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Flut in Houston : Das menschengemachte Desaster

Bewohner retten, was noch zu retten ist in den Fluten nach dem Tropensturm „Harvey“. Bild: Reuters

Der Großraum Houston boomt seit Jahren. Der Preis: Viele Häuser entstanden in klassischem Hochwassergebiet. Das Risiko dafür trägt der amerikanische Steuerzahler. Ein Kommentar.

          Amerika zeigt sich stets von seiner besten Seite, wenn in Notzeiten Tatkraft und Großzügigkeit gefragt ist. Selbstlose Bürger holen ihre Boote aus den Unterständen und fahren viele Meilen nach Houston, um Bürger aus ihren überschwemmten Häusern zu retten. Andere bringen Trinkwasser oder spenden Geld. Der Inhaber eines Matratzenhandels hat die Pforten seines Geschäfts für Leute geöffnet, die wegen der überfluteten Straßen nicht nach Hause können.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Sobald sich das Wasser zurückzieht in den kommenden Tagen, beginnt das große Aufräumen. Nachbarschaftshilfe ist garantiert in diesem großherzigen Land beim Bestreben, die überschwemmten Häuser wieder bewohnbar und das Unheil vergessen zu machen. Doch droht in all der Tatkraft eine heikle Frage unterzugehen. Ist es überhaupt sinnvoll, Häuser instand zu setzen, die immer wieder durch Stürme und Fluten bedroht sind?

          Für eine detaillierte Schadensschätzung ist es noch zu früh. Doch in einem sind die Schätzer ziemlich sicher. Harvey wird ein teurer Sturm für viele Hausbesitzer, aber auch für die öffentliche Hand. Harvey ist zwar nicht der kräftigste Wind, der über amerikanisches Festland wehte. Er könnte aber zu den Stürmen gehören, die die meisten Niederschläge produziert haben. Doch selbst diese Tatsache hätte nicht zwingend zu großen Vermögensschäden führen müssen.

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          Liberale Baupolitik macht anfällig für Naturkatastrophen

          Die gewaltigen Kosten entstehen vor allem, weil der seit Jahren boomende Großraum Houston mit seinen 6,5 Millionen Menschen im großen Stil Bebauungen in Niederungen zugelassen hat, die regelmäßig von Überflutungen und Hochwasser heimgesucht werden. Nicht umsonst ist Houston für seine liberale Baugesetzgebung im ganzen Land bekannt. Die Bebauungen, des Seeblicks wegen oft rund um kleine Buchten errichtet, produzieren gleich mehrere Probleme. Die Häuser werden häufiger als üblich von Naturkatastrophen getroffen.

          Während Harvey zumindest als kräftiger Sturm begann, ereigneten sich im Großraum Houston 2015 und 2016 zwei vergleichsweise bescheidene Stürme, die mangels Wucht noch nicht mal Namen bekamen. Und trotzdem gehörten sie zu denen nur knapp ein Dutzend Winden, die Milliardenschäden verursachten. Dazu kommt, dass in der Folge der massiven Bebauung Flächen versiegelt werden, die früher das Regenwasser wie ein Schwamm aufgesogen haben. Das nicht versickerte Regenwasser füllt die Kanalisation und fließt in Bäche, Flüsse, Kanäle und Reservoirs, die über ihre Ufer treten. An deren Ufern sind häufig Neubauten. So schließt sich ein Kreis.

          Man kann den laxen regionalen Bauregeln und kurzsichtigen Lokalpolitikern die Schuld an der Entwicklung geben, die für zusätzliche Immobiliensteuer-Einnahmen alle Vorsicht fahren lassen. Doch die bundesstaatliche Flutversicherung hat mit ihren Fehlanreizen die Entwicklung begünstigt. Diese war mit den besten Absichten vor knapp 50 Jahren ins Leben gerufen worden, weil private Versicherer sich zunehmend weigerten, Hochwasserschäden abzudecken.

          Die Grundidee war gut. Wer in klassischen Hochwassergebieten bauen wollte, musste besondere Auflagen zur Flutsicherung einhalten. Zudem sah die Versicherung vor, dass Hausbesitzer, deren Immobilien nach einer Flut besonders stark beschädigt worden waren, umziehen mussten.

          Doch in der Praxis wurde fast nie jemand zum Umzug gezwungen, die staatliche Versicherung schickt brav Schecks heraus, selbst wenn das Haus schon mehrfach überflutet worden war. Eine ältere Studie beschreibt ein Haus in Houston, das in 18 Jahren 16 Mal unter Wasser stand und dessen Besitzer dafür erfolgreich 800.000 Dollar geltend machten, obwohl die Immobilie selbst nur 115.000 Dollar wert war. Eine jüngere Studie belegt, dass nur ein Prozent der Risikobauten 25 Prozent der ausgeschütteten Schadensumme beanspruchen.

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          Würden die Versicherten der Flutversicherung mit ihren Beiträgen die Schäden abdecken, gäbe es wenig Grund zu Klage. Doch in der Realität ist die Staatsversicherung hoffnungslos mit knapp 25 Milliarden Dollar beim amerikanischen Schatzamt verschuldet, die Versicherungsbeiträge reichen bei weitem nicht. Damit übernimmt der amerikanische Staat das private Risiko einer schlechten Standortwahl. Washington subventioniert die Bebauung in Hochwassergebieten. Noch präziser: Der amerikanische Steuerzahler trägt das Risiko von Leuten, die gerne in von Hochwasser bedrohten Gebieten wohnen wollen. Während Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft für viele Amerikaner selbstverständlich sind, würden sie diese staatliche Flutversicherung mit ihren Fehlanreizen gewiss schleifen, wären ihnen die Zusammenhänge klar.

          Es gibt laut Weltklimarat bisher keine gesicherten Erkenntnisse, dass der Klimawandel häufiger Wirbelstürme auslöst, Amerika verzeichnete zuletzt weniger. Der Klimawandel kann aber auf jeden Fall mehr Starkregenfälle bringen. Der Sturm Harvey zeigt eindrucksvoll, dass die Katastrophe dank menschlicher Intervention schwer genug bleibt – ganz ohne Klimawandel. Houston, darf man sagen, wir haben ein Problem.

          Quelle: F.A.Z.

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