckartor. Die Google-Aufnahmen stammen aus dem Jahr 2008.

          Die LUBW hat ihre Station gemäß den EU-Vorgaben in einer Entfernung von 40 Metern und direkt vor einer großen Hausfront aufgestellt. Obwohl die Dekra ihren Feinstaub im unmittelbaren Umfeld des Problemherdes einsammelt, misst sie eine rund 20 Prozent niedrigere Konzentration der schädlichen Luftpartikel als die deutlich weiter entfernte LUBW-Station. Dieses überraschende Ergebnis erklärt Klinke so: Der Luftstau an der Gebäudefassade habe offenbar einen größeren Einfluss auf die Schadstoffbelastung als die Staus auf der Kreuzung.

          Das Fahrrad ist auch nicht ganz unschuldig

          Die Prüfer fanden im Rahmen ihrer Spurensuche weitere Quellen für die Feinstaubbelastung. Ein vorbeigehender Raucher etwa ließ die Konzentration von 20 auf 150 Mikrogramm springen, in einem Raucher-Zimmer in der Dekra-Zentrale wurden sogar 260 Mikrogramm gemessen. Auch der Staubsauger wurde als Feinstaubmotor identifiziert.

          Schließlich bekommt auch das Fahrrad sein Fett weg: mit durchschnittlich zwei bis vier Milligramm Feinstaub pro Kilometer produzierten die Zweiräder wegen des Bremsabriebs im Test rund zehnmal so viel schmutzige Luftteilchen wie ein modernes Dieselauto heute noch ausstößt. Allerdings ist unklar, ob da schon der Bremsabrieb des Autos eingerechnet ist.

          Das traditionelle Feuerwerk zum Jahreswechsel sorgt in Deutschland übrigens jedes Jahr für eine besonders große Feinstaubbelastung an Neujahr.

          Am Neckartor könnten in diesem Jahr indes die zulässigen Überschreitungstage für die Feinstaubbelastung sogar eingehalten werden. Nicht so beim Stickoxid: Hier liegt die gemessene Konzentration an der Kreuzung noch deutlich über dem Jahresgrenzwert.

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